​Der ​VfB Stuttgart muss auf eine turbulente Hinrunde zurückblicken. Nach starkem Start, baute die Mannschaft vor allem ergebnistechnisch immer mehr ab und konnte am Ende von Glück reden, dass man nach 18 Spieltagen noch immer einen Relegationsplatz belegt. Nach dem Aus von Cheftrainer Tim Walter und der Amtsübernahme von ​Pellegrino Matarazzo werden die Schwaben derzeit wieder einmal auf links gedreht. So manchem Liebling des Ex-Trainers könnte dabei ein böses Erwachen blühen.


Da wäre zum einen Kapitän Marc Oliver Kempf. Rein sportlich, wusste der ehemalige Freiburger in der ersten Saisonhälfte zumeist zu überzeugen und war neben Holger Badstuber noch einer der wenigen Stabilisatoren der zuweilen wackligen Defensive gewesen. Mit einer komplett unnötigen ​r​oten Karte im Derby gegen den Karlsruher SC, hatte der Spielführer seiner Mannschaft aber auch einen Bärendienst erwiesen und trug zumindest indirekt mit der daraus resultierende Sperre von drei Spielen zur sportlichen Misere gegen Jahresende bei.


Muss Kempf seine Kapitänsbinde abgeben?


Obwohl Kempf erst seit dem Sommer 2018 im Trikot mit dem roten Brustring aufläuft, darf er seit dem Start der aktuellen Saison die Kapitänsbinde des Traditionsvereins überstreifen. Dabei profitierte der Innenverteidiger nicht nur von dem radikalen Kaderumbruch im vergangenen Sommer, dem unter anderem die Routiniers Christian Gentner und Andreas Beck zum Opfer gefallen waren, sondern vor allem von einer Eigenheit seines neuen Trainers Tim Walter. So war der neue Kapitän der Stuttgarter nicht etwa demokratisch gewählt, sondern von dem Cheftrainer bestimmt worden.

Marc Oliver Kempf

Nun, da mit Walter sein ehemaliger Thronhelfer vom Hof gejagt wurde, könnte sich die Hierarchie in Stuttgart verschieben. Der neue starke Mann Pellegrino Matarazzo lässt sich laut der BILD zumindest alles Möglichkeiten offen: "Ich habe noch keinen Grund gesehen, jemanden in Frage zu stellen. Aber man macht sich immer Gedanken. Das Thema kommt auf den Tisch." 


Fraglich ist jedoch, wer Kempf ernsthaft gefährden könnte. Spieler, die von ihrem Standing innerhalb des Vereins ebenso gut in Frage kämen, wie etwa Mario Gomez oder mit Abstrichen auch Gonzalo Castro, haben das Problem, dass sie eventuell unter Matarazzo nicht einmal in der Startelf gesetzt sein werden. Abwehrchef Holger Badstuber hingegen, dürfte wohl auch unter Matarazzo erste Wahl bleiben, gilt aufgrund seiner aufbrausenden Art und seiner zuweilen zweifelhaften Attitüde gegenüber seinen Mitspielern aber nicht unbedingt als absoluter Teamplayer. Unterm Strich dürften die offenen Worte von Matarazzo also eher als Motivation für Kempf betrachtet werden, denn als Kampfansage.


Viele weitere Fragezeichen


Doch nicht nur die Kapitänsfrage wird bei dem neuen Trainer in den kommenden Tagen auf dem Tisch landen. Vielmehr können sich fast alle einzelnen Mannschaftsteile nicht sicher sein, wie sie von dem neuen Coach eingeschätzt werden. So hatte bereits Tim Walter in seinen letzten Wochen die ehemalige Nummer Eins Gregor Kobel durch Fabian Bredlow ersetzt und bleibt noch abzuwarten, wer unter Matarazzo bis zum nächsten Spiel in rund drei Wochen den besseren Eindruck hinterlassen kann.

Darko Churlinov

Ebenfalls auf dem Prüfstand wird die linke Außenbahn sein, der nach dem Abgang von Emiliano Insua und nach der ​Verpflichtung von Darko Churlinov frischer Wind eingehaucht wurde. Auch welcher Stürmer sich in der Gunst des 42-jährigen Übungsleiters bis ganz nach oben ballern kann, lässt sich aktuell kaum abschätzen, zumal Nicolas Gonzalez den Verein bei einem angemessenen Angebot womöglich noch verlassen wird.


Über allem schwebt aber ohnehin die Frage nach der taktischen Ausrichtung der Stuttgarter. Bislang offenbarte Matarazzo lediglich, dass er - ähnlich wie sein Amtsvorgänger - ​auf eine dominante Spielweise setzen wird. Um nicht an den gleichen Unzulänglichkeiten wie Walter zu scheitern, rechnen viele Beobachter aber damit, dass der gebürtige US-Amerikaner einen größeren Fokus auf das Flügelspiel und eine besser abgestimmte Arbeit gegen den Ball legen wird. Demzufolge könnte in der Rückrunde Spielertypen gefragt sein, die unter Walter kaum Einsatzzeiten erhalten haben.