Der Videobeweis oder ​VAR (Video-Assistant-Referee) ist weiterhin eines der beherrschenden Themen im deutschen Fußball. Seit zweieinhalb Jahren ist er installiert und genauso lange verursacht er wöchentlich hitzige Debatten. Jetzt ist eine neue Stufe erreicht: der SV Wehen Wiesbaden ist der erste Klub, der formell gegen eine VAR-Entscheidung Einspruch eingelegt hat. Die Erfolgsaussichten sind jedoch gering.


Man stelle sich folgende Spielszene vor: Mannschaft A greift an. Mannschaft A flankt in den gegnerischen Strafraum. Mannschaft B fängt den Angriff ab und startet ihrerseits einen Angriff, der in ein Tor mündet. Doch dann wird alles zurückgepfiffen und das Tor von Mannschaft B annulliert: Weil der Ball bei der Flanke von Mannschaft A, viele Sekunden vor dem Tor von B, bereits im Toraus gewesen sein soll. 


Gibt's nicht, sagt ihr? Gibt es doch! Und zwar genau so geschehen beim Spiel zwischen Dynamo Dresden und ​Wehen Wiesbaden am vergangenen Freitag. Das Spiel endete seinerzeit mit 1:0 für die Sachsen. Bei besagter Szene stand es noch 0:0. Der Frust bei den Wiesbadenern war verständlicherweise groß. "Ein Fußballspiel wird völlig unnötig zerstört", klagte ihr Coach Rüdiger Rehm laut der Süddeutschen Zeitung.


Das Problem der Beweislast


Zwei Tage später legte sein Verein schließlich Einspruch gegen die Wertung des Spieles ein. 

Mehr als um die Frage, ob der VAR überhaupt hätte eingreifen dürfen oder nicht, geht es den Hessen darum, anerkannt zu bekommen, durch einen Fehler des Schiedsrichters benachteiligt worden zu sein. Dies dürfte in der Praxis an der Beweisführung scheitern. Aber der Reihe nach. 


In Zürich, bei der FIFA, genauer gesagt beim International Football Association Board (IFAB), der für die Fußballregeln zuständig ist, gibt es diesbezüglich ein Protokoll. Dieses schreibt vor, dass sich der VAR bei jedem Tor den vorausgegangenen Spielzug in Gänze noch einmal anschaut (ob es z.B. vorher irgendein Foul oder Handspiel gab oder der Ball im Aus war). 


Im konkreten Fall war der Ball jedoch im Aus, bevor die torschießende Mannschaft ihren Spielzug (der am Ende zum Tor führte) überhaupt begonnen hatte. Genau darauf wird die Strategie des Anwalts der Wiesbadener, Christoph Schickhardt, abzielen. Nach Wehener Logik hat der VAR also viel zu viel vom vorhergegangenen Spielgeschehen überprüft. 


Tatsachenentscheidung oder Regelverstoß?


Doch in besagtes IFAB-Protokoll ist ein Schlupfloch (oder Gesetzeslücke) eingebaut (ob unfreiwillig oder nicht): Denn grundsätzlich soll ein Spiel auch dann noch gewertet werden, wenn der VAR am Zustandekommen einer falschen Entscheidung (wie es offensichtlich in ​Dresden bei besagter Szene der Fall war) beteiligt war. Die Entscheidung des Schiedsrichters würde demzufolge als Tatsachenentscheidung gelten und damit wäre ihr Widerruf nicht einklagbar. 


Einzig die juristische Figur des "Regelverstoßes" (von Seiten des Referees) könnte einem Klub die Basis für eine erfolgreiche Klage gegen die Wertung eines Spiels verleihen. Und dieser Regelverstoß muss vom Klageführer bewiesen werden. Was in der Praxis nahezu unmöglich ist. 


Erst einmal in der langen Bundesliga-Geschichte hatte ein derartiger Einspruch Erfolg: bei dem berühmten Phantom-Tor von Thomas Helmer (1994 im Spiel des ​FC Bayern München gegen den ​1. FC Nürnberg). 


Doch als Regelverstoß galt auch damals schon nicht die Entscheidung des Schiedsrichters an sich, sondern die nach der Entscheidung (und nach den Protesten der Nürnberger Spieler) nicht stattgefundene Absprache zwischen Schiedsrichter und seinem Assistenten an der Linie.