​Bekanntlich plant Spanien im Jahr 2030, zusammen mit Portugal, die Fußball-Weltmeisterschaft auszurichten. 48 Jahre nach der ersten WM (España ´82) in diesem Land würden allerdings einige Stadien von damals nicht mehr als Spielorte genutzt werden. Wir stellen die verschwundenen Arenen vor. 


Estadio Vicente Calderón


An erster Stelle, der Prominenz wegen, muss da natürlich das Estadio Vicente Calderón (Foto oben) genannt werden. In ihm fanden bei der Weltmeisterschaft drei Spiele statt. 1966 wurde die damals noch 62.000 Zuschauer fassende Schüssel, noch unter dem Namen Estadio Manzanares (nach dem gleichnamigen Fluß, der an ihm vorbeiströmt), eingeweiht. 


In den siebziger Jahren wurde es dann nach dem Mäzen und langjährigen Präsidenten Vicente Calderón umgetauft. Bis in die achtziger Jahre fasste die Arena dann bis zu 70.000 Zuschauer, um im Zuge der Renovierungsarbeiten für die Weltmeisterschaft 1982 auf 65.000 verringert zu werden. Zuletzt konnten maximal 55.000 Zuschauer die Heimspiele von ​Atlético verfolgen. In diesem Jahr begannen die Abrissarbeiten dieses legendären Stadions, und es tut schon ein wenig weh, jetzt Autos über den Rasen des früheren Spielfeldes fahren zu sehen. 


Estadio Carlos Tartierre


Auch Oviedo und sein Estadio Carlos Tartierre (benannt nach einem der Vereinspräsidenten) war Anfang der Achtziger Austragungsort der Weltmeisterschaft. Und zwar in der ominösen Vorrunden-Gruppe 2 (mit Deutschland, Österreich, Chile und Algerien). 


Moment mal: Deutschland? Österreich? Algerien? War da nicht was? Genau - das Skandalspiel zwischen Deutschland und Österreich. Da beiden der knappe Sieg des DFB-Teams (1:0) zum Erreichen der Zwischenrunde reichte, schoben sich die Spieler über fast achtzig Minuten nur noch die Bälle hin und her. Pressing? Gab es nicht. Initiative, Fußball zu spielen und gar ein Tor zu erzielen? Ebenfalls Fehlanzeige. Die aufgebrachten algerischen Fans sprachen, nicht zu Unrecht, von Betrug. Erst danach modifizierte die FIFA den Spielplan dergestalt, dass solche "Absprachen" nicht mehr oder nur noch sehr erschwert möglich waren. 


Doch die schändliche Darbietung der beiden mitteleuropäischen Länder fand nicht in Oviedo sondern am zweiten Standort dieser Gruppe, in Gijón statt. Das dortige Estadio El Molinón steht weiterhin - während das Estadio Carlos Tartierre im Jahr 2003 abgerissen wurde. 


Estadio Sarrià


Und dann wäre da noch das sagenumwobene Sarrià-Stadion zu Barcelona. Das Stadion mit den steilsten Tribünen neben dem Mestalla-Stadion von Valencia. Mit 40.000 Zuschauern gefüllt, konnte dieser Hexenkessel, Heimstätte über viele, viele Jahre von Espanyol Barcelona, eine ungeheure Wucht entwickeln. Die musste 1988 auch​ Bayer Leverkusen am eigenen Leibe erfahren, als sie im Hinspiel des UEFA-Pokal-Finales gegen die Perricos mit 0:3 nach Hause geschickt wurden. 


Im Rückspiel konnte Bayer das Ganze aber noch drehen und holte erstmals in der Vereinsgeschichte einen internationalen Titel nach Leverkusen. Das Estadio Sarrià war 1982 Schauplatz von insgesamt drei Spielen, allesamt in der Zwischenrunde oder 2. Finalrunde (Gruppe C). Damals gab es weder Achtel- noch Viertelfinale. 


Das spektakulärste Spiel in dieser Arena (und neben dem Halbfinale Deutschland - Frankreich das beste Spiel der gesamten WM) war ohne jeden Zweifel das zwischen Italien und den als haushohen Favoriten auf den Turniersieg angesehenen Brasilianern. Es war der letzte Spieltag in der Zwischenrunden-Gruppe C, und den Südamerikanern hätte bereits ein Unentschieden zum Einzug ins Halbfinale gereicht. Zweimal führte die Squadra Azzura (beide Male durch Paolo Rossi), zweimal glich Brasilien (durch Sócrates und Falcao) aus. Und noch eine Viertelstunde vor Schluss hatte Brasilien die Italiener völlig im Griff. Doch sie spielten weiterhin ihr jogo bonito, statt an die Zukunft zu denken. Sie griffen weiter an, statt das Ergebnis über die Zeit zu bringen. Und so kam es, wie es kommen musste: "Engelsgesicht" Rossi wurde zum dritten Mal zum Killer, und nach seinem Tor zum 3:2 in der 74. Minute fand die canarinha keine Antwort mehr. Brasilien war draußen, und das Sarrià stummer Zeuge einer der größten Überraschungen in der Historie der Fußball-Weltmeisterschaften. 


Estadio San Mamés


Last but not least: "La Catedral", die Kathedrale. So hieß im Volksmund das legendäre Estadio San Mamés zu Bilbao. Ein Jahrhundert, von 1913 bis 2013, war es die Heimstätte und der Zwölfte Mann der "Löwen" von Athletic Bilbao. Kaum ein anderes Stadion entfachte eine solche Kraft und Dynamik wie das 40.000 Zuschauer fassende San Mamés. 


Dass Fußball im Baskenland auch viel mit Religion zu tun hat, kann man schon am Namen ablesen. Denn dieser ist einem alten Heiligen gewidmet. Und mit heiligem Ernst wurde hier alle zwei Wochen der Fußball zelebriert, wie nur an wenigen anderen Orten auf der Welt. An fast gleicher Stelle baute Athletic Bilbao ab 2013 eine neue Arena (Nuevo San Mamés), wo es seitdem spielt. 


Alle diese Arenen, mit all ihren Erinnerungen an große Spieler und noch größere Spiele, werden 2030 nicht mehr in Betrieb sein. Das mag man bedauern, aber die Zeitläufte hält man dadurch auch nicht auf. Und so wird in fünfzig oder hundert Jahren über die Stadien geschrieben werden, die heute noch neu und ohne Geschichte sind. Bis der Fußball sie mit neuen Geschichten füllt.