​Während die beiden weiteren Absteiger Hannover 96 und der 1. FC Nürnberg in der 2. Liga derzeit noch mächtig straucheln, thront der ​VfB Stuttgart an der Tabellenspitze. Ein Garant für den bisherigen Erfolg ist mit Sicherheit ​Sven Mislintat, dem schon zahlreiche gute Transfers gelungen sind. Dabei kann sich der Sportdirektor auf ein ausgeklügeltes Scouting-System hinter seinem Rücken verlassen.


Früher, in seiner Amtszeit bei ​Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp, reiste der 46-Jährige selbst noch in seiner Funktion als Scout über den halben Globus und war ständig auf der Suche nach dem nächsten Rohdiamanten. Mittlerweile muss der 46-Jährige mehr den Überblick bewahren und musste lernen, Aufgaben zu delegieren. Zum Glück steht ihm beim VfB ein erfahrenes Team zur Seite, mit deren Hilfe der Funktionär einen exzellenten Blick über den Transfermarkt hat.


Doppelspitze führt Scouting-Abteilung an


Wie die meisten Vereine in den höchsten deutschen Spielklassen, gewähren auch die Stuttgarter nur wenig Einblicke in ihre Scoutingarbeit. Die BILD will nun dennoch in Erfahrung gebracht haben, wie der VfB in dieser Hinsicht derzeit aufgestellt ist.​ So beschäftigen die Stuttgarter insgesamt zehn fest angestellte Mitarbeiter, die sich um die Bereiche Scouting und Datenanalyse kümmern. Dazu kommen noch einige externe Scouts, die auf Honorarbasis arbeiten.


Bei seinem Ex-Klub FC Arsenal hatte Mislintat noch auf ein Scouting-Team von sage und schreibe 75 Mann zurückgreifen können. Umso wichtiger, dass sich der neue starke Mann beim VfB in der schwäbischen Landeshauptstadt ausschließlich mit fähigen und vertrauenswürdigen Kollegen umgibt. Angeführt wird die Scouting-Abteilung dabei seit diesem Frühjahr von einer Art Doppelspitze aus Markus Lösch und Uli Schier.


Lösch ist bereits seit 2012 für die Stuttgarter tätig und kennt die Mechanismen innerhalb des Traditionsvereins aus dem Effeff. Schier hingegen wurde von Mislintat ins Boot geholt. Beide Sportfachmänner kennen sich noch aus ihrer gemeinsamen Zeit beim BVB. 


Mislintat baut auf vorhandene Strukturen


Während Mislintat gemeinsam mit seinen Mitarbeitern in diesem Sommer den Kader einmal auf links gedreht hat und allein für die Profimannschaft ​schier unglaubliche 20 Neuzugänge verpflichtet​e, gab es in diesem Sommer bei der Scouting-Abteilung nur geringfügige Veränderungen. Vielmehr erkannte der Sportdirektor, dass ihm von seinem Vorgänger Michael Reschke eine solide Basis hinterlassen wurde und es nur an der ein oder anderern Stellschraube zu drehen gilt.


Bei der Suche nach Spielern setzt die Scoutingabteilung dabei nicht nur auf harte Fakten, wie etwa die Stärken und Schwächen eines Spielers, sondern durchleuchtet auch die komplette Persönlichkeit der potenziellen Verstärkung. Längst sind dabei auch soziale Medien und das Umfeld wichtig, um sich im Vorfeld ein Bild von dem Profi machen zu können.


Scouts sind ständig auf Achse


Um auch in Zukunft noch das ein andere aussichtsreiche Talent aus dem riesigen Transferpool zu fischen, müssen die Scouts jede Menge Strapazen auf sich nehmen. So reisen die Stuttgarter Scouts Jahr für Jahr zu bis zu 120 Spielen, um sich vor Ort ein Bild von ihren Transferzielen zu machen. Dabei fokussieren sich zwar einzelne Mitarbeiter auf spezielle Länder, schlussendlich ist es aber wichtig, dass sich die ganze Abteilung unter einander austauscht und keine Transferempfehlung ein Alleingang ist.


In einem Interview mit dem Boulevarblatt erklärte Mislintat unlängst, auf was er bei potenziellen Neuzugägen besonders achtet: "Ich schaue auf Waffen, die einen Spieler besonders machen. Bei Shinji Kagawa zum Beispiel, war es diese Wendigkeit, er kann mit einem einfachen Move die Spielrichtung ändern, ohne dass man es erkennen, verteidigen kann". Zudem müsse man aber auch auf die Schwächen achten, vor allem wenn diese nur durch wenige Anpassungen auszubessern sind und so erst das wahre Potenzial des Spielers zum Vorschein kommt.


Scout ist nicht gleich Scout


Dabei sind die einzelnen Scouts auch beim VfB oftmals grundverschieden. Da gibt es sowohl die Datenfreaks, die über jeden Spieler selbst das kleinste Detail wissen, aber auch Sportwissenschaftler und Ex-Profis, die auch ihr Bauchgefühl mit in die Bewertung einfließen lassen.


Unterm Strich muss ein Scout laut Mislintat daher einige Dinge mitbringen, um erfolgreich zu sein: "Es steckt systematische Arbeit dahinter: Live-Scouting, Daten, Netzwerk, persönliche Gespräche. Und Mut, Mut ist das Wichtigste." Eben jenen Mut hatte der Sportdirektor einst bei seinem Karrierstart beim BVB ebenfalls an den Tag gelegt und kann sich daher so gut wie wohl nur wenige Sportdirektoren im Profifußball in die Rolle seiner Mitarbeiter einfühlen.