Der ​HSV ist endgültig im Krisenmodus angekommen. Konnte man sich die eine oder andere Schwäche vor allem bei Auswärtsfahrten noch mit individuellen Patzern schönreden, schrillen spätestens nach dem ernüchternden 0:1 gegen Heidenheim die Alarmglocken. 


Künftige Gegner im Volkspark werden es genauso machen wie Heidenheim


Denn es war eine kollektiv unbrauchbare Leistung der ganzen Elf. Das beunruhigende daran ist: Die Gegner scheinen den HSV mittlerweile komplett entschlüsselt zu haben. Und jede Mannschaft, die in Zukunft im Volkspark antritt, wird es ähnlich wie die Heidenheimer machen. 

Wird mit enormer Laufbereitschaft und Kampfeswillen die Räume zustellen, dem HSV kaum Entfaltungsmöglichkeiten geben, unangenehm, ja nahezu eklig in die Zweikämpfe gehen.

Und vorne hilft dann - vielleicht - der liebe Gott. Oder der x-te individuell benennbare Fehler in der HSV-Defensive. 


Die Heidenheimer wären gestern sicherlich auch mit einem Punkt zufrieden nach Baden-Württemberg zurückgefahren. Doch wenn man so eingeladen wird, wie Föhrenbach in der 82. Minute, nimmt man das Geschenk natürlich ohne zu zögern an. 


HSV fast schon wieder wie im März oder April


Insgesamt wecken die letzten, sagen wir mal drei, vier Spiele, egal ob im Volkspark oder in der Fremde, fatale Erinnerungen an das letzte Drittel der vergangenen Saison. Spiele wie gestern gegen Heidenheim gab es schon im April und Mai zuhauf. Die Niederlagen gegen Magdeburg und Ingolstadt, um nur mal die beiden Frusterlebnisse gegen die späteren Absteiger zu benennen, waren vom Spielverlauf her nahezu Abziehbilder zu dem gestrigen Auftritt. 

Und sie waren vor allem der Grund dafür, dass der HSV am Ende sein großes Ziel Wiederaufstieg krachend verfehlte. 


Und da liegt der Grund für die tiefgehende Beunruhigung, die seit gestern weite Teile der Anhängerschaft erfasst haben dürfte. Denn das Personal ist das, was da ist. Und es ist ja auch kein schlechtes Personal. Nur laufen momentan eben nicht nur zwei oder drei ihrer Form vom August oder September hinterher, sondern gleich deren vier oder fünf. Oder noch mehr. 

Die Verantwortlichen geben sich - naturgemäß -  gelassen. Die Peitsche wurde in der vergangenen Woche schon genug geschwungen. Jetzt weiter auf die Elf einzuprügeln, wäre kontraproduktiv. 


"Es ist so, wie wir es vor der Saison gesagt haben", begann Sportvorstand ​Jonas Boldt gegenüber der Mopo seine Bestandsaufnahme. "Wir wissen, dass es keine einfache Saison wird und dass es ein paar Täler gibt, die wir durchschreiten müssen. Das scheint nach zwei Niederlagen in Folge jetzt der Fall zu sein. Trotzdem schauen wir nach vorne." 


Winter-Neuverpflichtungen sind unverzichtbar


Wohin auch sonst. Nach vorne könnte in diesem Fall auch bedeuten: Richtung Transferfenster. Eine Blutauffrischung könnte dem Kader durchaus gut tun. Allein: Die Schüsse müssen sitzen. Spieler, die den Kader lediglich auffüllen, werden in der jetzigen Situation nicht weiterhelfen. Ich würde sogar den Fokus auf die Offensive richten. 


Eigentlich war von der sportlichen Führung vor allem die Verpflichtung eines Außenverteidigers angekündigt worden. In Reaktion auf die Verletzungen der beiden etatmäßigen Rechtsverteidiger Jan Gyamerah und Josha Vagnoman sicherlich eine vernünftige Idee. 

Doch eingedenk der Tatsache, dass sich Khaled Narey offensichtlich immer besser in seine Notnagel-Rolle als rechter Außenverteidiger einfindet, sollte man den Schwerpunkt der Transferaktivitäten vielleicht doch eher auf einen Knipser legen. 


Lukas Hinterseer ist es bisher - leider, leider - nicht. Und Martin Harnik, der über das Läuferische, Kämpferische, Leidenschaftliche kommt - noch viel weniger. Von Bobby Wood wollen wir erst gar nicht anfangen zu reden. Ein Knipser kostet natürlich Geld. Doch das tun gute Außenverteidiger auch. Mit der Rückkehr Gyamerahs und Vagnomans auf den Platz rechnet der Klub für März. Also rechnen wir mal: Bis dahin wird der HSV noch acht bis zehn Spiele ohne sie auskommen müssen. Acht bis zehn Spiele, in denen er meist als Favorit ins Spiel geht. Somit als die Mannschaft, die gefordert ist, das Spiel zu machen. Druck auf den Gegner auszuüben. 


Fokus sollte auf Stürmer-Suche gerichtet sein


Das geht mit einem gefährlichen Stürmer, der die Aufmerksamkeit der gegnerischen Defensive permanent fordert, natürlich einfacher als mit einem passablen Außenverteidiger. Auch wenn diese Position, auch beim HSV, im heutigen Fußball durchaus eine wichtige offensive Komponente beinhaltet. An der Person des Tim Leibold (Vorlagenkönig beim HSV) ist dies gut festzumachen. Doch ein Torjäger, der diesen Namen verdient, bindet halt nicht nur seinen Gegenspieler, sondern im besten Fall eine ganze Defensive. Und schafft dadurch natürlich Lücken für die anderen, ja durchaus torgefährlichen Spieler (wie Kittel). 


Das Spiel gestern jedenfalls wurde nicht verloren, weil der HSV nicht mit seinen beiden Rechtsverteidigern antreten konnte. Wie gesagt: Khaled Narey wächst in diese (für ihn ja auch nicht völlig neue) Rolle immer mehr rein.Nein, das Spiel wurde verloren, weil der HSV, wieder einmal, aus seiner durchaus vorhandenen spielerischen Überlegenheit kein Kapital zu schlagen wusste. Es wurde nicht zwingend genug in die Spitze gespielt. Es wurde viel zu pomadig kombiniert. So macht man es jeder Hintermannschaft der Welt leicht, zu verteidigen. 

Diese ungünstige Statik im Offensivspiel der Hanseaten gilt es so schnell wie möglich aufzubrechen. Wohldurchdachtes Agieren auf dem in Kürze öffnenden Wintermarkt könnte der erste Schritt sein, um dies zu schaffen.