​Dass Peter Bosz den Fußball versteht wie nur wenige, muss man wohl nicht erwähnen. Der Trainer von ​Bayer 04 Leverkusen ist ein Taktikfuchs und Perfektionist, wenn es um den Spielstil seiner Mannschaft geht. Doch nicht immer kommen seine Vorstellungen über den Spielverlauf bei seinem Team an - Leverkusen zeigte sich in dieser Saison nicht nur einmal extrem uninspiriert und schwach in der Abwehr. Im Interview mit der Sport Bild äußert sich Bosz nun zum Stand der Mannschaft sowie zu dem ein oder anderen (Ex-)Spieler von Bayer 04.


Platz Sieben und 14 Punkte aus sieben Spielen, dazu nur acht Gegentore. Die Ligabilanz von Bayer 04 ist zufriedenstellend. Die Verantwortlichen der Werkself sehen dies ebenso und wollen mit Trainer Bosz alsbald verlängern. Stand jetzt würde der Vertrag im kommenden Sommer auslaufen. "Wir haben keinen Druck", nimmt Bosz nun aber den Wind aus dem Segel, auch wenn man weiterhin im Verhandlungsgespräch sei. 


"Wichtig ist, welche Entwicklungsmöglichkeiten wir haben", begründet der Niederländer die längerfristigen Gespräche. Anscheinend sucht man bei Bayer 04 also noch nach der optimalen Planung.


Trainerbilanz von Peter Bosz bei Bayer 04

Wettbewerb​Spiele​Siege​RemisNiederlagen​
​Bundesliga​24​15​3​6
​DFB-Pokal​2​1​0​1
​Champions League​2​0​0​2
​Europa League​2​0​2​0
​Gesamt​30​16​5​9

Bosz hat mit Leverkusen zumindest noch viel vor. Die Qualifikation für die Champions League in der vergangenen Saison sei fast wie ein Titelgewinn gewesen. In Leverkusen habe er das Glück, mit seiner Spielidee auf Andrang zu stoßen: "Seit ich im Januar gekommen bin, hat [die Mannschaft] eine sehr hohe Bereitschaft gezeigt. Jeder hat die Idee, dass wir unser ganzes Spiel rund 20 Meter weiter nach vorne verschieben, sofort angenommen." 


Für den Trainer hat die Mannschaft seine Taktik also bereits gut aufgenommen. Wichtig sei aber, dass man jedes Spiel gewinnen will. Dies führe zu einem Teamniveau, das auch Titel gewinnen könne.


Havertz habe "den Kopf oben"


Momentan jedoch scheint Bayer noch nicht bereit für Titel zu sein, ​auch wenn unter anderem Wendell die Meisterschaft anpeilt. Führungsspieler wie Kai Havertz oder Jonathan Tah stecken aktuell für viele in einem kleinen Formtief. Speziell auf Havertz bezogen kann Bosz dies aber nicht bestätigen.


"Ich sehe ja täglich, wie er trainiert. Es gelingt ihm sehr viel. Ich sehe seine Körpersprache. Er geht aufrecht. Er hat den Kopf oben", nimmt der Niederländer das Talent in Schutz. Mit Bezugnahme auf die Spiele gegen Union Berlin, den FC Augsburg oder auch gegen Argentinien im Dress des DFB spricht Bosz dem 20-Jährigen auch weiter seine Torgefährlichkeit zu, die zuletzt ein wenig schwächelte. Bosz ist sich sicher, dass Havertz bald wieder "vermehrt an den entscheidenden Situationen vor dem Tor beteiligt" ist.


Dass Havertz aller Voraussicht nach im kommenden Sommer den Verein verlassen wird, kann Bosz nachvollziehen: "Am Ende muss der Spieler selbst spüren, wann er bereit ist für den nächsten Schritt. Das kann niemand für ihn entscheiden, sondern nur er selbst." Nichtsdestotrotz würde Bosz den Spieler gerne behalten. "Kai ist erst 20 Jahre alt und hat noch Luft nach oben." Bosz könne Havertz helfen, sein Potenzial noch weiter auszuschöpfen.


Brandt sei nicht ersetzbar


Havertz' ehemaliger kongenialer Mitspieler ​Julian Brandt vollzog in diesem Sommer bereits den nächsten Schritt. Bosz vermisst den 23-Jährigen sehr: "Das ist doch logisch. Brandt, Havertz oder auch Bellarabi – das sind Spieler, deren Qualitäten kein anderer hat." Allerdings sei man gut genug aufgestellt, dass man den Verlust auffangen könne. Zwar sei Brandt nicht eins-zu-eins zu ersetzen, doch die Spieler im Kader können durch ihre individuellen Fähigkeiten neuen Schwung in die Mannschaft bringen.


Dass Bosz aus Spielern das Maximum rauskitzeln kann, zeigt etwa das Beispiel Kevin Volland. Der Stürmer erlebt momentan sein bestes Karrierejahr, erzielte 2019 bereits zwölf Treffer und legte weitere 14 auf. Allerdings habe sich der Trainer gar nicht groß um Volland kümmern müssen, da seine Formstärke auch eine Folge der Systemumstellung sei: "Die 20 Meter, die wir jetzt näher am gegnerischen Tor sind, helfen ihm unheimlich, weil er schneller im Strafraum ist, wo er seine Wucht am besten nutzen kann."


Tah: Überbelastung und Müdigkeit


Eben diese 20 Meter, die Bayer momentan höher verteidigt, stellen andere Spieler allerdings vor Herausforderungen. Dass Jonathan Tah aktuell keine gute Phase hat, sieht auch sein Trainer. "Jonathan Tah ist körperlich ein Monster. Aber auch er ist irgendwann müde. Er hatte in diesem Jahr kaum Pausen", begründet Bosz die Leistungen seines Schützlings. Tah habe in diesem Sommer nur drei Wochen Pause gehabt, habe nach der Liga noch für das DFB-Team und die U21 gespielt. Bosz habe Tah daher auch mal ein Spiel Pause gegeben, um den Verteidiger zu schonen. 


Für den Nationalspieler wird die Belastung allerdings nicht weniger - bis Weihnachten hat der 23-Jährige im Prinzip nur eine Woche ohne Doppelbelastung. "Das ist verrückt", findet Bosz. "Wie sollen wir da die Spielerschützen?" Immerhin ist Tah auch eine Führungsspieler bei Bayer 04.