Auf Platz zwölf in der All-Decade-Rangliste von 90min liegt Xavi. Der heute 39-Jährige war beim ​FC Barcelona Mitgestalter der vermutlich erfolgreichsten Ära in diesem noch jungen Jahrtausend, ließ nach 24 Jahren aber seine mittlerweile beendete Karriere in Katar ausklingen.


​28 Kilometer nordwestlich von Barcelona, in Terrassa, wurde Xavi Hernandez am 25. Januar 1980 geboren. Einst träumte er, für Stadtrivale Espanyol aufzulaufen - so wie sein Großvater. Jedoch trat er 1991, im Alter von elf Jahren, dem FC Barcelona bei und erlebte die knochenharte Ausbildung in der Talentschmiede La Masia hautnah. 


"Die Arbeitsmoral dort in der Akademie ist unglaublich. Man wird jeden Tag bis auf ein Maximum gefördert, psychisch und physisch", berichtete er 2011 in einem Interview mit dem ​Tagesspiegel. Die Klub-DNA sei ihm "von Beginn an eingeimpft" worden, was bedeutete, dass er vor allem eines lernte: passen, passen, passen. "Wir wurden angehalten, Dreiecke zu bilden und den Ball schnell zu passen. Als junger Spieler nimmt man noch schneller etwas Neues an und lernt, die Stärken seiner Mitspieler zu beachten oder den Kopf ständig oben zu behalten. Man lernt, seine Mitspieler auf dem richtigen Fuß anzuspielen." 


Die wichtigste Lektion: "Bevor du den Ball bekommst, musst du schon wissen, was du mit ihm anstellst." Dies bezeichnete Xavi als Schlüssel zum Erfolg. "Zu wissen, was man mit dem Ball macht, ist um einiges einfacher, wenn deine Mitspieler auf derselben Wellenlänge liegen."


Xavi feiert Debüt unter van Gaal


In Barcelonas Fußballschule werden die Nachwuchstalente früh auf das 4-3-3 eingestellt, bekommen die bei den Profis üblichen Laufwege und Handlungsabläufe mit auf den Weg. 1998 debütierte Xavi unter Louis van Gaal - wie er in seiner Autobiografie beschrieb, bot der Niederländer nur wenig Überraschendes. "Die Laufwege, die er uns Mittelfeldspielern gezeigt hat", spottete er beinahe, zitiert in einem Beitrag des Spiegel, "haben sie uns im Internat schon mit 14 Jahren gezeigt."


Und so schien der Sprung in die erste Mannschaft einfacher. Natürlich musste sich auch Xavi an die körperlich härtere Gangart anpassen, aber schon in seiner ersten Saison absolvierte er 17 Spiele in der Primera Division. Im Jahr darauf sind es 24, in der Spielzeit 2000/01 nur 20; danach aber war Xavi 14 Jahre lang ein fester Bestandteil des zentralen Mittelfelds.


Xavi, der bei der 2:1-Niederlage der spanischen Nationalmannschaft gegen die Niederlande am 15. November 2000 für die Furia Roja debütiert, entwickelt sich zu einem Phänomen. Er braucht nur eine Körpertäuschung, um sich Raum und Zeit zu verschaffen, hat das Spielfeld immer im Blick und behält die wichtigste Eigenschaft bei - er weiß, wohin er den Ball spielen will, bevor er ihn bekommt. Das Ballbesitzspiel des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft kurbelt er gemeinsam mit Andres Iniesta an, beide Taktiker verstehen es, das Spielgerät auf den Millimeter genau durch die Abwehrreihen des Gegners durchzustecken.


Xavi steht für Tiki Taka. Seinen Ursprung fand das extreme Kurzpassspiel unter der Leitung von Pep Guardiola, doch schon bei der Nationalmannschaft ging es darum, den Ball so lange wie möglich zu halten, um dem Gegner den Zahn zu ziehen. 2008 feiert Xavi einen von zwei Europameister-Titeln, gewinnt in der Saison 2008/09 zum zweiten Mal die ​Champions League und erstmals das Triple.  


Eine Ära des Erfolgs


Unter Guardiola spielt Barça am Rande der Perfektion, feiert unter der Leitung des heutigen Trainers von Manchester City 179 Siege in 247 Spielen. Im Rampenlicht steht ​Lionel Messi, der von 2009 bis 2012 vier Mal in Serie zum Weltfußballer gekürt wird - doch im Hintergrund ziehen Iniesta und Xavi die Fäden.


Dass Spanien 2010 zum ersten Mal in der Geschichte Weltmeister wird, war nur die logische Folge; ebenso wie der zweite EM-Titel im Jahr 2012. Xavi gewann achtmal die spanische Meisterschaft, dreimal den Pokal, achtmal den Superpokal, viermal die Champions League, zweimal den UEFA Supercup sowie die FIFA-Klub-Weltmeisterschaft, wird 2005 Spaniens Fußballer des Jahres und bei der EM 2008 zum besten Spieler des Turniers gekürt.


"Er ist mein bester Tanzpartner auf dem Platz", adelte ihn Iniesta (via Spiegel), Messi schwärmte: "Er versteht perfekt, dass der Schlüssel des Erfolgs das Kollektiv ist." 2015 aber kehrt er dem Klub nach 24 Jahren den Rücken. Über die Jahre baut Xavi spürbar ab, kann auf höchstem Niveau nicht mehr regelmäßig mithalten. 


Xavi mit Karriereende in Katar


Seine Karriere lässt er beim katarischen Klub Al Sadd ausklingen, über seinen Abschied sagte er gegenüber dem Barça Magazin (zitiert  via Barcawelt): "Ich werde den Genuss, für Barça gespielt zu haben, in Erinnerung behalten. [...] Als ich noch ein Jugendspieler war, hätte ich mir niemals erträumen können, dass ich einmal so viel mit Barça gewinnen würde, oder dass wir als ein Team in die Geschichte eingehen würden, das zu den besten der Fußballhistorie gehört. Diese ganze Zeit war so erstaunlich und ich bin dafür einfach nur dankbar."


Rückkehr als Trainer?


Aber Xavi strebt eine Rückkehr an, will eines Tages als Trainer genauso erfolgreich sein wie als Spieler. "Ich weiß, wie sie trainieren, wer Führungspersonen sind, ob sie traurig oder wütend sind", sagte er im September laut Sport1. Lange will er scheinbar nicht warten: "Ich hoffe, als Trainer einige Spieler zu haben, die ich bereits kenne."


Bei Al Sadd sammelt er derzeit erste Erfahrungen als Cheftrainer, gewann fünf von seinen ersten acht Spielen. Ob er eines Tages nach Barcelona zurückkehrt, steht in den Sternen - vermessen ist diese Idee aber überhaupt nicht. Denn niemand kennt den Klub besser als jemand, der von Kindesbeinen an gelernt hat, was es bedeutet, für Barça zu spielen, wie der Fußball im Camp Nou verstanden wird. Xavi ist prädestiniert für diese Aufgabe - und als Fußballer hochdekoriert von der großen Bühne gegangen.


Die 20 besten Spieler des Jahrzehnts: Das große 90min Ranking


Platz 20: Giorgio Chiellini - der unzerstörbare Turm von Juventus Turin

Platz 19: Luka Modric - der unauffällige Edeltechniker

Platz 18: Philipp Lahm - der "perfekte Spieler" für Pep Guardiola

Platz 17: Gianluigi Buffon - die unsterbliche Legende

Platz 16: Kevin De Bruyne - das belgische Genie

Platz 15: Franck Ribéry - als Bayern endlich wieder einen König hatte

Platz 14: Thomas Müller - das letzte echte Eigengewächs des FC Bayern

Platz 13: ​Eden Hazard - unbezwingbar und effizient