​Nach der peinlichen Pleite zum Auftakt der Champions League gegen Lokomotive Moskau stand ​Bayer 04 Leverkusen bereits am zweiten Spieltag unter Druck. Zu Gast bei ​Juventus Turin waren die Leverkusener quasi schon zum punkten verdammt. Und tatsächlich gab man sich vor der Partie zuversichtlich. ​Am Ende hat es wieder einmal nicht gereicht - und manch einem Fan werden immer weiter Muster klar.


Die 3:0-Pleite war am Ende doch recht deutlich. Dabei war Bayer 04 rein von den Spielanteilen her gar nicht mal so unterlegen. Gegen den haushohen Favoriten hatte man sogar mehr Ballbesitz (54%) und eine bessere Passquote (87%). Doch leider schießen Statistiken keine Tore. 


Juventus machte es in den wichtigen Momenten besser. Das Team von Maurizio Sarri zeigte sich über weiten Strecken abwartend, war aber da, wenn es ernst wurde. Bayer-Abwehrspieler Jonathan Tah sieht es ebenso. "Sie waren abgezockter, kaltschnäuziger und entschlossener", so der 23-Jährige im kicker. Torhüter Lukas Hradecky sieht bei Leverkusen noch Entwicklungspotenzial: "In solchen Spielen merkst du: Wir haben noch viel, viel Luft nach oben. Um solche Spiele zu gewinnen, sind wir leider einfach noch nicht abgeklärt genug."


Tah allerdings, der mit einem individuellen Fehler vor dem 1:0 Torschützen Gonzalo Higuain einlud, äußert sich nach dem Spiel nicht nur negativ über die eigene Leistung: "Ich glaube trotzdem, dass wir alles reingehauen haben. Wir haben mutig gespielt, es gibt wenige Mannschaften, die hier so mutig spielen wie wir."


Wo war das mutig?


Ähm, wie bitte? Inspirationsloser Standfußball, unzählige Toni-Kroos-Gedächtnispässe und starke null Schüsse auf das Tor zeugen alles andere von mutigem Fußball. Würde man mutig gegen ein Team wie Juve spielen, würde man entweder gewinnen oder deutlich verlieren. Würde man mutig gegen Juve spielen, hätte sich die Alte Dame nicht solch passiv und abwartend verhalten, sondern den eigenen Motor angeschmissen.


Peter Bosz möchte mit seinem Ballbesitzfußball konsequent nach vorne spielen. Spielkontrolle, Bewegung mit dem Ball und Einfallsreichtum sind elementare Bestandteile dieser Spielphilosophie. Schön und gut, das mit der Spielkontrolle klappt schon mal. Aber der Rest? Bayer 04 zeigt sich behäbig, vorhersehbar und völlig ohne Spielwitz. Es tut schon fast weh, die Werkself gegen Topmannschaften spielen zu sehen.


Ja gut, nach sechs Bundesligaspieltagen steht  Bayer 04 dennoch mit 13 Punkten auf Platz Sechs. Auf dem Papier ist der Erfolg also da.


Gegen Topteams hat Leverkusen keine Chance


Das ist richtig. Doch die 13 Punkte wurden gegen die Klubs aus Paderborn, Düsseldorf, Union und Augsburg geholt. Allesamt Vereine also, die man eher in der unteren Tabellenregion sieht. Gegen ein TSG Hoffenheim sprang nur ein 0:0 heraus, gegen Dortmund ging man mit 0:4 unter. In der Champions League folgte nun dieser Auftritt gegen Juventus. Ist der Gegner auf dem Platz fußballerisch stark, greift Bosz' Spielsystem nicht mehr.


Das Spielergebnis gestern war daher nur wenig überraschend. Individuelle Fehler der Werkself und unsaubere Ballbehandlung machten es der Alten Dame leicht, zu verteidigen und in Ballbesitz zu kommen. Es erscheint absolut weltfremd, sich nach diesem Spiel irgendwie noch auf die Schulter klopfen zu wollen. Seit Wochen tritt Leverkusen teilweise auf der Stelle. Ein Lernen aus den Fehlern vergangener Spiele? Nicht existent.


Und das macht mich als Fan dieser Mannschaft nicht nur sauer, sondern es enttäuscht massiv. Schlechte Spiele, schlechte Phasen, schlechte Tabellenplätze - das nimmt man als Fan alles hin, solang man eine Entwicklung sieht, ein Licht am Ende des Tunnels und den Willen der Mannschaft. Doch in Leverkusen wiederholt sich alles. Es würde keinem auffallen, wenn ich Passagen aus ​Artikeln über Bayer 04 hier kopieren würde, die ich vor einigen Wochen bereits zum selben Thema geschrieben hatte.


Bayer ruft nicht sein Potenzial ab


Bei den Rheinländern tritt man auf der Stelle, man stagniert in der Utopie des Ballbesitzes. Die Merkmale, die Bayer 04 die Jahre zuvor vertrat, also schnelles Umschaltspiel, Kreativität und eine brutale Qualität in der Offensive gehen langsam verloren, obwohl man in der Rückrunde 2018/19 unter Bosz noch genau so gespielt hatte.


Die Euphoriewelle in Leverkusen versandet immer weiter. Das Spiel mit dem Ball - es verlangsamt das Spiel. Und das ist bei dem starken Kader und der hohen eigenen Ansprüchen, bei dem genialen Trainer und der doch noch immer guten Stimmung in der BayArena nicht nur super ärgerlich, sondern auch sehr, sehr frustrierend...