Im öffentlichen Leben wirkt Andres Iniesta wie ein gewöhnlicher Mann mit wenig Haupthaar und einer kleinen und eher schmächtigen Statur. Auf dem Platz aber war der 35-Jährige viele Jahre lang ein Künstler, der nun seine Karriere in Japan ausklingen lässt. Im All-Decade-Ranking belegt Iniesta Platz drei.


Als Iniesta, der von 1996 bis 2018 für den FC Barcelona spielte, noch in den Nachwuchsabteilungen der Katalanen weilte, da soll Pep Guardiola schon auf ihn aufmerksam geworden sein. Kurz vor seinem Abschied Richtung Brescia Calcio soll er zu Xavi gesagt haben: "​Schau dir mal diesen Iniesta im Jugendteam an. Du wirst mich in die Rente schicken. Aber Iniesta - der schickt uns alle in den Ruhestand." (Quelle: kick​er). 


Schon ein paar Jahre später war allen Experten klar, dass sich Guardiolas Prophezeiung, sollte sie denn so gefallen sein, bewahrheitet hat. Heute gilt Iniesta als der erfolgreichste spanische Fußballprofi, und doch hat er erst in den vergangenen Jahren die Anerkennung erhalten, die er verdient. Weil er das Spiel auf engstem Raum beherrscht, gemeinsam mit Xavi und Sergio Busquets das von Guardiola, der 2008 der neue Cheftrainer des ​FC Barcelona wurde, initiierte Tiki Taka umsetzte, als sei es ein Kinderspiel. Weil er das Auge für Pässe hatte, die niemand für möglich gehalten hätte. Weil er einer der ganz wenigen Spieler war, die, was auch immer sie taten, Erfolg hatten.


Iniesta ist ein Titelsammler, wie er im Buche steht


Es war der 29. Oktober 2002, als Iniesta im ​Champions-League-Spiel gegen den FC Brügge debütiert. Louis van Gaal ließ ihn über 90 Minuten durchspielen, seine einzigen Worte vor Spielbeginn: "Da ist der Platz. Er gehört dir. Spiel!" Wie befohlen spielte er, und das immer häufiger. So häufig, dass er ab der Saison 2004/05 Stammspieler im Mittelfeld wurde. Als er Barça im Sommer 2018 verlässt und zu Vissel Kobe wechselt, steht die Uhr bei 674 Pflichtspielen. Zusätzlich stand Iniesta 131 Mal für die spanische Nationalmannschaft auf dem Platz. In 805 Profispielen hat er ausnahmslos jeden Titel gewonnen. Welt- und zweifacher Europameister, neunfacher Spanischer Meister, siebenfacher Spanischer Superpokalsieger, sechsfacher Pokalsieger, vierfacher Champions-League-Sieger, dreifacher Klub-Weltmeister, Fußballer des Jahres in Spanien 2009, Europas Fußballer des Jahres 2012. 


Depressionen und eine große Geste

Für Tore war Iniesta eher weniger bekannt, 80 Stück hat er davon insgesamt erzielt. Das Wichtigste fiel am 11. Juni 2010 in der 116. Minute. Im Finale der Weltmeisterschaft liefern sich die Niederlande und Spanien ein hartes Duell, Schiedsrichter Howard Webb verteilt 12 Gelbe Karten und stellt Johnny Heitinga nach 109 Minuten mit Gelb-Rot vom Platz. Sieben Minuten später hämmert Iniesta den Ball aus wenigen Metern in die Maschen des von Maarten Stekelenburg gehüteten Tores. Spanien wird zum ersten Mal Weltmeister - und Iniesta, der sein Trikot auszieht, gedenkt Daniel Jarque. Der Abwehrspieler von Stadt-Rivale Espanyol starb 2009 an einem Herzversagen, auf dem Unterhemd war die Botschaft "Dani Jarque ist für immer mit uns" zu lesen. Es war eine fast schon typische Geste für den bescheidenen Iniesta.


Denn er weiß, welche Steine einem das Leben in den Weg legen kann. Nicht nur wegen der Fehlgeburt seiner Tochter im Jahr 2004, sondern auch wegen Depressionen, die er vor einem Jahr beim spanischen Fernsehsender La Sexta TV öffentlich machte (zitiert via ​Welt): "Der Drang bei mir, zur Behandlung zu gehen, war so groß, dass ich schon immer 15 Minuten vor Beginn da war", berichtete er über die Krankheit, die 2009 in ihm ausbrach. "Wer mit einer Depression lebt, ist nicht er selbst. Du bist verletzbar, und es gibt sehr schwierige Momente, dein Leben zu kontrollieren."


Doch alles Schlechte, das ihm widerfahren ist, konnte er überwinden. Und so wurde Iniesta - der vom französischen Magazin France Football, das für die alljährliche Verleihung des Ballon d'Or verantwortlich ist, eine Entschuldigung dafür erhielt, nie diese Auszeichnung erhalten zu haben -, zu der Vereinsikone, Identifikationsfigur und dem Vorbild, das er heute ist. 


Guardiola und van Gaal schwärmen


"Ich habe immer von ihm gelernt. In jeder Trainingseinheit, in jedem Spiel. Mit welcher Leichtigkeit er gespielt hat. Schon damit hat er mir geholfen, den Fußball besser zu verstehen", schwärmte Pep Guardiola nach Iniestas Abschied aus Barcelona. Louis van Gaal sagte: "Er konnte die Dinge vor allen anderen sehen und wusste genau, was er auf engstem Raum zu tun hatte. Er hat eine große Fähigkeit, wie Leo (Lionel Messi, Anm. d. Red.) zu dribbeln, aber auf kleinem Raum hatte er mehr Qualität und Geschwindigkeit bei der Ausführung. [...] Er ist auch ein großartiger Mensch und wenn ein großartiger Mensch in seiner Bescheidenheit klug genug ist, sich mit den richtigen Leuten zu umgeben, ist alles einfacher" (Quelle: Sport1).


Einfach war es für Andres Iniesta gewiss nicht immer. Aber er hat jede Situation gemeistert, vor allem auf dem Platz. Der Vertrag auf Lebenszeit, den er bei Barça unterzeichnete, unterstreicht, wie wichtig er für den Verein war - und auch in Zukunft sein wird. 


Die 20 besten Spieler des Jahrzehnts: Das große 90min-Ranking

Platz 20: Giorgio Chiellini - der unzerstörbare Turm von Juventus Turin

Platz 19: Luka Modric - der unauffällige Edeltechniker

Platz 18: Philipp Lahm - der "perfekte Spieler" für Pep Guardiola

Platz 17: Gianluigi Buffon - die unsterbliche Legende

Platz 16: Kevin De Bruyne - das belgische Genie

Platz 15: Franck Ribéry - als Bayern endlich wieder einen König hatte

Platz 14: Thomas Müller - das letzte echte Eigengewächs des FC Bayern

Platz 13: Eden Hazard - unbezwingbar und effizient

Platz 12: Xavi - das personifizierte Kurzpassspiel

Platz 11: Neymar - das Ausnahmetalent mit vielen Makeln

Platz 10: Arjen Robben - der Mann für die entscheidenden Momente

Platz 9: Bastian Schweinsteiger - Fußballgott mit Kämpferherz

Platz 8: David Silva - der Lieblingsspieler von Frank Lampard

Platz 7: Zlatan Ibrahimovic - der Fußballgott persönlich

Platz 6: Manuel Neuer - der Anführer einer neuen Torhüter-Generation

Platz 5: Sergio Ramos - der Anführer von Real Madrid

Platz 4: ​Robert Lewandowski - der kompletteste Stürmer der Welt