Anfangs wollte Manuel Neuer gar nicht ins Tor - doch mit der Entscheidung, zwischen die Pfosten zu gehen, hat sich das Torwartspiel in den vergangenen Jahren verändert. Der 33-Jährige zählt auch heute noch zu den besten Schlussmännern der Welt und belegt verdient Platz 6 in der All-Decade-Liste von 90min


Neuer ist ein ​Schalker Urgestein. Als Jugendlicher stand der heute 1,93 Meter große Torhüter des ​FC Bayern München regelmäßig in der Fankurve, hielt sich bei Gesängen - egal ob für Schalke oder gegen den Gegner - keineswegs zurück. Nebenbei durchlief er seit 1991 die Nachwuchsabteilung der Knappen, wo er sich langsam zum Torhüter entwickelte. 


Dabei war Neuer zunächst Feldspieler. "Ich bin früher als kleiner Junge gar nicht so gerne ins Tor gegangen", sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vor drei Jahren (zitiert via ​Sport1). "Bei uns in der Nachbarschaft haben wir teilweise auf Beton gespielt. Sich ins Tor zu stellen, sich zu schmeißen - da wusste jeder, was er zu erwarten hatte und wie er ausschauen würde, wenn er nach Hause kommt." Auf Schalke aber wurde ihm plötzlich gesagt: "Du ziehst jetzt die Handschuhe an und gehst rein" - der Rest ist Geschichte.


Debüt 2006


Denn Neuer entwickelte sich stetig weiter, schaffte an den ersten beiden Spieltagen der Saison 2005/06 sogar den Sprung in den Bundesliga-Kader. Der Durchbruch gelang ein Jahr später unter Mirko Slomka, der Frank Rost nach vier Jahren als Stammtorhüter auf die Bank verbannte und die Wachablösung einleitete. Im Alter von 20 Jahren debütiert Neuer am zweiten Bundesliga-Spieltag beim 1:0-Sieg über Alemannia Aachen, nach dem 2:0-Erfolg gegen ​Werder Bremen darf Rost noch einmal für sechs Spiele ran. Mit dem 2:2-Remis im Heimspiel gegen Bayern München aber bleibt Neuer die Nummer eins - und beendet 13 von 27 Spielen zu null. 


In der Saison 2007/08 verpasst Neuer keine einzige Minute und erlebt am 05. März 2008 eine von vielen magischen Nächten. Im Achtelfinale der ​Champions League trifft S04 auf den FC Porto, gewinnt das Hinspiel in der Veltins-Arena mit 1:0. Im Rückspiel erzielt Lisandro Lopez wenige Minuten vor Spielende die Führung für Porto, das Spiel geht in die Verlängerung. Neuer glänzt mit zahlreichen Paraden, hält Schalke über 120 Minuten im Spiel, pariert im Elfmeterschießen gegen Bruno Alves und Torschütze Lopez und sichert so den Einzug ins Viertelfinale.


Plötzlich Stammspieler bei der WM - Kontroverser Wechsel nach München


2009 feiert er seinen ersten Titel, als Deutschland erstmals U21-Europameister wird, nur ein Jahr später ist er Stammspieler bei der A-Nationalmannschaft. Rene Adler, der damals größte Konkurrent im Kampf um den Platz zwischen den Pfosten, zieht sich im Frühjahr 2010 einen Rippenbruch zu und verpasst die Weltmeisterschaft in Südafrika. Deutschland wird Dritter, brilliert dabei mit Youngsters wie Thomas Müller, Mesut Özil, Sami Khedira - und Manuel Neuer.


Dessen Vertrag auf Schalke läuft bis 2012, eine Verlängerung wird jedoch immer unwahrscheinlicher. Denn auch in der Spielzeit 2010/11 glänzt er mit zahlreichen Paraden, als Schalke das Halbfinale der Königsklasse erreicht und erst an Manchester United scheitert. Deutscher Meister wird zwar Borussia Dortmund, doch Schalke, das den FC Bayern im Halbfinale des DFB-Pokals mit 1:0 in der Allianz Arena bezwang, sichert sich den Pott im Endspiel gegen den MSV Duisburg. Neuer wird Pokalsieger, später auch Fußballer des Jahres - doch nach der Saison verlässt er Schalke.


Im Sommer 2011 unterschreibt er für fünf Jahre beim FC Bayern. Es ist einer der kontroversesten Transfers des Jahrzehnts, nur das zwei Jahre später folgende Drama um Mario Götze überbietet das Neuer-Spektakel. Die Südkurve der Münchener verdeutlicht ihre Abneigung mit zahlreichen "Koan Neuer"-Plakaten, auch auf Schalke kippt die Stimmung. Weil Neuer als Jugendlicher in der Kurve stand, mit Leib und Seele Schalker war und plötzlich zum verhassten FC Bayern wechseln wollte.

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Die "Koan Neuer"-Aktion ist längst Geschichte.



"Ich lasse einen Manuel Neuer nicht so einfach gehen. Er ist für mich wie ein Sohn. Ich bin strikt gegen diesen Transfer. Ich will Manuel den Bayern noch aus dem Rachen reißen", verkündete Clemens Tönnies im Mai gegenüber BILD (zitiert via Welt) - doch schon Anfang Juni war der Transfer perfekt. Neuer, der 2009 beim Auswärtssieg der Schalker in München noch mit der Eckfahne jubelte wie einst Oliver Kahn, stand plötzlich auf der anderen Seite.


"Ich wusste immer, dass es die richtige Entscheidung ist, zum FC Bayern zu gehen", sagte er gegenüber ​Welt. Er habe in der Bundesliga bleiben wollen, wolle als Nationaltorhüter "in Deutschland leben und spielen." In den Folgejahren entwickelte sich Neuer weiter, hob das Torwartspiel noch einmal auf ein anderes Niveau. Schon auf Schalke war er für seine langen Abwürfe, artistischen Paraden und sein Geschick am Fuß bekannt, in München aber konnte er sich dauerhaft auf höchstem Niveau auszeichnen.


Revolutionär Neuer


So, wie es mitspielende Stürmer gab, gab es nun auch einen mitspielenden Torwart. Früh eilte Neuer aus seinem Kasten heraus, scheute sich nicht, gegen Spielende bei Ecken mit nach vorne zu laufen und selbst den ein oder anderen Gegenspieler auszudribbeln, wie bei der 1:2-Pleite der Bayern im Oktober 2012 gegen Leverkusen. Denkwürdig bleibt das WM-Achtelfinale 2014, als Neuer gegen Algerien teils 30 Meter aus seinem Tor herausrückt, Bälle abläuft und abgrätscht und sich bei Kontern fast schon wie ein Innenverteidiger verhält. 


"Das WM-Spiel gegen Algerien hat mich restlos davon überzeugt, dass Manuel mit Abstand der beste Torwart der Welt ist. Wie er in diesem Spiel so weit vorne gespielt hat, der Abwehr den Rücken freigehalten hat – einmalig. Neuer hat das Torwart-Spiel so revolutioniert", schwärmte der frühere Nationaltorwart Bodo Illgner (zitiert via BILD). Vier Jahre später war Neuers Karriere aufgrund mehrerer Mittelfußbrüche in Gefahr, fast die komplette Saison 2017/18 verpasste er. Doch bei der WM in Russland vertraute Löw auf seinen langjährigen Stammtorhüter, der seit 2014 auch als Kapitän eine wichtige Funktion einnahm - und als einer der wenigen erreichte Neuer tatsächlich seine Normalform.


Bis 2021 steht er in München unter Vertrag, über eine Verlängerung wurde vor geraumer Zeit diskutiert. Zwar ist Manuel Neuer über seinen Zenit hinaus, doch auch mit 33 zählt er zu den ganz Großen und hat sich Platz 6 im All-Decade-Ranking redlich verdient. 


Die 20 besten Spieler des Jahrzehnts: Das große 90min-Ranking

Platz 20: Giorgio Chiellini - der unzerstörbare Turm von Juventus Turin

Platz 19: Luka Modric - der unauffällige Edeltechniker

Platz 18: Philipp Lahm - der "perfekte Spieler" für Pep Guardiola

Platz 17: Gianluigi Buffon - die unsterbliche Legende

Platz 16: Kevin De Bruyne - das belgische Genie

Platz 15: Franck Ribéry - als Bayern endlich wieder einen König hatte

Platz 14: Thomas Müller - das letzte echte Eigengewächs des FC Bayern

Platz 13: Eden Hazard - unbezwingbar und effizient

Platz 12: Xavi - das personifizierte Kurzpassspiel

Platz 11: Neymar - das Ausnahmetalent mit vielen Makeln

Platz 10: Arjen Robben - der Mann für die entscheidenden Momente

Platz 9: Bastian Schweinsteiger - Fußballgott mit Kämpferherz

Platz 8: David Silva - der Lieblingsspieler von Frank Lampard

Platz 7: ​Zlatan Ibrahimovic - der Fußballgott persönlich