​Also doch. Was​ Dieter Hecking in den letzten Wochen beharrlich verneinte, ist spätestens seit dem beunruhigenden 1:2 in Osnabrück offensichtlich geworden, und konnte im Anschluss dann auch vom HSV-Coach selbst nicht mehr als inexistent dargestellt werden.


Denn dass die Rothosen sich momentan in einem veritablen Leistungsloch befinden, ist nicht von der Hand zu weisen. Auswärts laufen sie mittlerweile seit Ende August einem Dreier in der Fremde hinterher. Aber auch die letzten Auftritte zuhause deuteten schon an, dass dem ​HSV die Leichtigkeit der ersten Wochen abhanden gekommen ist. 


Das Pokalspiel gegen den ​VfB Stuttgart (drei Tage nach der 6:2-Gala gegen denselben Gegner am selben Ort) ließ es schon erahnen, das Spiel gegen (den damaligen Tabellenvorletzten) Dynamo Dresden vor einer Woche, als der Sieg erst in der vierten Minute der Nachspielzeit unter Dach und Fach gebracht werden konnte, bestätigte den zuvor vor allem auf fremden Plätzen diagnostizierten Trend. 


Keine Auswärtsschwäche, sondern allgemeines erstes Saisontief


Es eben ist nicht nur eine Auswärtskrise, sondern ganz allgemein das erste Loch der Saison, in das Heckings Kicker gefallen sind. 


Deren Chef bemühte sich nach dem Spiel an der Bremer Brücke auch gar nicht erst, die aktuelle Lage schön zu reden: "Der Trend ist nicht gut", sagte Hecking gegenüber dem kicker. "Bei so einer Leistung fehlen mir die Argumente, um zu sagen, wir haben keine Auswärtsschwäche." 

Im Anschluss benannte der Übungsleiter dann auch gleich einen der Hauptfaktoren für die momentane Schwächephase: "Das Wesentliche in der zweiten Liga ist das körperliche Spiel. Wir wissen, dass wir gut sind, aber wir müssen in dieser Hinsicht schnellstmöglich lernen, auch mal dreckiger zu spielen." 


Noch am Freitagabend, unter dem Eindruck der vorherigen neunzig Minuten auf dem Platz, hatte Hecking sogar Worte wie "Prima Ballerina-Fußball" benutzt, und sich damit in bisher noch nicht gekannter Schärfe gegen seine Mannschaft gestellt. Der Frust über ein erneutes Negativerlebnis auf fremden Platz hat den Coach offenbar zum Umdenken gebracht. 


Der Ton wird rauher - und drohender, wenn er den Überlegungen über das fast körperlose Spiel seiner Elf den Satz hinterherschickt: "Und wenn wir es nicht lernen, müssen wir es personell verändern." Heißt: schon im kommenden Heimspiel gegen Heidenheim an diesem Freitag (18.30 Uhr) könnte sich der eine oder andere auf der Bank wiederfinden. 


Schon in Osnabrück hatte man eigentlich mit Timo Letschert in der Startelf gerechnet. Der hatte immerhin als vorweggehender Kämpfer in Kiel den wichtigen Ausgleich in der Nachspielzeit erzielt und war auch gegen Dresden sicherlich nicht der schlechtere von zwei Innenverteidigern. Doch aufgrund muskulärer Probleme, die der Spieler vor dem Spiel angab zu haben, verzichtete Hecking auf seine Nominierung und schickte Jung und van Drongelen aufs Feld. 


Zu Letscherts Fehlen gesellten sich dann noch die Ausfälle von Hunt und Hinterseer. Während der Österreicher seine Blessur schon seit der Länderspielpause vor zwei Wochen mit sich rumschleppt, musste Hunt kurzfristig wegen einer fiebrigen Erkältung passen. 


Wenn man dann noch die Sperre von Bakery Jatta dazunimmt, hat man eine weitere Erklärung für die letzten alles andere als überzeugenden Auftritte zur Hand: Die Mannschaft stellt sich momentan von selbst auf, und muss dabei auf Spieler zurückgreifen, die einfach nicht in Form sind. 


Bobby Wood ist da natürlich im offensiven Bereich zu nennen, aber auch Rick van Drongelen und Gideon Jung wirken seit einigen Wochen alles andere als souverän. Ein Lichtblick gibt es zumindest für das nächste Spiel: Bakery Jatta wird nach seiner Rot-Sperre gegen Heidenheim wieder mit von der Partie sein. Von seiner unorthodoxen Spielweise und seiner Schnelligkeit erhofft sich der Trainer wieder einen Schub für die zuletzt etwas pomadige Spielweise. 


Mannschaft lässt momentan Grundtugenden vermissen


Doch Verletzungen oder Sperren hin oder her - von einem Kader wie dem des HSV darf man trotzdem erwarten, dass er sich bei Mannschaften von der Kategorie Wiesbaden, Kiel oder Osnabrück (bis vor zwei Jahren allesamt noch Drittligisten!) souveräner anstellt. 


Entsprechend harrsch ging denn auch Sportvorstand Jonas Boldt, bislang nicht dafür bekannt, die Mannschaft öffentlich anzuzählen, mit der Elf ins Gericht: "In den letzten Auswärtsspielen war es schon ähnlich. Da haben wir zumindest noch die Ergebnisse einigermaßen eingefahren. Aber wenn es dann komplett durch die Mannschaft durchgeht, dass keiner Zweikämpfe bestreiten und gewinnen will, dann funktioniert es nicht. Ein Fußballspiel kannst du so nicht bestreiten, egal in welcher Liga", kommentierte der Manager sichtlich angefressen noch am Freitagabend den Auftritt der Mannschaft. (Quelle: mopo.de)


Boldts und Heckings Aussagen nach dieser jüngsten Pleite lassen jedenfalls darauf schließen, dass intern ab jetzt etwas härter durchgegriffen wird und die Anforderungen an die Spieler steigen. Stellvertretend dafür steht ein Satz Heckings, den er gegenüber dem kicker in diesem Zusammenhang fallen ließ: "Es gibt immer mal Zeitpunkte, wo du als Trainer mal draufhauen kannst." Beim HSV ist dieser Zeitpunkt spätestens jetzt gekommen.