​Jadon Sancho ist einer dieser Spieler, die der ​BVB groß gemacht hat. Und er wird einer dieser Spieler sein, die Dortmund als Sprungbrett nutzen. So war es auch bei einem Ousmane Dembele oder Henrikh Mkhitaryan. Es ist die Geschichte von Erfolgsgier und Stillstand.


Der BVB hat sich in der vergangenen Dekade die Affinität und Ambition eines europäischen Top-Clubs angeeignet. Das nährt den Verein und geht auf die grandiose Arbeit der Verantwortlichen zurück. Nicht umsonst schreibt der Verein Jahr für Jahr Rekordzahlen, lockt hoch veranlagte und mittlerweile auch verdiente Spieler ins Ruhrgebiet und wird als zweite große Kraft in Deutschland deklariert. Selbst in Europa ist der BVB wieder eine Hausnummer geworden. Und trotzdem tritt die Borussia seit einigen Jahren sportlich auf der Stelle.


Die letzten ganz großen Erfolge datieren aus den Jahren 2011, 2012 und 2013. Damals gewann der BVB zwei Meisterschaften (in einem Jahr sogar das Double mit dem DFB-Pokalsieg) und zog ins Champions-League-Finale ein. National wie auch international dockte Borussia Dortmund wieder an der absoluten Elite an. Ein modernes Fußballwunder, wenn man bedenkt, dass der Verein nur wenige Jahre zuvor beinahe Insolvenz anmelden musste und sich organisch aus dem Sumpf gearbeitet hat. Es ist ein Denkmal, das sich die Herren Hans-Joachim Watzke, Reinhard Rauball und die operativen Gesichter wie Michael Zorc und Jürgen Klopp gebaut haben. Und es ist eins, das in der Dortmunder Vereinsgeschichte auf ewig zementiert ist.


Der BVB und die Gier nach Erfolg


Der Fußball ist nun aber ein dynamisches Geschäft. Stillstand ist Stillstand. Und deshalb war und ist es nur folgerichtig, dass der BVB den Fuß auf dem Gaspedal ließ; mit zwei Meisterschaften und einer Finalteilnahme in der Königsklasse im Gepäck, war die Marschrichtung klar: Oben sein, oben bleiben; sich gleichzeitig aber bewusst sein, woher der BVB kommt und was ihn noch immer von der Elite des europäischen unterscheidet. Die Demut, die damit einhergeht, hat allerdings eine Halbwertzeit und wurde in den vergangenen Jahren sukzessive aufgebrochen. Vor zehn Jahren hätte man einen sechsten Platz in der Bundesliga unterschrieben; heute ist das in Dortmund eine fundamentale Krise. Die Gier nach Erfolg ist das Produkt der konstant herausragenden Arbeit beim BVB; sie muss nun aber auch moderiert werden können.


Und genau das gelingt dem amtierenden Vizemeister seit einigen Jahren nicht wirklich. Erfolge sind - abzüglich eines DFB-Pokalsiegs 2017, der einen faden Beigeschmack hat (Stichwörter: Tuchel, Bombenanschlag) - Mangelware. An der Herausforderung Deutsche Meisterschaft beißen sich die Westfalen die Zähne aus, in der Champions League ist das Ziel vom Halb- auf das Achtelfinale korrigiert worden. Wer sich noch daran erinnern kann, woher der BVB kommt, der erkennt weiterhin den sportlichen Aufstieg der Borussia; in der öffentlichen Wahrnehmung klebt Dortmund aber auf der Stelle fest. Es geht nicht mehr aufwärts. Der BVB stößt an seine Grenzen.

Keine Topstars ohne Halbwertzeit für den BVB


Das operative Problem bei den Schwarz-Gelben ist das Fehlen einer homogenen Mannschaft. Die stand Jürgen Klopp 2011, 2012 und 2013 zur Verfügung. Dann schlug der FC Bayern zu, stahl sich Dortmunds Herz (Mario Götze), die Nieren (Robert Lewandowski) und schließlich auch die Lunge (Mats Hummels). Der BVB zerfiel in sich; all die Stars, die in Dortmund groß geworden sind, zogen weiter. Ilkay Gündogan, Henrikh Mkhitaryan, Pierre-Emerick Aubameyang, Ousmane Dembele - und als nächstes Jadon Sancho. Ein Jeder von ihnen ging, um Titel zu gewinnen und das große Geld zu verdienen; etwas, das in Dortmund nicht geboten werden kann. Und ohne die Möglichkeit, über Jahre hinweg mit diesen Stars zu arbeiten, geht dem BVB die Subtanz abhanden; ein Umbruch folgt auf den nächsten, Konstanz ist zu einer Rarität verkommen. 


Dem BVB fehlen die Argumente, Spieler der Extraklasse (Marco Reus ausgenommen) langfristig zu halten. In der Amazon-Doku "Inside Borussia Dortmund" gibt es eine Szene, in der Hans-Joachim Watzke bei der Scouting-Abteilung den Wunsch äußert, mal wieder ein lokales Talent zu finden. Spieler a la Jacob Bruun Larsen oder Christian Pulisic sind Zeugnisse der guten Jugendarbeit; aber die Gier nach einer neuen Identifikationsfigur, wie sie Marco Reus ist, wie sie Mario Götze war, ist groß. Watzke weiß: Wir müssen unsere Stars groß machen, nicht groß einkaufen. Und es müssen Talente sein, die sich klar zum Verein bekennen; anders als ein Ousmane Dembele oder ein Jadon Sancho. Der BVB braucht mal wieder ein Gefüge, mit dem er drei, fünf, zehn Jahre planen und arbeiten kann. 

Dem BVB fehlen die richtigen Waffen

Diese Herausforderung gilt es für Hans Joachim Watzke, Michael Zorc und Co. zu bewältigen. In den vergangenen Jahren zog Borussia Dortmund seine Diamanten groß, streckte die Hand aus und kassierte ab. Das ist wirtschaftlich legitim, steht unter dem Strich aber dem sportlichen Erfolg im Weg. Der BVB deklariert sich nicht mehr als Ausbildungsverein; dafür hat er zu viel eines europäischen Top-Clubs. Dementsprechend moderiert Schwarzgelb die eigenen Transfers und distanziert sich von traditioneller Demut; das wäre Stillstand und der Blick des BVB richtet sich nach oben. Aktuell geht es in Dortmund aber nicht mehr weiter. Es fehlen (noch) die Waffen, um final mit der europäischen Elite mitzuhalten. Es fehlt die Demut (und wie könnte sie die Borussia nach der letzten Dekade auch haben?), um sich als Ausbildungsverein zu outen. Und so ist und bleibt der BVB aktuell vor allem eines: Ein Schaf im Wolfspelz.