Etwas überraschend ging ​Manchester United am vergangenen Wochenende als Sieger aus der ​Premier-League-Partie hervor. Überraschend deshalb, weil der Gegner kein geringerer als der amtierende Meister Manchester City war. Gegen die Red Devils setzte es für das Team von Pep Guardiola eine 1:2-Niederlage. Für United selber waren die drei Punkte das Sprungbrett auf einen internationalen Platz - und ein weiteres Puzzlestück im etwas merkwürdigen Gesamtbild des Vereins.


Manchester United spielt in der aktuellen Saison wahrlich nicht um die Meisterschaft mit. Satte 22 Punkte ist man als Tabellenfünfter (!!!) vom Spitzenreiter Liverpool (46 Punkte) entfernt. Dennoch ist der fünfte Rang bereits als kleiner Erfolg zu werten, nachdem man vor einigen Wochen noch ins schmucklose Tabellenmittelfeld abzurutschen drohte.


Das Team von Trainer Ole Gunnar Solskjaer holte sich allerdings die wichtigen Punkte und meldete sich im Kampf um die internationalen Plätze zurück. Beeindruckend ist dabei der Fakt, dass United gerade gegen die Topmannschaften der Premier League Erfolge sammeln konnte. Gegen die "Big Six", zu denen neben ​Liverpool​City ​und United selbst noch Tottenham Hotspur, der​ FC Chelsea und ​Arsenal gehören, verloren die Red Devils in dieser Saison noch kein einziges Spiel. Auch gegen den Überraschungszweiten Leicester City holte United einen Sieg.


Manchester United und die englischen Topteams

Datum​Gegner​Wettbewerb​Heim/Auswärts​​Ergebnis (Sicht United)
​7.12.​Manchester City​PL​A​2:1
​4.12.​Tottenham​PL​H​2:1
​30.10.​Chelsea​League Cup​A​2:1
​20.10.​Liverpool​PL​H​1:1
30.09.​​Arsenal​PLH​​1:1
​14.09.​Leicester City​PL​H​1:0
​11.08.​Chelsea​PL​H​4:0

Der Traditionsklub kann sich zudem damit schmücken, bisher der einzige Verein zu sein, welcher der unangefochtenen Nummer Eins Liverpool einen Punkt abluchsen konnte. Die Reds von Jürgen Klopp holten in 16 Spielen unfassbare 15 Siege - und ein Unentschieden. ​Im Oktober brachte United im heimischen Old Trafford gegen Liverpool ein 1:1 über die Zeit.


Theoretisch ist die Klasse da, nur praktisch liefert United zu selten


Sowohl Moral als auch die spielerische Klasse können die Red Devils also in den wichtigen Spielen auf den Platz bringen. In Anbetracht der Tatsache, dass United gegen die Topklubs stets punkten konnte, ist ein fünfter Rang mit "nur" 24 Punkten etwas überraschend. Warum ist ein großer Klub, der die ebenso großen Konkurrenten konsequent ärgern kann, nicht erfolgreicher?

Diego Rico,Scott McTominay

Symbolbild für Uniteds Spiele gegen Mittelklasseteams wie AFC Bournemouth. Die Red Devils müssen sich am Ende gegen den aktuell Tabellen-15. mit 0:1 geschlagen geben


Das liegt an der Tatsache, dass United ebenso konsequent gegen kleinere Klubs Punkte abgibt. Gegen die Newcastles, Sheffields und Crystal Palaces der Liga bekommt United seine Power nicht auf den Rasen. Die Zahlen dazu: Nur zwei der bisherigen sechs Siege sowie vier der sechs Unentschieden holte sich United abseits der Duelle mit dem Topteams. Satte vier Niederlagen hagelte es gegen Mannschaften aus der mittleren und unteren Tabellenregion. Im Endeffekt sind dies zehn Punkte aus zehn Spielen, in denen die Gegner nicht aus den Top Six kamen oder nicht Leicester City hießen.


United kann also nur gegen die Topteams punkten und verschenkt wichtige Zähler gegen die vermeintlich schwächeren Gegner. Aus Sicht der Red Devils ist das natürlich sehr ärgerlich, weshalb man emsig auf der Suche nach der Ursache ist.


Die Ursache ist allerdings gar nicht mal so schwierig zu finden. United ist von den Big Six wohl die Mannschaft, die am defensivsten spielt - trotz der Premier-League-Rückkehr des "Park-the-Bus One" Jose Mourinho zu den Spurs. Manchester-Trainer Solskjaer ist besonders um eine sichere Defensive bemüht und setzt in der Offensive vielmehr auf Konter und giftige Akzente.


Daher liegt United der offensive Spielstil der Topmannschaften mehr, da man diese leichter auskontern und somit die eigenen Stärken besser ausspielen kann. Meistens war United gegen die große Konkurrenz der Klub mit den wenigeren Spielanteilen. Gegen den Rest der Liga, die typisch englisch eher defensiv eingestellt sind, ist United allerdings oft dazu gezwungen, als Spielgestalter zu agieren. Das schmeckt den Red Devils weniger.


Die offensive Idee fehlt


Zudem fehlt es im Kader der Engländer an einem richtigen Spielgestalter. Zwar hat man mit Paul Pogba, Juan Mata oder auch Daniel James durchaus kreative Köpfe in den eigenen Reihen, doch ein richtiger "Zehner", wie es etwas James Rodriguez oder Philippe Coutinho es wären, fehlt es. Daher vermisst man bei United oft den letzten Funken Spielwitz und die Idee, das Offensivspiel aufzubauen. Der Trumpf bei United ist bisher lediglich die Geschwindigkeit im Umschaltspiel.


Um auch auf Dauer im oberen Tabellendrittel vertreten zu sein, muss United also diese Probleme lösen. Besonders wichtig ist ein neuer offensiver Mittelfeldspieler, welcher für Schwung und Kreativität sorgt. Dadurch würde sich auch die defensive Ausrichtung etwas verschieben, denn ein Spielgestalter würde gleichzeitig auch die eher defensiv agierenden Mannschaftskollegen beeinflussen. Wichtig ist allerdings, dass das Team dabei nicht die defensive Stärke aus den Augen verliert. Mit nur 19 Gegentoren in 16 Saisonspielen stellt United eine der besten Defensiven der Liga.


Im Grunde ist das gute Abschneiden gegen die nationalen Topklubs also eine Belohnung für das eigene, durchaus funktionierende Spiel. Dennoch sollte ein Team mit diesem hohen Anspruch auch gegen die mittelklassigen Vereine punkten. Dazu braucht es mehr offensiven Mut, am besten durch die Installation eines richtigen Zehners. Schafft es United, diesen Feinschliff erfolgreich durchzuführen, ist definitiv wieder mit dem Red Devils zu rechnen.