Die ​TSG 1899 Hoffenheim ist derzeit in der Bundesliga die Mannschaft der Stunde und konnte dank dem (zugegebenermaßen recht glücklichen) Dreier gegen den 1. FC Köln den fünften Ligasieg in Folge feiern. Trotz des Abgangs von Cheftrainer Julian Nagelsmann vor der Saison wirken die Kraichgauer überraschend früh gefestigt genug, um erneut berechtigte Hoffnungen auf Europa anzumelden.​


Seit Jahren gerieten die Hoffenheimer immer seltener ins Rampenlicht. Nach ihrem Aufstieg in die Bundesliga und der offen zur Schau gestellten Antipathie der eingefleischten Traditionsvereine wurde es um den dank der tatkräftigen Unterstützung von Mäzen Dietmar Hopp emporgeschossenen Dorfverein immer ruhiger. Lediglich ​Julian Nagelsmann galt bis zuletzt als die große Attraktion. Als der Startrainer dann im Sommer den bereits lange zuvor angekündigten Wechsel zu RB Leipzig wagte, rechneten nicht wenige Experten damit, dass die Hoffenheimer womöglich endgültig in die Bedeutungslosigkeit abrutschen würden.


Stolperstart ohne große Unruhen


Mit Alfred Schreuder übernahm ein in Deutschland noch sehr unbekannter Trainer das Zepter. Der große Pluspunkt des 47-Jährigen war dabei, dass er vor seinem Abstecher zu Ajax Amsterdam lange Zeit als Co-Trainer unter Nagelsmann gearbeitete hatte und daher die taktische Herangehensweise aus den letzten Jahren genau kannte.


Da neben Nagelsmann aber auch absolute Leistungsträger wie Kerem Demirbay, Nico Schulz und Joelinton den Verein verlassen hatten, stand Schreuder vor der alles andere als einfachen Aufgabe, aus den verbliebenen Spielern mit Hilfe der Neuzugänge wieder eine schlagkräftige Truppe zu formen. 


Obwohl die Kraichgauer in den ersten sechs Spieltagen nur fünf von möglichen 18 Zählern holen konnten und die Tendenz eher in Richtung Abstiegskampf deutete, blieben die Entscheidungsträger in Sinsheim komplett ruhig und ließen Schreuder und seine Schützlinge in Ruhe arbeiten. Dabei profitierten die TSG von der bereits erwähnten Nebenrolle, die die Kraichgauer im Zirkus Bundesliga spielen. Für eine Mannschaft, die noch vor wenigen Monaten in der ​Champions League unterwegs war, ein nahezu paradiesischer Zustand, der bei Traditionsvereinen mit zuletzt ähnlichen Erfolgen schier undenkbar wäre.


Mannschaft findet sich immer mehr


Schreuder nutzte die Zeit unter dem Radar, um ​s​eine Mannschaft stetig zu verbessern und mit seiner Vorstellung des Fußballs vertraut zu machen. Große taktischen Umstellung im Vergleich zur Nagelsmann-Ära waren dabei gar nicht nötig. Vielmehr ging es insbesondere im Offensivspiel darum, mit verändertem Personal neue Automatismen zu erarbeiten.

Robert Skov

Auch Sebastian Rudy und Florian Grillitsch mussten in der Mittelfeldzentrale erst zueinander finden. Mittlerweile haben sich die beiden Sechser aber hervorragend aufeinander abgestimmt und sprechen sich dahingehend ab, welcher der beiden sich zu welchem Zeitpunkt in das Offensivspiel mit einschaltet. Immer wichtiger wurde zuletzt auch Neuzugang Robert Skov, der extrem aufblüht und seine Extraklasse am Ball unter Beweis stellt.


Ehrgeizige Truppe mit starker Physis


In den vergangenen Wochen spielten die Hoffenheimer ihre Gegner zwar nicht reihenweise an die Wand, die sechs Siege in Folge, inklusive des 2:0-Pokalsiegs gegen den MSV Duisburg, kamen aber keinesfalls zufällig zustande. Vielmehr verdienten sich die Hoffenheimer ihre häufig späten Siegtreffer durch ihren unermüdlichen Einsatz. Dass die TSG dabei in den Schlussminuten noch einmal einen Gang nach oben schalten konnte, liegt nicht zuletzt am starken Fitnesszustand der Truppe. 


Die bisherige Saisonbilanz der TSG:

Siege​Remis​Niederlagen​​ToreGegentore​
​Bundesliga​6​2​3​16​14
​DFB-Pokal​2​-​-​10​7
​Insgesamt​8​2​3​26​21

(inklusive Tore/Gegentore im Elfmeterschießen)


Dabei kommt den Hoffenheimern auch zugute, dass sie trotz ihrer zahlreichen Abgänge einen breiten Kader zur Verfügung haben, bei dem einzelne Ausfälle ohne großen Qualitätsverlust aufzufangen sind. Ishak Belfodil etwa, der in der Vorsaison noch einer der wichtigsten Akteure der Hoffenheimer war, konnte in dieser Spielzeit aufgrund einer Knie-OP bislang erst an fünf Ligaspielen teilnehmen und dürfte nach einer Rückkehr, ähnlich wie Andrej Kramaric, die Offensive der TSG noch gefährlicher machen​.


Ein nicht zu unterschätzender Vorteil der Hoffenheimer beim harten Ringen um die Europapokalplätze ist zudem, dass die TSG in der aktuellen Spielzeit international nicht vertreten ist, ergo deutlich weniger Spiele als ihre Konkurrenten bestreiten muss. Woche für Woche können sich die Hoffenheimer so heimlich, still und leise auf ihren nächsten Coup vorbereiten. Die Erwartungshaltung ist dabei vor allem durch den Ehrgeiz der Spieler und nicht durch medialen Druck von außen geprägt.