Der FC Bayern München ist wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Nach dem viel gefeierten ​7:2-Erfolg in der Champions League über Tottenham Hotspur verlor der Rekordmeister im letzten Bundesligaspiel vor der Länderspielpause vor heimischer Kulisse mit 2:1 gegen 1899 Hoffenheim. Nur aufgrund der Patzer der Konkurrenz bleibt der Rekordmeister vorerst an der Tabellenspitze, kann am Sonntag aber von Borussia Mönchengladbach oder dem VfL Wolfsburg gestürzt werden. Neben dem Verfall in alte Muster sorgten auch die Personalentscheidungen von Niko Kovac für Kritik.

Aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von David Alaba, ​der im Spiel bei den Spurs einen Haarriss in der Rippe erlitt, wagte Kovac personell nur eine Abänderung: Thiago rückte wieder in die Anfangsformation und bildete mit Corentin Tolisso die Doppel-Sechs, Joshua Kimmich begann somit wieder als Rechtsverteidiger und Benjamin Pavard übernahm die linke Abwehrseite.


Vom in der Bundesliga starken Ivan Perisic (zwei Tore, ein Assist in vier Spielen), dem pfeilschnellen Alphonso Davies, den Kovac zum Linksverteidiger umschulen will, Javi Martinez oder Thomas Müller war keine Spur. Erst nach einer Stunde brachte Kovac Müller und Perisic, stellte taktisch auf Dreierkette um und versuchte so, den Druck auf die Gäste nach dem Führungstor durch ​Sargis Adamyan in der 54. Minute zu erhöhen.


Mit der Einwechslung von Müller kam spürbar mehr Schwung in die Partie. Der 30-Jährige war es auch, der in der 73. Minute mustergültig den zwischenzeitlichen Ausgleich durch Robert Lewandowski vorbereitete. Nach dem Schlusspfiff war Müller, der erst drei Mal in der Bundesliga von Anfang an ran durfte, in sieben Einsätzen aber schon vier Assists vorweisen kann, wie die übrigen Mannschaftskollegen unzufrieden. Gegenüber den Pressevertretern in der Mixed-Zone sagte er lediglich: "Nothing to say, wie der Engländer sagt" (via BILD). 


Zum wettbewerbsübergreifend fünften Mal in Folge blieb das Eigengewächs auf der Bank, letztmals war dies in der Saison 2008/09 der Fall. Noch in der letzten Saison begann Müller in 38 Pflichtspielen von Anfang an, war in der Bundesliga an 18 Treffern beteiligt; Philippe Coutinho hat ihm im offensiven Mittelfeld aber den Rang abgelaufen.


Müller nur ein Notnagel?


Dies bestätigte Kovac selbst nach der Partie. Müller sei zwar "nicht irgendjemand" und "sehr wichtig", der darauffolgende Satz ließ jedoch tiefer in die Planungen des Kroaten blicken: "Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen."


Müller, der Notnagel. Unter Kovacs Vorgängern galt dieses Motto freilich nicht, auch wenn schon Carlo Ancelotti Schwierigkeiten damit hatte, eine Position für ihn zu finden. Am besten gelang diese Aufgabe Pep Guardiola. Unter dem Katalanen riss Müller als freies Element hinter Lewandowski Räume für den Polen und brachte Bewegung in die letzte Linie des Gegners. In 148 Einsätzen unter Guardiola gelangen Müller 79 Tore und 44 Assists, einzig unter Jupp Heynckes verbuchte er noch mehr Vorlagen (53)

Thomas Mueller

  Nur noch Bankdrücker: Thomas Müller hat seinen Platz offenbar endgültig verloren.


"Alle Spieler haben den gleichen Status", beschwichtigte Sportdirektor Hasan Salihamidzic, "aber man muss auch den Trainer verstehen, wenn er eine Formation sucht, die sich einspielen soll. [...] Thomas macht es sehr gut, wenn er reinkommt, hat auch heute einen aufgelegt."


Doch nach Kovacs jüngster Aussage dürfte es innerhalb des Kaders wieder einmal rumoren. Angeblich haben einige Spieler damit gerechnet, dass der Trainer rotiert; doch anders als vor einem Jahr, als Kovac zu viel rotierte und selten eine eingespielte Elf wählte, bleibt er nun zu stur, ändert seine Startelf meist nur verletzungsbedingt ab.


Frust bei Martinez: Trost von Flick


Der zweite Leidtragende ist Javi Martinez. Der defensive Mittelfeldspieler wirkte bereits vor dem Anpfiff gekränkt, musste von Co-Trainer Hansi Flick auf der Bank getröstet werden. Ihm stehen erst 88 Spielminuten in der Bundesliga zu Buche, dabei stellte er besonders im Achtelfinal-Hinspiel der vergangenen Champions-League-Saison beim FC Liverpool seinen Stellenwert noch einmal unter Beweis. 


Während Tolisso sowohl am Dienstag als auch am Samstag das Gegentor zum 0:1 einleitete, vertraut Kovac weiterhin auf die Dienste des Weltmeisters. Nicht einmal in der Innenverteidigung durfte Martinez ran, obwohl offen war, ob Boateng nach seiner verletzungsbedingten Auswechslung unter der Woche überhaupt einsatzbereit wäre.

Angesprochen auf das Bild mit Martinez und Flick, das in den sozialen Medien für Diskussionsstoff sorgte, sagte Salihamidzic laut ​Spox: "Ich habe die Bilder nicht gesehen. Natürlich ist es für Javi ärgerlich, dass er nicht gespielt hat, aber die Saison ist noch lange, jeder wird zu seinen Einsatzchancen kommen. Auch Javi."


War Tottenham womöglich nur ein Ausrutscher?


An vorderster Front wird versucht, die Situation mit diplomatischen Aussagen zu deeskalieren. Doch die leeren Worthülsen, die Kovac und Salihamidzic am Samstagabend wählten, werden wenig dazu beitragen, dass Müller und Martinez ihre Nichtberücksichtigung verstehen. Wieder einmal muss der Trainer Probleme bewältigen, eine klare Linie hat er noch nicht gefunden. Da die Mannschaft auch spielerisch wenig zu bieten hatte, stellt sich zurecht die Frage, welches Spiel am Ende der wirkliche Ausrutscher war: Das 7:2 gegen Tottenham oder das 1:2 gegen Hoffenheim?