Für Werder Bremen geht es in der Rückrunde einzig allein um den Verbleib in der Bundesliga. Für den Klassenerhalt muss Grün-Weiß vor allem defensiv deutlich stabiler werden. Mit Kevin Vogt als bislang einziger Winter-Neuzugang sollen die Probleme gelöst werden - aber wie?


​Werder Bremen hat eine Hinrunde zum Vergessen gespielt - das ist nicht nur an der Weser allen bekannt. Statt den angepeilten Europa-Plätzen heißt die bittere Realität im zweiten Teil der Saison Abstiegskampf. Das Team von Trainer Florian Kohfeldt geht als Tabellen-17. und mit jeder Menge Baustellen in die Rückrunde.


Der Ruf nach Verstärkungen war in diesem Winter deshalb naturgemäß groß. ​Zugeschlagen hat Werder lediglich bei dem in Hoffenheim aufs Abstellgleis geratenen Ex-Kapitän Kevin Vogt. Angepeilte Neuzugänge für die Mittelfeld-Zentrale oder den Angriff sind nicht in Sicht. Die Verantwortlichen um Sportchef Frank Baumann erklären gebetsmühlenartig, dass man nur dann aktiv werde, wenn ein Transfer finanziell und sportlich Sinn mache.


Gerade Punkt eins schränkt Werder auf dem Winter-Transfermarkt sehr stark ein - und so ist nicht wirklich damit zu rechnen, dass Baumann noch weitere Verstärkungen präsentiert. 


Werder mit katastrophaler Gegentorstatistik 


Bleibt die Frage, ​wie Vogt in der Rückrunde ins Werder-Team integriert werden kann, und ob er dem Team sofort weiterhilft. Fakt ist, Bremen stellt die schlechteste Defensive der Liga (41 Gegentreffer, über 2,41 Gegentore im Schnitt pro Spiel). Allein mit dieser Statistik zeigt sich, wo der Schuh an der Weser am heftigsten drückt. Denn offensive Probleme hin oder her: Es ist einfach schwer, viele Spiele zu gewinnen, wenn man im Schnitt mindestens drei eigene Treffer erzielen muss.


Doch woran lag die Bremer Schwäche? Zur Einordnung: 49 Gegentore setzte es in der kompletten Vor-Saison, als man am Ende Achter wurde. Kein überragender Wert, aber zumindest gutes Mittelmaß. Das Personal hat sich seither nicht wirklich verändert. Wo lagen also die Probleme und wie kann Vogt dabei helfen?


Problem Nr. 1: Die Verletzungssorgen


Klar, ein Hauptproblem der Hinrunde waren die vielen Ausfälle, gerade in der Defensive. Abwehrchef Niklas Moisander fehlte weite Teile, was allein schon schwer zu kompensieren war. Dazu war auch BVB-Leihgabe Ömer Toprak nicht die erhoffte Verstärkung. Im Gegenteil, der 30-Jährige fiel mehr aus, als dass er auf dem Platz stand. Am Ende musste häufig Christian Groß ran, der eigentlich für die zweite Mannschaft eingeplant war.

Niklas Moisander

Auf den Außenbahnen ein ähnliches Bild: Marco Friedl konnte den verletzten Ludwig Augustinsson nicht im Ansatz ersetzen. Zum Ende der Hinrunde fiel dann auch noch Theodor Gebre Selassie aus. Gladbach-Leihgabe Michael Lang zeigte, dass er nur bedingt gehobenen ​Bundesliga-Ansprüchen genügt.


Problem Nr. 2: Die Formschwäche


Neben den vielen Verletzten und damit naturgemäß nicht im Rhythmus befindlichen Abwehrspielern, setzte Werder auch die schwache Form in der Reihe davor zu. Eigentlich ist das Werder-Mittelfeld das Prunkstück des Teams, doch Maxi Eggestein und mit Abstrichen auch Davy Klaassen konnten die Kollegen nicht in gewünschtem Maße anführen und für die nötige Stabilität sorgen. Routinier Nuri Sahin offenbarte in der Hinrunde als Sechser ebenfalls viele Unzulänglichkeiten.


Und auch Torhüter Jiri Pavlenka war nicht immer der starke Rückhalt, den man vom Tschechen gewohnt ist. "Ich bin mit mir nicht zufrieden", erklärte er gegenüber der Deichstube offen. "Vor zwei Jahren habe ich in der gesamten Saison 40 Tore bekommen, jetzt sind es nach der Hinrunde schon 41 - ich habe noch nie eine solche Halbserie erlebt", haderte Pavlenka. Werder ist das einzige Team in Europas Top-5-Ligen ohne Weiße Weste.


Problem Nr. 3: Die Standard-Schwäche


Werder bekommt einfach zu viele Gegentreffer nach dem ruhenden Ball. Allein nach Eckbällen kassierte Bremen sieben Gegentore - Ligahöchstwert. Ein Indiz, dass häufig Konzentration und Zweikampfhärte fehlen, denn körperlich ist das Team eigentlich gut aufgestellt. 


Diese drei Probleme liefern die Indizien dafür, warum Werder die Schießbude der Liga ist. Ein Mix aus diesen Faktoren macht deutlich, warum man den eigenen Kasten einfach nicht sauber halten kann. Ein Beispiel: Die Verletzungsmisere sorgte dafür, dass Sahin die meisten Spiele der Hinrunde in der Startelf stand. Seine schwache Form (oder altersbedingter Rückgang seiner Leistungsfähigkeit - je nachdem, wie man es betrachten möchte), führte auch dazu, dass Werder zum einen die Kompaktheit abhanden gekommen ist, und zum anderen sehr anfällig für Konter war. Im System von Kohfeldt lastet naturgemäß viel (defensive) Verantwortung auf dem Spieler vor der Abwehr.


Wie kann Vogt weiterhelfen?


Mit Kevin Vogt bekommt Kohfeldt einen variablen Defensivspieler dazu, der seine Qualitäten gerade in Hoffenheim konstant unter Beweis gestellt hat. Ursprünglich ist Vogt auf der Sechs zuhause, in Hoffenheim gab er aber überwiegend den zentralen Part in einer Dreierkette. Der 28-Jährige besticht vor allem mit seinem Tempo und seiner Spieleröffnung.


In der Winterpause erklärte Kohfeldt bereits, dass man systematisch variabel bleiben möchte - er sich also nicht auf Dreier- oder Viererabwehr festlegen will. In der Hinrunde agierte Werder meist mit vier Abwehrspielern, änderte das System aber vor allem gegen Topteams auf eine Dreier- respektive Fünferkette.


Dreierkette mit Vogt bietet sich an


Mit der Ankunft von Vogt, dürfte dieses System zumindest wahrscheinlicher werden. Vor allem mit Moisander und Veljkovic, mit Abstrichen auch Toprak, Friedl und Langkamp, verfügt Kohfeldt über geeignete Kandidaten neben Vogt. Dazu ist die Aufgabe als "vorgezogener Außenverteidiger" für Augustinsson prädestiniert. Offen bleibt noch, wer die reche Seite übernehmen könnte. Denkbar wären u.a. auch Leonardo Bittencourt und Benjamin Goller in dieser Rolle.


Vogt als Innenverteidiger nicht die Wunschlösung


Dagegen wäre Vogt als Innenverteidiger in einer Viererkette wohl eher nicht die Wunschlösung. Auch wenn er sehr schnell ist (was die SVW-Abwehr gut gebrauchen kann), ist und bleibt er kein "waschechter Innenverteidiger" - und das merkt man. Nicht von ungefähr hat ihn TSG-Coach Alfred Schreuder aussortiert, nachdem er auf eine Viererkette umgestellt hatte.

Nuri Sahin

Doch auch im typischen Werder-System der Hinrunde (eine Art 4-3-3) kann Vogt entscheidend weiterhelfen: Als Sechser vor der Abwehr. Hier wäre er nicht nur ein hervorragender Ballverteiler, sondern könnte bei der oft mutigen Werder-Spielweise den Kollegen dank seiner Schnelligkeit auch sehr gut den Rücken frei halten. Gerade bei Kontersituationen besitzt Vogt in der Restverteidigung gute Qualitäten. Hier wäre er ein deutliches Upgrade zu Sahin und auch zu Bargfrede.


Fazit: Vogt-Transfer kann für Werder ein Glücksfall werden!


Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Vogt zwar nicht der Heilsbringer ist und sein kann. Im Hinblick auf die großen defensiven Schwächen kann er Werder aber extrem weiterhelfen - und das, egal ob Kohfeldt mit einer Dreier- oder Viererkette spielen lassen möchte.


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