Was wurde in den letzten Monaten nicht alles gemeckert. Trainer wurden hinterfragt, Spieler fast vom Hof gejagt, die Saison schon abgeschrieben. ​Nach dem fantastischen 2:1-Sieg gegen den FC Bayern München ist man bei ​Bayer 04 Leverkusen aber wieder oben auf. Der Erfolg gegen den Rekordmeister ist von den Spielstatistiken her wohl sehr unverdient, mit Hinsicht auf die vergangenen Bayer-Wochen allerdings nicht komplett überraschend. In Leverkusen hat man Geduld bewiesen. Und genau das zahlt sich jetzt aus.


Große Erwartungen, ernüchternde Leistungen und zu wenig Punkte - irgendwie passte die Leverkusener Saison zum eigenen Credo. Die Werkself blieb nicht selten unter ihren Erwartungen und dümpelte zuletzt im Mittelfeld der Tabelle herum. Zwar noch in Reichweite zu den internationalen Plätzen, aber doch irgendwie zu weit weg, um wirklich noch oben mitzuspielen.


Nicht zuletzt wurde über Trainer Peter Bosz hergezogen. Dem Niederländer wurde unter anderem die geringe Rotation, die fehlende Förderung der Talente und das müde Spiel mit dem Ballbesitz vorgeworfen. Auch ich muss mich wohl oder übel zu den Kritikern des Trainers zählen. Zwar überzeugt vom Bosz'schen Fachwissen, war auch ich häufig nur wenig begeistert von seiner Spielphilosophie und wahrlich kein Fan seiner Aufstellungen...


Aber irgendwie ist es umso schöner, wenn die elende Kritik mit einer schallenden Ohrfeige abgewiesen wird.


Mit 2:1 triumphierte die Werkself am gestrigen Abend in München. Der erst vierte Auswärtssieg beim Rekordmeister in der eigenen Vereinsgeschichte tut der Werkself besonders gut. Nach zuletzt wieder besseren Spielen in Liga und ​Königsklasse pusht der sechste Saisonsieg die Moral weiter nach oben. Wie konnte es aber überhaupt dazu kommen? Wie kann eine Mannschaft, die unter anderem 0:4 gegen ​Borussia Dortmund und 0:2 gegen Lokomotive Moskau verliert, den formstarken ​FCB in dessen Stadion besiegen?


Bayer 04 hat in den letzten Wochen eine Eigenschaft an den Tag gelegt, die in der heutigen Fußballwelt extrem selten geworden ist: Geduld. Die Angst, die langfristigen Ziele aus den Augen zu verlieren, wurde verdrängt. Der schnelle Erfolg, die akute, wenn auch nur kurzzeitige Formstärke, war der Werkself ebenso unwichtig. Es ging um die eigene, auf lange Sicht ausgelegte Entwicklung, den Blick nach vorn und die Konzentration auf die kleinen Zahnräder im Mannschaftsgefüge. Leverkusen bewahrte auch nach Rückschlägen Ruhe.


Vor ein paar Wochen merkte man schließlich, dass eben diese Zahnräder ineinander zu greifen schienen. Der Mentalitätssieg in der Champions League gegen Atletico Madrid sollte dabei der Auftakt sein. Es folgten ein Sieg gegen den VfL Wolfsburg, ein unnötiges Unentschieden - da zu viele Chancen versiebt - gegen den ​SC Freiburg und ein Erfolg gegen Lok Moskau, abermals in der CL, ​wodurch man das Ticket für die Europa League löste. Mit jedem dieser Spiele wurde Leverkusen ein Stückchen besser. Es funktionierte längst nicht alles, doch die Mannschaft wuchs immer weiter zusammen. Peau à peau wurden einzelne Aspekte im Spiel immer weiter justiert.


Gegen Atletico war es die mentale Einstellung, gegen Wolfsburg der Kampf, gegen Freiburg die Kreativität und gegen Lok schließlich das Glück. All das setzte sich schließlich gegen München zu einem Ganzen zusammen.


Das Spiel gegen die Bayern war aus Leverkusener spielerischer Sicht keinesfalls überzeugend. Lediglich 26 Prozent Ballbesitz ist für ein Team, was selbst gegen Topteams die ballführende Mannschaft ist, ein harter Schlag. 24 zugelassene Torchancen zeugen ebenso wenig für eine sichere Defensive, zumal der FCB dreimal das Aluminium von Nahem betrachtete.


Doch in solchen Spielen benötigte Leverkusen das Glück, ​welches etwa im vorherigen Spieltag gegen Freiburg fehlte. Gegen den SC spielte die Werkself wie der FCB gestern offensiv auf, belagerte den gegnerischen Strafraum und haderte vor allem mit der eigenen Chancenverwertung und dem Glück. Gegen München hatte man Letzteres endlich mal auf seiner Seite. Das ist Fußball.


Leverkusen spielt sich ein - und macht Lust auf mehr


Zudem stimmt endlich die Einstellung im Team. Ob ​Welttorhüter in spe Lukas Hradecky, der überraschend standfeste Wendell, Mr. Monstergrätsche Lars Bender, Doppelassistgeber und Wühlmaus Kevin Volland oder allen voran der zweifache Torschütze Leon Bailey - sie alle erklärten sich gestern Abend dazu bereit, mehr als 110 Prozent Einsatz zu geben und sich in das Spiel reinzubeißen. Genau das ist die Einstellung, welche Bayer 04 zuletzt fehlte und dabei aber so dringend gebraucht hätte.


Dass man in dieser Saison noch solch ein Ausrufezeichen setzen würde, hätte bei den Rheinländern wohl nur noch wenige erwartet. Doch im Grunde ist es der Lohn für die bisherige Durststrecke. Die Führungsköpfe der Werkself blieben ruhig, denn sie glaubten an den Weg, den sie mit dem Verein eingeschlagen haben. Auch das Peter Bosz weiter seiner Spielphilosophie vertraute, erscheint nach dem Sieg in einem ganz neuen Licht. Die geduldige Arbeit an sich und der Mannschaft war der Grundstein für diesen Erfolg!


Natürlich sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben, zumal kommende Woche mit dem ​FC Schalke 04 der Tabellendritte in der BayArena erwartet wird. Aber Hallejulia, ich habe mich selten so auf eine Partie der Leverkusener in dieser Saison gefreut. Die Stimmung ist gut, der Sieg gegen München schmeckt hervorragend. Das Vertrauen in die Mannschaft kehrt zurück, weshalb man nur noch eines sagen kann: Der SVB ist wieder da!