Wer meine Kommentare zu ​Bayer 04 Leverkusen verfolgt hat, wird darin eine Entwicklung gesehen haben. Zunächst berichtete und analysierte ich seriös über die Werkself und ihre Probleme. Recht schnell wich der Seriosität allerdings Sarkasmus, da ​man keinen Fortschritt im Team erkennen konnte und Humor ein probates Mittel war, die schlechten Ergebnisse weg zu lächeln. Nach dem ​Champions-League-Spiel gegen Atletico Madrid steht Bayer 04 abermals mit leeren Händen da. Inzwischen erreicht die Berichterstattung wieder ein neues Level.


Nach der dritten Pleite in der Königsklasse fällt es langsam schwer, die Leistungen von Bayer 04 mit einem lachenden Auge zu sehen. Die Rheinländer sind nur Nuancen davor, in eine ernsthafte Krise hinein zu rutschen. Weniger die fehlenden Punkte, vielmehr die Art und Weise des Spiels ernüchtern den Verein. ​Es fehlen das Feuer, der Ehrgeiz und ein mentales Zeichen, dass man den theoretischen Erfolg auch in einen tatsächlichen Erfolg umwandeln kann. ​Denn im Grunde sind die Umstände in Leverkusen optimal genug für einen Angriff nach ganz oben.


Aber warum funktioniert in Leverkusen nichts? Ist es Pech? Oder spielt die Mannschaft eigentlich besser, als es die letzten Ergebnisse vermuten lassen?


Diese Fragen sind schwierig zu beantworten. Im Grunde spielt Leverkusen nicht schlecht. Ballbesitz, Sicherheit in den eigenen Reihen, Spielkontrolle - Bayer 04 ist grundsätzlich immer der Spielgestalter in der Saison. Was fehlt, ist der Ertrag der eigenen Leistung. Das Spiel nach vorne ist behäbig, langsam und durchschaubar. Gegen Atletico konnte man auch nach dem Rückstand keinerlei Bewegung in den eigenen Reihen wahrnehmen.


Zudem paart sich die eigene Ideenlosigkeit mit reihenweise individuellen Fehlern, die durch die schlechte Defensivarbeit der Werkself nahezu immer zu einem gefährlichen Gegenangriff mutieren. Das Ei legt man sich daher im Grunde immer selber ins Tor.


Die Spanier zeigten Leverkusen am Dienstagabend endgültig ihre Grenzen auf. Leverkusen drückte zwar auf ihr Tor, allerdings waren die Angriffsversuche der Gäste zu keinem Zeitpunkt stark genug, um die spanische Defensive in Bedrängnis zu bringen, auch wenn Atletico vor allem in Halbzeit eins mit Abwehrarbeit beschäftigt war. Leverkusen konnte sich aber trotzdem damit rühmen, den Übergegner durch die eigene Kraft vom Tor weggehalten zu haben.


Doch Atletico war letztendlich einfach cleverer. Ein strukturierter Angriff in der zweiten Halbzeit reichte den Spaniern, um in Führung zu gehen. Viel brauchte es dafür nicht. Eine gute Flanke von Außenverteidiger Lodi und ein kräftiger Alvaro Morata im Strafraum reichten, um die Abwehr Leverkusens auszuhebeln. Im Anschluss versuchte Bayer zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Alvaro Morata

Das Spiel in der Champions League war eine Wiederholung der Bayer-Partien gegen ​Borussia Dortmund, RB Leipzig, ​Eintracht Frankfurt, Juventus Turin und Lokomotive Moskau. Das Muster Leverkusens zieht sich reihenweise durch die Saison. Leverkusen ist bemüht, aber absolut ungefährlich. Der Gegner braucht nur defensiv sicher zu stehen und vorne effektiv zu sein, um zu gewinnen. Damit entwickelt sich die Werkself zum gern gesehenen Gast, denn es gibt anspruchsvollere Konkurrenten in Deutschland und Europa.


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Doch das sind alles Symptome. Wichtig ist allerdings, die Ursache zu finden. Mutter aller Probleme ist - und das ist kaum zu übersehen - der Ballbesitzfußball. Das schnelle Leverkusener Spiel, welches die Werkself seit Jahren praktizierte, geht völlig im Peter Bosz'schen Fußball unter.


Der Ballbesitz verhindert die Konzentration auf die eigenen Stärken. Geschwindigkeit bringt Bayer 04 nichts mehr, wodurch Spielertypen wie Paulinho, Moussa Diaby, Karim Bellarabi, Leon Bailey und Kai Havertz auf dem Platz untergehen. Merkt ihr was? Fast alle diese Spieler stecken in einem Formtief. Warum wohl?


Zudem tut die Dreierkette in der Abwehr Leverkusen nicht gut. Die Leistungen von Sven Bender, Jonathan Tah und Aleksandar Dragovic zeigen deutlich, dass ihnen die Arbeit im 3-2-4-1-System nicht liegt. Warum man erfahrene Profis in ein ihnen ungewohntes System steckt, ist fraglich und schlicht sinnlos. Auch verwundert es, dass Spielgestalter wie Nadiem Amiri und Kerem Demirbay oder eben auch Havertz das Spiel nicht an sich reißen können.


Im Endeffekt hängen alle Profis von Leverkusen in der Luft, wirken wie Fremdkörper und harmonieren nicht auf dem Platz. Und auch nach einer katastrophalen Leistung wie gegen Eintracht Frankfurt (0:3) sieht ​Coach Bosz kaum Veranlassung, gegen Madrid große Wechsel vorzunehmen und die Mannschaft umzubauen. Das signalisiert, dass man sich als Profi in Leverkusen trotz schlechter Leistungen ausruhen kann, da man sowieso aufgestellt wird. Die Wohlfühloase Bayer 04 lässt grüßen. Ein Leistungsprinzip scheint es nicht zu geben, Hauptsache man passt einigermaßen in das Spielsystem. Das hinterfragt allerdings die sommerliche Transferperiode. Warum wurden nicht Spieler eingekauft, die zum System des Trainers passen? Gibt es überhaupt einen Plan in Leverkusen?


Der folgende Satz schmerzt mir sehr, doch es ist an der Zeit, das Kind beim Namen zu nennen. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse, der nicht vorhandenen Form und den absurden Aufstellungen muss die Arbeit des Trainers deutlich hinterfragt werden!


Wie lang hält sich Leverkusen noch mit Peter Bosz über Wasser?


Ich persönlich halte Bosz für ein Trainergenie, der den Fußball wirklich versteht. Allerdings ruiniert sich der Niederländer seine Fachkenntnis durch seine Sturheit. Leverkusen beweist seit Wochen eindrucksvoll, dass ihnen der Ballbesitz nicht schmeckt. Da trösten die grandiosen Leistungen aus der vergangenen Saison nur wenig. Was interessiert mich der Schnee von gestern? Zudem wirkt Bosz zu ruhig im Verein. Es fehlt eine Explosion wie noch unter Roger Schmidt. Schmidt, dessen charakterliche Eigenschaften durchaus fragwürdig sind, schaffte es allerdings während seiner Zeit in Leverkusen, sein Feuer und Ehrgeiz auf die Mannschaft zu übertragen. Langweilig war es unter ihm nie.

Peter Bosz

Sowieso ist es untypisch, dass die Führungsetage in der BayArena um Fernando Carro, Rudi Völler und Simon Rolfes die schlechten Ergebnisse nicht deutlicher kommentiert. Allgemein wirkt es fast so, als würde man die bisherige Saison in Leverkusen verdrängen. Allein die Tatsachen, das Bayer 04 Woche für Woche den selben Mist verzapft und immer dieselben Fehler macht, sprechen dafür.


Ich war noch nie ein Fan von Trainerentlassungen unter Saison. Doch die aktuellen Leistungen zwingen jeden Fan, auch diese Option zu prüfen. Noch nie war Bayer 04 so ermüdend, so träge, so langweilig. Noch nie hatten einige Spieler trotz schlechter Leistung eine solche Stammplatzgarantie, während auf der Bank reihenweise große Talente versauern und die Lust auf diesen Verein verlieren.


Wie sieht die Zukunft von Bayer 04 aus?


Bosz steht kurz davor, sich trotz einem grandiosen Spielverständnis und viel Potenzial der eigenen Fähigkeiten die Zukunft in Leverkusen zu ruinieren. Die Leistungen der Werkself werden auf kurz oder lang zu einem großen Knall führen.


Die Rheinländer haben nun drei Möglichkeiten. Zum einen könnten die Bayer-Bosse in die Arbeit des Trainer hineingrätschen und ein anderes Spiel fordern. Das würde allerdings dazu führen, dass sich der Trainer entmachtet fühlt und die Mannschaft dennoch keine Leistung bringt. Zum anderen könnte Leverkusen den Trainerposten freigeben und Ersatz verpflichten. Mitten in der Saison ist dies allerdings immer ein Risiko.


Viel wahrscheinlicher ist deshalb, dass Bayer 04 die Krise aussitzt und schaut, wohin die Entwicklung führt. Das ist allerdings nicht nur wahnwitzig und irgendwie sinnlos, es wäre auch typisch für den Verein. Am Ende dieses Weges wird es definitiv eine große Ernüchterung geben, gefolgt von einem riesigen Umbruch und jede Menge Chaos. Doch das traue ich meinem Verein durchaus zu. Und ich glaube jeder Fan, der mit seiner Mannschaft einen ähnlichen Weg durchschreiten musste, weiß, wie diese Worte schmerzen.