Die schlimmsten Befürchtungen des FC Bayern München haben sich bestätigt: Wie der Klub am Sonntagmorgen bekanntgab, ​erlitt Niklas Süle beim Gastspiel in Augsburg (2:2) einen Kreuzbandriss. Ein schwerer Schlag, der auch die deutsche Nationalmannschaft hart trifft. Joachim Löw muss die Defensive umbauen, um den Ausfall des Innenverteidigers zu kompensieren. Der Bundestrainer kommt eigentlich nicht mehr drum herum, Mats Hummels zurück ins Boot zu holen.


Der Arbeitstag von Niklas Süle war nach etwas mehr als zehn Minuten beendet. Nach einem Laufduell mit Florian Niederlechner fasste sich der Abwehrchef der Münchner Bayern ans Knie, nach kurzer Behandlung wurde David Alaba von Trainer Niko Kovac eingewechselt. Süle verließ die Katakomben der Augsburger WWK-Arena auf Krücken, nach dem Spiel konnte Kovac keine positiven Neuigkeiten verkünden. "​Es sieht so aus, dass bei Süle das Kreuzband beschädigt ist. jetzt müssen wir schauen, in wie weit andere Bereiche im Knie in Mitleidenschaft gezogen sind", wird der 48-Jährige bei ​Sportbuzzer zitiert.


Die "wirklich schwere Verletzung", die der Bayern-Trainer ahnte, entpuppte sich wenige Stunden später als zweiter Kreuzbandriss in Süles Karriere. Im Dezember 2014 erlitt er seinen ersten, damals fehlte er der TSG Hoffenheim bis Juli 2015. Die Saison 2019/20 ist mit hoher Wahrscheinlichkeit gelaufen, auch die Europameisterschaft 2020 ist in Gefahr.


Am Sonntag konstatierte Bundestrainer Löw (via ​kicker): "Sein Ausfall ist auch für uns schmerzlich und beeinträchtigt die Entwicklung unserer im Umbruch befindlichen jungen Mannschaft." Süle sei das "Gesicht der jungen Spieler-Generation, der wir im Rahmen des Neuaufbaus viel Raum geben, er war ein Fixpunkt in unseren Planungen und hatte sowohl im Klub als auch bei uns seine regelmäßigen Einsätze." Nun aber braucht der Bundestrainer eine Alternative. 


Schwierige Personalplanung im Oktober


Mit Jerome Boateng, Benjamin Pavard und Javi Martinez besitzen die Bayern immerhin drei davon, beim DFB gestaltet sich die Personalsituation aber komplizierter. Löw beraubte sich freiwillig der Option, auf Jerome Boateng oder Mats Hummels zu setzen, sortierte das Weltmeister-Duo von 2014 ebenso wie Thomas Müller aus.

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Löw muss bei der EM wohl ohne Süle planen



In der Länderspielpause der vergangenen Woche standen mit Süle, Niklas Stark und Robin Koch nur drei gestandene Innenverteidiger zur Verfügung, in den beiden Spielen gegen Argentinien (2:2) und Estland (3:0) musste Emre Can im Abwehrzentrum aushelfen. Niklas Stark verpasste das EM-Qualifikationsspiel in Tallinn aufgrund einer Verletzung im Mannschaftshotel, Koch kam gegen Argentinien zu seinem Nationalmannschaftsdebüt.


Der Innenverteidiger des ​SC Freiburg war gleichzeitig aber einer der zahlreichen Nachnominierungen. Antonio Rüdiger fehlte wegen einer Verletzung an der Leiste, Jonathan Tah meldete sich krankheitsbedingt ab und Matthias Ginter erlitt unmittelbar vor der Länderspielpause eine Schulterluxation. Ginter, Rüdiger und Stark werden bis zum EM-Sommer gesund werden und vermutlich auch bleiben, mit Süle wird Löw aber kaum rechnen können. 


Der Bundestrainer muss eine Alternative finden, die aber mehr ist als nur ein junger Spieler mit viel Potenzial. Denn in den vergangenen Monaten bemühte er sich darum, den Umbruch voranzutreiben, etablierte Serge Gnabry und Leroy Sané im Angriff, förderte verstärkt Kai Havertz und Julian Brandt im Mittelfeld und verzichtete in der Abwehr auf die große Erfahrung von Hummels und Boateng.


Die Innenverteidigung wackelt bedenklich


Auf den Außenverteidiger-Positionen besitzt die Nationalmannschaft mit Marcel Halstenberg, Lukas Klostermann, Nico Schulz, Jonas Hector und notfalls Joshua Kimmich genug Personal in der Spitze wie der Breite, die Innenverteidigung bleibt aber das Kernproblem. Das Remis gegen Argentinien zeigte ebenso wie das 2:4 gegen die Niederlande auf, dass die hinterste Reihe bedenklich wackelt. 


Seit Wochen wird Löw für seinen konsequenten Verzicht auf Hummels kritisiert. Trotz der zahlreichen Ausfälle sah er "keine Veranlassung", ihn nachzunominieren (via ​WAZ), schließlich habe er bereits im September wiederholt gesagt, "dass wir erstmal unseren Weg mit den jungen Spielern gehen".


Doch nicht nur in den Augen der Verantwortlichen von ​Borussia Dortmund ist Hummels derzeit der beste deutsche Innenverteidiger. Süle erreichte in dieser Saison noch nicht seine Bestform, auch die Leistungen von Tah ließen bei der Nationalmannschaft zu wünschen übrig - und Notlösungen wie Emre Can reichen nicht aus, wenn man ernsthaft um den EM-Titel mitspielen will.


Ein Mangel an Erfahrung


Junge, heranwachsende Profis des Alters wegen zu nominieren und aufzustellen, ist der falsche Ansatz. Die Mischung aus Alter und Erfahrung macht den Unterschied. Im Tor ist Manuel Neuer bis zur Europameisterschaft gesetzt, im Mittelfeld sind Toni Kroos und Ilkay Gündogan wichtige Faktoren, im Angriff ist Marco Reus teils sieben Jahre älter als seine Mitspieler. Einzig in der Abwehr macht Löw Abstriche, neben Ginter besitzt Rüdiger die meiste Erfahrung. Dabei zählte das Duo in den vergangenen Jahren kaum zum Stammpersonal.

Mats Hummels

Sehen wir Hummels noch einmal im DFB-Trikot?



Wenn sich der 59-Jährige in seinen mittlerweile 13 Jahren beim DFB für eine Sache entschieden hat, rückt er kaum von ihr ab. Sei es die Entscheidung pro Manuel Neuer, der trotz fast einem Jahr Ausfallzeit bei der WM in Russland zwischen den Pfosten stand, die häufig kritisierte Nichtnominierung von Stefan Kießling oder die zweite Chance, auf die Kevin Kuranyi bis heute vergeblich warten müsste, hätte er seine Karriere nicht vor drei Jahren beendet.


Auch zukünftig will Löw seiner Linie treu bleiben, Boateng und Müller kommen daher nicht mehr in Frage. Bei Hummels und Sami Khedira ließ er sich in seinen Aussagen ein Hintertürchen offen, womöglich für Situationen wie die jetzige. Denn mit Süle fällt einer der Fixpunkte der neuen Nationalmannschaft weg.


Hummels ist die beste Alternative


Wer könnte den freien Platz besser ausfüllen als Mats Hummels? Fast das gesamte Jahr über zeigt er sehr gute Leistungen, gilt beim BVB als der Königstransfer dieses Sommers. Wie in Dortmund hätte er bei der Nationalmannschaft die Aufgabe, eine junge Hintermannschaft mit seiner Ruhe und Erfahrung zu stabilisieren, Spitzenleistungen wie in der ​Champions League gegen den FC Barcelona haben bewiesen, dass er dazu sehr wohl imstande ist. 


Mit einem Notendurchschnitt von 2,92 zählt der kicker Hummels zu einem der besten Innenverteidiger der Bundesliga, in der abgelaufenen Rückrunde wählte ihn das Fachmagazin auf den ersten Platz. Der Bundestrainer steht nun in der Pflicht - und diese lautet, Mats Hummels zurück ins Boot zu holen. Der Abwehrchef des BVB ist die beste Alternative für Süle.