Ist am Dienstagabend der Stein gefallen, auf den die Verantwortlichen des ​FC Bayern München gewartet haben? Tottenham Hotspur gab die Trennung von Mauricio Pochettino bekannt, der Argentinier wurde binnen weniger Stunden ​durch niemand Geringeres als José Mourinho ersetzt. Interimstrainer Hansi Flick erhielt die Garantie, die Mannschaft mindestens bis zur Winterpause zu begleiten. Nicht ausgeschlossen, dass der Name Pochettino in den kommenden Tagen diskutiert wird. Die Münchner könnten jetzt zuschlagen - oder mit Hinblick auf den Sommer pokern. 


Nach fünf Jahren, fünf Monaten und 23 Tagen gehen die Spurs und Pochettino getrennte Wege. Es ist eine konsequente, aber gewiss nicht einfache Entscheidungen, die der Klub um Besitzer Daniel Levy in den vergangenen Tagen getroffen hat. Nach einigen turbulenten Jahren, in denen Tottenham immer wieder an den Top-Vier kratzte, sich aber nie dauerhaft unter die großen Klubs mischen konnte, formte der vorherige Erfolgstrainer des FC Southampton den Verein aus dem Norden Londons zu einer echten Spitzentruppe in der Premier League.


Sein schlechtestes Resultat: Platz fünf in seiner Debütsaison. Zwei dritte Plätze, die Vizemeisterschaft in der Saison 2016/17, Platz vier in der abgelaufenen Saison und der Einzug ins ​Champions-League-Finale trotz des kostenintensiven Stadionbaus und der damit geringen Aktivitäten auf dem Transfermarkt verdeutlichen, welches Fundament Pochettino seit dem 27. Mai 2014 errichtet hat. Alles, was ihm fehlte, war der letzte Schritt - ein Titel, um seine Arbeit endlich zu belohnen.

Mauricio Pochettino

Nach dem emotionalen Halbfinale gegen Ajax Amsterdam ging Mauricio Pochettino auf dem Rasen der Johan-Cruijff-Arena auf die Knie. Im Endspiel der Königsklasse musste er sich geschlagen geben.



Anders als Jürgen Klopp, der ausgerechnet gegen Pochettino die Königsklasse gewann, seinen Final-Fluch besiegte und einen weiteren Schritt in Richtung Unsterblichkeit beim ​FC Liverpool machte, konnte der argentinische Taktikfuchs noch keine Silberware präsentieren. Dass am Mittwochmorgen die Verpflichtung von José Mourinho bekanntgegeben wurde und Levy in der Pressemitteilung ausdrücklich auf die Titel verwies, die 'The Special One' in den vergangenen 15 Jahren feierte, verdeutlicht die Sehnsucht nach dem großen Wurf.


Da gerät fast schon in Vergessenheit, dass Pochettino in der jüngeren Vergangenheit zu den begehrtesten Trainern der Welt zählte. Häufig wurde über Avancen von Manchester United berichtet, auch ​Real Madrid wird jetzt wieder mit ihm in Verbindung gebracht. Den FC Barcelona würde er aufgrund seiner Verbundenheit zu Stadt-Rivale Espanyol, wo er von 1994 bis 2001, später noch einmal von 2004 bis 2006 spielte und von Januar 2009 bis November 2012 als Trainer seine ersten Erfahrungen sammelte, wohl nie wechseln - aber er ist nun, da Mourinho wieder vom Markt ist, die wohl gefragteste Personalie neben Massimiliano Allegri.


Ein Händchen für Stars und Nachwuchstalente


Drei Aushängeschilder aus seiner Zeit in Southampton waren Luke Shaw, Morgan Schneiderlin und Adam Lallana. Sie belegen die Plätze drei bis fünf in der Liste der teuersten Abgänge der Saints, dicht dahinter befinden sich Dejan Lovren und Calum Chambers. Das Quintett verließ den Klub im Sommer 2014, nachdem die Saints mit einem achten Tabellenplatz beeindruckten. In Tottenham entwickelten sich Spieler wie Danny Rose, Kieran Trippier, Christian Eriksen oder Heung-Min Son unter seiner Leitung weiter, Harry Kane und Dele Alli wurden zu Aushängeschildern des Klubs. Als Englands Nationaltrainer Gareth Southgate seinen Kader für die Weltmeisterschaft 2018 bekanntgab, stellten die Spurs mit fünf Akteuren die meisten Spieler für die Three Lions ab. 


Pochettino hat nicht nur ein Händchen für Stars, sondern auch für junge Spieler. Womöglich auch deshalb hält Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidzic große Stücke auf ihn. In den vergangenen Transferperioden verpflichtete der Rekordmeister bewusst Spieler wie Alphonso Davies, Michael Cuisance oder Sarpreet Singh und verlängerte unter anderem die Verträge mit Lars Lukas Mai und Christian Früchtl. Nachhaltig sollen Spieler aus der eigenen Nachwuchsmannschaft im Profikader integriert werden und sich so durchsetzen, wie es letztmals Thomas Müller, Holger Badstuber und David Alaba gelang. 


Dafür braucht es einen Trainer, der auch auf junge Spieler setzt - das erfüllt nicht nur ein Erik ten Hag oder Thomas Tuchel, sondern auch Pochettino, der zudem dafür bekannt ist, eine Mannschaft zu einer echten Einheit zu formen; etwas, das unter Niko Kovac gefehlt hat.


Erfüllt Pochettino das komplette Profil?


Der alles entscheidende Faktor ist aber die Frage, ob Pochettino gänzlich in das Profil passt, nachdem die Verantwortlichen fahnden. ​Die Ansicht von O​liver Ka​hn, der laut BILD in die Trainersuche eingebunden werden soll: "Fußball hat sich natürlich auch dahingehend weiterentwickelt, dass es schon auch Spektakel ist. Die Zuschauer, die heute ins Stadion kommen, wollen ja auch ein attraktives Fußballspiel sehen. [...] Was ist der Fußball, für den Bayern stehen möchte? Und was ist ein Trainer, der dazu optimal passt?"


In der abgelaufenen Saison gewann Tottenham allerdings nur zwölf Ligaspiele mit mehr als einem Tor Unterschied, in der aktuellen Spielzeit erst zwei. Gepflegter Ballbesitz? Ja. Spektakel? Nein. Im Vergleich zur Konkurrenz erzielten die Spurs wenige Treffer - das sah in München deutlich anders aus.


Direkter Vergleich: So viele Ligatore haben Tottenham und Bayern in der Amtszeit von Pochettino erzielt

​Saison2014/15​2015/16​2016/17​2017/18​​2018/19
Tottenham Hotspur​​58​69​86​74​67
​FC Bayern München​80​80​89​92​88

Selbstverständlich besitzt ein Trainer wie Mauricio Pochettino die Qualitäten, sich anzupassen und den Fußball spielen zu lassen, den die Verantwortlichen fordern. Ob er seine Spielidee aber mit Sprachproblemen übermitteln kann, die nach dem Abtritt von Uli Hoeneß offenbar nicht mehr von allzu hoher Bedeutung sind, ist vielleicht das größte Fragezeichen. 


Nichtsdestotrotz stünde jetzt jemand mit dem Kaliber zur Verfügung, nach dem man seit der Kovac-Entlassung gesucht, aber nicht gefunden hat, da Kandidaten wie Erik ten Hag oder Thomas Tuchel vertraglich gebunden sind und - wenn überhaupt - erst ab Sommer 2020 ein Thema werden könnten. Wenn sich alle einig sind, dass Pochettino derjenige ist, der den FC Bayern langfristig prägen kann, sollten alle Hebel in Bewegung gesetzt werden; wenn nicht, wird der Poker wohl bis in den Sommer fortgesetzt.