Auf Platz 18 in unserem 90min-Ranking der 20 besten Spieler des vergangenen Jahrzehnts liegt Philipp Lahm. Der Außenverteidiger hat bereits vor zwei Jahren seine Karriere beendet, prägte zuvor aber sowohl auf Vereinsebene als auch in der Nationalmannschaft eine Ära. In über 650 Profispielen wurde deutlich, wieso Pep Guardiola nicht mehr mit den Lobesyhmnen auf "seinen Spieler" aufhören konnte.


Regionale Talente haben es schwer, sich beim ​FC Bayern durchzusetzen, Philipp Lahm aber sollte beim FC Bayern Geschichte schreiben. Der gebürtige Münchner begann das Fußballspielen bei der Freien Turnerschaft München-Gern, doch 1995, im alter von zwölf Jahren, schloss er sich der Nachwuchsabteilung des Deutschen Rekordmeisters an.


Mit nur 18 Jahren erhält er seinen ersten Profivertrag, nach 64 Einsätzen bei der Reserve wird Lahm im Sommer 2003 an den ​VfB Stuttgart verliehen. Bei den Schwaben ist er unter Felix Magath ab dem fünften Spieltag Stammspieler, macht in seiner ersten Bundesliga-Saison 31 Spiele und kommt sieben Mal in der Champions League zum Einsatz. 


In der darauffolgenden Spielzeit schafft es Lahm, damals noch Linksverteidiger, nur auf 22 Einsätze. Im Januar 2005 erleidet er einen Ermüdungsbruch, im Mai wird ein Kreuzbandriss diagnostiziert. Die Rückkehr nach München erfolgt mit Verzögerung, doch Felix Magath, der 2004 vom VfB zu den Bayern wechselte, bleibt geduldig.


Nach Rückkehr: Lahm erobert Stammplatz


Am 19. November 2005 feiert der heute 35-Jährige beim 2:1-Erfolg über Arminia Bielefeld seinen ersten Profi-Einsatz für seinen Jugendverein, wird in der zweiten Halbzeit für Bixente Lizarazu eingewechselt. Am 11. Dezember beginnt er erstmals von Anfang an, langsam aber sicher erarbeitet sich Lahm einen Stammplatz. Anders als heutige Außenverteidiger steht er nicht allzu hoch, konzentriert sich noch vornehmlich auf die Aufgaben in der Defensive und besteht diese mit Bravour. 


Lahm entwickelt ein herausragendes Timing für Grätschen, geht in Zweikämpfen geschickt vor und gewinnt diese zahlreich. In seiner Karriere kassierte er insgesamt nur 49 Gelbe Karten, kein einziges Mal musste ihn ein Schiedsrichter vom Platz stellen. Bei den Bayern erhielt er in der Bundesliga nie mehr als drei Gelbe Karten pro Saison, die Spielzeiten 2007/08, 2012/13 und 2014/15 übersteht er gar ohne Verwarnung.


Bereits im Februar 2004 debütiert er unter Rudi Völler bei der Nationalmannschaft, erhält von Beginn an einen Stammplatz. Auch Jürgen Klinsmann und später Joachim Löw vertrauen voll und ganz auf den intelligenten Außenverteidiger, der im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica nach nur sechs Minuten das erste Tor der Weltmeisterschaft 2006 erzielt. 


Umschulung zum Rechtsverteidiger


Mit der Zeit wird Lahm beim DFB als Rechtsverteidiger eingesetzt, beim FC Bayern traut sich erst Louis van Gaal diese Umstellung. Eine Person war damit aber überhaupt nicht einverstanden: Uli Hoeneß. "Philipp Lahm spielte damals Linksverteidiger, erst ich habe ihn auf rechts gestellt. Daraufhin hatte ich einen riesigen Streit mit Hoeneß, der Lahm weiter links haben wollte", erinnerte sich der Niederländer bei ​Sport Bild. "Die Geschichte", weiß van Gaal, "gab mir recht."

Jack Van Gelder,Louis Van Gaal

  Louis van Gaal (l.) wagte so manches Risiko, von dem die Münchner noch heute profitieren.


Als Rechtsverteidiger funktioniert Lahm mindestens genauso gut wie auf der gegenüberliegenden Abwehrseite, wenn nicht sogar noch besser. Zunächst übernimmt Holger Badstuber den Linksverteidiger-Posten, später David Alaba, der sich als vorerst letzter Spieler aus der Jugendabteilung der Bayern bei den Profis durchsetzen konnte.


Unter van Gaal feiert der Klub das Double, zieht zudem ins Champions-League-Finale ein. Für Lahm waren es bereits die Titel fünf und sechs, schon in den Saisons 2005/06 und 2007/08 war er dabei, als die Münchner jeweils die Meisterschaft und den DFB-Pokal gewannen.


Kapitän, Allrounder, Titelsammler


Nach dem Abschied von Mark van Bommel im Januar 2011 wird Lahm zum Mannschaftskapitän ernannt, bei der Nationalmannschaft übernimmt er die Binde bereits zur Weltmeisterschaft 2010. Schon damals stand er der neuen Generation um Manuel Neuer, Mesut Özil, Thomas Müller oder Sami Khedira mit seiner Erfahrung zur Seite.


Unter Pep Guardiola spielt er zwischenzeitlich im defensiven Mittelfeld, überzeugt auch auf dieser Position. "Er ist ein perfekter Kapitän. Ein Spieler, der alles versteht", adelte ihn der Katalane 2016 (via SZ), "Es war eine, you can not imagine, Riesenehre, sein Trainer zu sein. Eine der besten Erfahrungen für mich. Philipp Lahm war mein Spieler."


Lahms Erfolge lassen sich auch an Titeln messen: Acht Mal feiert er die Deutsche Meisterschaft, sechs Mal den Triumph im DFB-Pokal. Das legendäre Triple erlebt er im Jahr 2013 ebenso hautnah wie den WM-Titel 2014, als er den Pokal in den Nachthimmel von Rio de Janeiro stemmt.


Kein Sportdirektor


2017 beendet er seine Karriere, im Anschluss sollte er eigentlich den Sportdirektor-Posten beim FC Bayern übernehmen. Matthias Sammer legte sein Amt 2016 nieder, Karl-Heinz Rummenigge verkündete schon im November 2016 (via ​transfermarkt.de): "Wir haben da einen im Hinterkopf, den werden wir holen, aber der muss im Moment noch Fußball spielen."

Philipp Lahm

  Entschied sich gegen eine andere Funktion beim FC Bayern: Philipp Lahm.


Doch Lahm lehnt ab. Zu früh erfolge der Sprung in die Führungsetage, zudem seien die Differenzen mit Rummenigge und Hoeneß zu groß. Es war nicht das erste Angebot, das er ablehnte: Einst stand auch ein Wechsel zum FC Barcelona im Raum, doch Lahm blieb seinem Herzensverein treu (via tz): "Ich hätte es mir nicht verzeihen können, wegzugehen und zu sehen, dass Bayern Erfolg hat. Obwohl ich bei Barcelona vielleicht bessere Chancen gehabt hätte. Der Erfolg mit 'meinem' Verein hatte aber für mich mehr Wert." 


Heute ist Philipp Lahm für viele ein Vorbild, was Professionalität und Qualität auf dem Platz angeht. Laut BILD zeigt Jürgen Klopp Trent Alexander-Arnold regelmäßig Video-Clips von ihm, damit das Juwel des FC Liverpool im Spiel gegen den Ball noch besser wird. Mittlerweile ist Lahm beim DFB als Chef des Organisationskomitees für die Europameisterschaft 2024 tätig, zudem ist er im unternehmerischen Bereich aktiv. Ob eine Rückkehr zum FC Bayern erfolgt, ist offen; vorstellbar wäre es in jedem Fall.


Die 20 besten Spieler des Jahrzehnts: Das große 90min Ranking