Wäre der ​FC Liverpool aktuell nicht so erfolgreich, würde Leicester City drei Jahre nach der überraschenden Meisterschaft ein zweites Märchen schreiben. Mit sechs Punkten Vorsprung auf Manchester City, aber auch acht Zählern Rückstand auf Liverpool belegen die Foxes den zweiten Tabellenplatz in der Premier League. Der Erfolg ist ganz besonders zwei Namen zuzuschreiben: Brendan Rodgers und Jamie Vardy.


Brendan Rodgers wurde schon einmal Vizemeister, damals unglücklicherweise mit dem aktuellen Spitzenreiter Liverpool. Der Vorgänger von Jürgen Klopp machte sich bei Swansea City einen Namen in der Premier League, wechselte im Sommer 2012 zu den Reds und führte den Klub nah an die 19. Meisterschaft, der ersten seit 1990. Doch ausgerechnet ein folgenschwerer Ballverlust von Steven Gerrard, der im Spitzenspiel gegen den ​FC Chelsea die Führung für die Blues einleitete, brachte Manchester City drei Spieltage vor Schluss in die Pole Position. Die ​Sky Blues egalisierten den Rückstand auf Liverpool und Chelsea, sprangen mit einem 3:2-Sieg über den FC Everton an die Tabellenspitze und feierten mit zwei Punkten Vorsprung auf Liverpool die vierte Meisterschaft der Vereinsgeschichte.


Im Sommer 2014 wechselte Luis Suarez zum FC Barcelona, ein Jahr später schloss sich Raheem Sterling Manchester City an. Liverpool stürzte wieder ab, beendete die Saison 2014/15 auf dem sechsten Tabellenplatz. Als Rodgers im Oktober 2015 entlassen wurde, belegten die Reds sogar nur Rang zehn. 


Über ein halbes Jahr später begann Rodgers' Rehabilitation bei Celtic Glasgow. Den schottischen Serienmeister führte er zweimal in Folge zum Double, in der abgelaufenen Saison hätte er die Meisterschaft und den Pokalsieg ein drittes Mal feiern können - doch im Februar kam der Anruf aus Leicester, das nach der Entlassung von Claude Puel einen neuen Trainer suchte. Rodgers übernahm, führte die Foxes mit fünf Siegen aus zehn Spielen auf einen neunten Tabellenplatz und bereitete sich infolgedessen auf die neue Saison vor.


Rodgers krempelt Leicester um


Im Dezember befindet sich Leicester mitten im Titelrennen. 38 Punkte (12 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen) bedeuten einen komfortablen zweiten Tabellenplatz, weil City ungewohnt häufig patzt und im Manchester-Derby gegen United bereits die vierte Niederlage kassiert; und weil Liverpool einsam seine Kreise zieht, seit nun mehr 33 Ligaspielen ungeschlagen ist und mit 46 Punkten auf die erste Meisterschaft nach 30 Jahren zusteuert. 

: Brendan Rodgers

Brendan Rodgers beweist allen: Das Ende in Liverpool war nicht das Ende seines persönlichen Erfolgs.



Dass Leicester, der Sensations-Meister von 2016, wieder ganz oben mitmischt, liegt einerseits an Rodgers, der der Mannschaft ein 4-1-4-1 einbläute, sie aber auch an ein 4-3-3 oder 4-2-1-3 gewöhnte. Im direkten Duell gegen Liverpool am achten Spieltag wurde deutlich, wie gut Leicester wirklich ist. Erst in der 95. Minute erzielte James Milner - dank eines Elfmeters - den 2:1-Siegtreffer für den Tabellenführer. Tottenham (2:1) und ​Arsenal (2:0) wurden geschlagen, gegen Chelsea (1:1) gab es immerhin einen Punkt. Am 21. Dezember steht das Auswärtsspiel bei Manchester City bevor, fünf Tage danach steht das Rückspiel gegen Liverpool auf dem Plan.


Jamie Vardy wie im Meisterjahr


Dann braucht es vor allem Jamie Vardy in Topform. Der 32-Jährige erzielte im Meisterjahr 24 Tore, aktuell steht er bei 16 Treffern und drei Vorlagen in 16 Spielen. In den vergangenen acht Partien war er immer mindestens einmal zur Stelle, vielmehr noch: Seit Rodgers' Amtsantritt hat kein Stürmer in Europa mehr Liga-Tore erzielt. Vardy kommt auf 25, Robert Lewandowski und Lionel Messi haben im gleichen Zeitraum je 23 Mal getroffen. 

​​Von August bis November 2015 traf Vardy in elf Ligaspielen in Folge und stellte damit einen neuen Rekord auf. Seine eigene Bestmarke ist nun wieder in Reichweite. Schon jetzt hat er fast so viele Tore erzielt wie in der gesamten letzten Saison (18), von Trainer Rodgers gab es nach dem jüngsten Doppelpack beim 4:1 über Aston Villa ein dickes Lob (zitiert via ​BBC): "Jamie ist so ein Top-Spieler. Er ist immer bereit, wenn die Chancen kommen."

​Ob er jemals daran zweifele, dass sein Torjäger mal nicht trifft? Nein, sagt Rodgers. "
Es ist sehr schwer, gegen ihn zu spielen", schwärmt er, "weil er solch eine Bedrohung ist." Rund 48 Prozent aller Liga-Tore der Foxes - Assists mit eingeschlossen - gehen auf Vardys Konto, ohne seine Torbeteiligungen läge der Klub mit 13 Punkten weniger auf Rang fünf.


Unter dem Radar: Leicester arbeitet an der nächsten Sensation


Trotz allem ist Leicester medial betrachtet im Titelrennen außen vor. City und Liverpool dominieren die Presse, ein Problem hat Rodgers damit nicht. "Das ist normal", sagt er, "Manchester City und Liverpool sind unglaubliche Mannschaften und sie haben in den letzten beiden Jahren bewiesen, wie gut sie sind." Umso besser können er und seine Mannschaft sich auf die eigenen Hausaufgaben konzentrieren: "Wir respektieren das und wir werden einfach weiter unseren Job machen. Wir machen weiter damit, einfach zu spielen und unser Leistungsniveau zu steigern." Dann wird im Mai vielleicht das nächste Märchen geschrieben.