Kaum ein Spieler von ​Bayer 04 Leverkusen spaltet so sehr die Fanbase wie Julian Baumgartlinger. Die einen lieben den routinierten Österreicher wegen seiner Erfahrung und unauffälligen, aber wichtigen Spielführung​. Die anderen messen "Baumi" hingegen an seinen Ballverlusten, seinen Fehlpässen und seiner oft tempoverschleppenden Art zu spielen. Wie geht man mit diesem Spieler um?


Im Sommer 2016 kam Baumgartlinger vom ​FSV Mainz 05 zu Bayer 04. Nach einer schwierigen ersten Saison - in Leverkusen endete die Ära Schmidt - ging es für den defensiven Mittelfeldspieler langsam bergauf. Der Österreicher avancierte zum Spieler, der da ist, wenn er gebraucht wird. Und er wurde immer häufiger gebraucht. Höhepunkt war die Rückrunde der vergangenen Saison, als der 31-Jährige zum wichtigen Bestandteil der famosen Elf unter Neu-Trainer Peter Bosz wurde.


Julian Baumgartlinger für Bayer 04

​WettbewerbSpiele​Tore​Vorlagen
​Bundesliga​71​1​3
​DFB-Pokal​8​//​
​Europa League​4​//​
​Champions League​7​/​1
​Gesamt​90​1​4

Dennoch bleibt Baumgartlinger Zielscheibe der Leverkusener Kritik. Gerade in den sozialen Netzwerken wird der Österreicher immer wieder beschimpft und teilweise übel beleidigt. Das hört im Stadion nicht auf. Ein Fehler von Baumgartlinger wird kommentiert wie kein Zweiter. Zurecht?


Als Freund der Statistik schmeiße ich mal ein paar Zahlen über Baumgartlinger in den Raum, die ich von den Kollegen von onefootball entnehme. Der Mittelfeldmann kommt durchschnittlich auf 90 Ballkontakte, weist 92% Passgenauigkeit auf und gewinnt 63% aller Zweikämpfe sowie 83% aller Luftzweikämpfe. Vergangene Saison holte man mit Baumgartlinger auf dem Platz satte 2,19 Punkte pro Spiel. Hochgerechnet auf die Saison (74 Punkte) hätte diese Punkteausbeute 2018/19 zu Platz Drei gereicht und man wäre nur zwei bzw. vier Punkte hinter den Platzhirschen Dortmund bzw. Bayern gewesen.


Das sind allesamt mehr als hervorragende Werte für den Sechser. 


Woher dann der Hate?


Baumgartlinger hat das Problem, dass seine Fehler oft gefährlich werden. Das mag seiner Position im defensiven Mittelfeld geschuldet sein oder ist einfach Pech. Seine Ballverluste oder Fehlpässe führen nicht selten zu Chancen des Gegner. Im ersten Saisonspiel gegen Paderborn sorgte sein Fehlpass für das 0:1. Durch solche Momente sorgte der Spieler dafür, dass viele Fans in ihm einen Unsicherheitsfaktor sehen.


Zudem wirkt Baumgartlinger teilweise wie ein Ballentschleuniger im (theoretisch) schnellen Spiel der Leverkusener. Konter, Ballverschiebung oder ein Seitenwechsel werden ab und an von ihm  - aus Sicht der Fans unnötigerweise - verlangsamt und der Angriff flacht ab.


Gibt es Gegenpositionen in der Causa Baumgartlinger? Ja, und zwar von Seiten des Teams. Der Spieler genießt im Verein ein hohes Ansehen, wird aufgrund seiner Erfahrung geschätzt und sitzt im Mannschaftsrat von Bayer 04. Daneben ist Baumgartlinger nach Lars Bender und Kevin Volland auch stellvertretender Kapitän.


Der einzige Fels in der Mittelfeldbrandung


Im Kader von Bayer 04 ist Baumgartlinger im Grunde auch der einzige Sechser. Zwar ist Lars Bender auch auf dieser Position ausgebildet, in den vergangenen Monaten jedoch im Grunde zum Rechtsverteidiger umgeschult worden. Auf der defensiven Position sorgt Baumgartlinger also alleine für Ordnung und Ballgewinne. Beispiel: Ein bärenstarker Ballgewinn vom Österreicher gegen ​RB Leipzig sorgte kurz vor Schluss fasst noch für den Siegtreffer von Bayer 04. Hatte das noch wer im Kopf?


Als Zwischenfazit erkennt man also, dass Julian Baumgartlinger im Grunde eine sehr gute Arbeit im Mittelfeld leistet, doch leider immer der "Depp" ist, dessen Fehler auffallen. Dadurch gerät er in Visier verärgerter Fans. Die Mannschaft allerdings steht hinter dem Profi.


Ich selbst kann mich aus dieser Truppe an Kritikern nicht herausnehmen. Auch ich sah in den vergangenen Spielen ungern Baumgartlinger am Ball und war extrem verunsichert, wenn der Sechser im Ballbesitz war. Kritik hagelte es also auch von mir, gerade das Gegentor gegen Paderborn war mehr als unnötig. Doch Kritik braucht eine Grundlage, eine Berechtigung, weshalb ich auch diesen Text hier verfasse, um mir selbst ein Bild der Lage zu machen.


Kritik ja - Hass nein


Zunächst aber muss kurz zwischen Kritik und Hass differenziert werden. Hass hat im Stadion nichts zu suchen. Einen Profi aufgrund mangelnder Leistung massiv zu beleidigen und denunzieren? Meiner Meinung mehr als primitiv und absolut inakzeptabel. Kritik wiederum beruht auf einer Grundlage und ist berechtigt. Spielt ein Fußballprofi schlecht, kann man die mangelnde Leistung kritisieren. Doch Kritik hört da auf, wo der Gegenüber angegriffen wird.


Baumgartlinger muss zurecht durch die teilweise haarsträubenden und unnötigen Fehler skeptisch gesehen werden. Im sowieso schon waghalsigen Spiel der Werkself sind solche Ballverluste ein Akt der Selbstzerstörung und sollten vermieden werden. Baumgartlinger tut gut daran, seine Fehlerquote weiter herunterzuschrauben.


Nichtsdestotrotz ist Baumgartlinger ein Opfer seines eigenen Spiels. Unauffällige Spieler fallen eben nur auf, wenn sie Fehler machen. Die guten, aber eben auch unauffälligen Leistungen werden stattdessen unter den Teppich gekehrt und nur die Fehler bleiben in Erinnerung. Aber mit welchem Recht stellt man sich als Fan der Mannschaft über den Profi?


Bayer 04 und seine Fanbase stellen sich gerne als die "andere Familie" da. Ich als Leverkusener mag diese Betitelung, denn sie spiegelt ​die kleine aber innige Beziehung unter dem Bayerkreuz sehr gut wider. Gegenseitige Unterstützung ist in einer Familie jedoch von elementarer Wichtigkeit. Das wissen im Grunde alle. Doch warum schießen sich viele auf Baumgartlinger ein?


Ich glaube, es ist einfacher, das Schlechte zu kritisieren, als das Gute zu loben. Lobt man schließlich nach einem 0:4 den einzigen guten Spieler oder erwähnt man nicht lieber die drei bis vier katastrophalen Spielerleistungen? Da Baumgartlinger sich oft selbst ein wenig ins negative Rampenlicht schießt, macht er sich so zum Opfer. Baumgartlinger muss diese individuellen Fehler unter Kontrolle bringen, denn sie können wichtige Punkte kosten.


Doch viel wichtiger ist die Tatsache, dass uns Baumgartlinger zeigt, dass sich viele Bayerfans mal an die eigene Nase fassen sollten. Ihr seht auch als Teil dieser Familie? Dann verhaltet euch auch gefälligst so. Einem Spieler hilft es herzlich wenig, wenn nach einem Ballverlust die Hälfte des Stadions anfängt zu pöbeln. Viele vergessen wohl die Distanz zu den Spielern. Nur weil jemand Fußballprofi ist, heißt das nicht, dass dieser zum Scheibenschießen freigegeben ist.


Guter Spieler mit ärgerlichen Fehlern


Baumgartlinger ist unterm Strich ein wichtiger Spieler, bringt gute Leistungen und hat einen guten Ruf im Kader. Die Fehler, die er macht, fallen allerdings auf, laden den Gegner ein und führen zu der Kritik an seiner Person. Diese ist berechtigt, solang es aber nur um seine Leistung geht. Den Spieler dumpf zu beleidigen, ist eher kontraproduktiv und gibt nicht die Werte des Vereins wieder. Wohin der Dauerbeschuss unsinniger Vorwürfe führen kann, zeigte nicht zuletzt der Fall Robert Enke.


Aber das will ja kaum einer mehr hören.


In diesem Sinne: Wir sind eine Familie. Und zu dieser gehört auch Julian Baumgartlinger - trotz der Fehler.