Genau 595 Profispiele für den FC Bayern München und die deutsche Nationalmannschaft hat Thomas Müller auf dem Konto. Debütiert hat der heute 30-Jährige einst unter Jürgen Klinsmann, unter Louis van Gaal gelang der endgültige Durchbruch. Aktuell durchlebt Müller die schwierigste Phase seiner Karriere, denn längst ist er alles andere als unantastbar. Im 90min-Ranking der besten 20 Spieler der vergangenen zehn Jahre landet er auf Platz 14.


Im Sommer 2020 können der FC Bayern und Thomas Müller ein besonderes Jubiläum feiern, der Offensivspieler wäre dann seit 20 Jahren für den Rekordmeister aktiv. 2000 kam er aus dem Nachwuchsbereich des TSV Pähl, durchlief in den Folgejahren sämtliche U-Mannschaften der Bayern und durfte in der Saison 2008/09 erstmals Profi-Luft schnuppern. Jürgen Klinsmann gewährte ihm zum Bundesliga-Auftakt einen Kurzeinsatz gegen den Hamburger SV, im März 2009 erzielte er beim 7:1 in der Champions League über Sporting Lissabon sein erstes Tor. In München war man sich einig: Es müllerte wieder.

​Drei weitere Male steht Müller unter Interimstrainer Heynckes, der im April auf Klinsmann folgte, auf dem Platz. Zuvor wäre er aber um ein Haar bei ​1899 Hoffenheim gelandet, wenn Hermann Gerland nicht gewesen wäre. "Jürgen Klinsmann war einverstanden, er sagte, für mich sei in der Mannschaft sowieso kein Platz", erzählte Müller einst gegenüber dem kicker. "Gerland stemmte sich dagegen, zudem hatten die Hoffenheimer wohl zu wenig geboten, und dann war die Transferzeit vorbei. Ich bin geblieben, zum Glück."


Durchbruch unter van Gaal


Zum Glück für Müller, zum Glück aber auch für Bayern. Im Sommer 2009 heuert Louis van Gaal beim Rekordmeister an, verändert viele Dinge auf dem Spielfeld: Philipp Lahm wird vom Links- zum Rechtsverteidiger transformiert, Bastian Schweinsteiger wandert von der Außenbahn ins defensive Mittelfeld, Arjen Robben bildet gemeinsam mit Franck Ribéry die neue Flügelzange - und mit Holger Badstuber und Thomas Müller erhalten zwei Eigengewächse einen Stammplatz.


Mit vier Toren wird Müller im DFB-Pokal Torschützenkönig, ist in der Bundesliga und der Champions League weitere 29 Male beteiligt (15 Tore, 14 Vorlagen). Für van Gaal war früh klar (via ​Goal): "Wir können immer ein Tor von Müller erwarten. Er ist immer da, das ist es, warum er immer spielt."


Auch wenn der Niederländer diese Aussage in der Saison 2010/11 traf, so sollte er recht behalten. Bis heute traf Müller in sechs Bundesligaspielzeiten zweistellig, steht insgesamt bei 186 Toren für den Rekordmeister. Im März 2010 debütiert er bei der deutschen Nationalmannschaft, feiert bis zu seinem plötzlichen Rauswurf im März 2019 100 Länderspiele. Bei der Weltmeisterschaft 2010 wird Müller mit fünf Toren und drei Vorlagen Torschützenkönig, wird zudem als 'Bester Junger Spieler des Turniers' ausgezeichnet.


Ein unorthodoxer Profi


Dabei ist Müller vom Erscheinungsbild her alles andere als ein Profifußballer. Bekannt ist er für seine langen, schlaksigen Waden, auch an anderen Stellen seines Körpers sind ausgeprägte Muskeln kaum zu finden. "Wo keine Muskeln sind, kannst du dir auch nicht wehtun. Meine Waden sind so dünn, da kann kein Gegner die Knochen treffen, weil man sie so schlecht sieht", sagte er selbstironisch über seinen Körperbau. Etwas ernster betrachtet erklärt er (via Goal): "Das Einzige, was ungewöhnlich ist, ist mein Gesamtpaket, wenn man die einzelnen technischen Fähigkeiten anschaut. Ich behaupte von mir zwar schon, dass ich eine gute Technik habe, das Dribbling ist aber nicht wirklich meine Stärke. Es gibt auch Stürmer, die einen besseren Schuss haben oder schneller sind."


Ungewöhnlich sei daher lediglich, "dass ich es trotz dieser vermeintlichen Schwächen in die Weltspitze geschafft habe, weil andere Dinge in meinem Spiel anscheinend so gut sind, dass es bisher für dieses Niveau gereicht hat". 


Vor allem im Kopf ist Müller seinen Gegenspielern immer wieder voraus, überrumpelt die gegnerische Abwehr mit seinen ungewöhnlichen Laufwegen und reißt zahlreiche Lücken auf. "Die Position hinter den Spitzen", sagt er, "ist meine beste, das ist kein Geheimnis. Dort kommt meine Laufstärke zum Tragen. Ich kann in die Räume reingehen, mich bewegen, meinen Mitspielern helfen, Defensivarbeit leisten."


So sehen es auch zahlreiche andere Trainer. Ottmar Hitzfeld etwa behauptete im April 2016, Müller sei so wichtig für Bayern "wie Messi für Barcelona" (via Tagesspiegel), und auch Jupp Heynckes schwärmte später (via AZ): "Thomas ist nicht nur ein belebendes Element, er ist Kapitän, er ist Sympathieträger, auf und außerhalb des Spielfeldes. Einen Thomas Müller nicht zu berücksichtigen oder infrage zu stellen, schließe ich aus – solch einen Spielertyp gibt es in ganz Europa nicht."


Und wo Müller ist, ist auch Erfolg: Achtmal feiert er die Deutsche Meisterschaft, fünfmal gewinnt er den DFB-Pokal sowie den Supercup. In der Triple-Saison 2012/13 steht er in 47 von 54 Pflichtspielen auf dem Platz, ist auch dabei, als Bayern den UEFA-Supercup und die Klub-Weltmeisterschaft gewinnt - und als Deutschland 2014 Weltmeister wird! Mit einem Hattrick im ersten Gruppenspiel gegen Portugal (4:0) eröffnete Müller die Titeljagd der Deutschen.


Nicht mehr unantastbar


Doch seit geraumer Zeit wackelt der Status des unantastbaren Müller. Carlo Ancelotti versetzte ihn zu seiner Zeit immer wieder auf die rechte Außenbahn, dabei hat er als Flügelspieler noch nie eine gute Figur abgegeben. In der aktuellen Saison ist er hinter Philippe Coutinho zurückgefallen, nahm zuletzt fünfmal in Serie auf der Bank Platz. Müller, der 2015 noch für unbezahlbar erklärt wurde, hat unter Niko Kovac an Stellenwert verloren und macht sich ernsthafte Gedanken über seine Zukunft.


20 Titel hat er mit dem FC Bayern gewonnen, nicht ausgeschlossen, dass in dieser Saison noch mindestens einer hinzukommt. Doch was passiert dann? Werden die Bayern diesen verdienten Spieler genauso ziehen lassen wie einst Bastian Schweinsteiger, oder setzt sich Müller doch wieder auf seine typische Art und Weise durch? Zum ersten Mal erlebt er unangenehme Zeiten, von 2010 bis 2018 war davon keine Spur. Dennoch zählt Thomas Müller zu den besten Spielern des vergangenen Jahrzehnts und landet verdient auf Platz 14.


Die 20 besten Spieler des Jahrzehnts: Das große 90min Ranking


Platz 20: Giorgio Chiellini - der unzerstörbare Turm von Juventus Turin

Platz 19: Luka Modric - der unauffällige Edeltechniker

Platz 18: Philipp Lahm - der "perfekte Spieler" für Pep Guardiola

Platz 17: Gianluigi Buffon - die unsterbliche Legende

Platz 16: Kevin De Bruyne - das belgische Genie

Platz 15: ​Franck Ribéry - als Bayern endlich wieder einen König hatte