Die zahlreichen Verletzungen innerhalb des Kaders des ​SV Werder Bremen sorgen bei den Verantwortlichen für Verwunderung, aber nicht für Unruhe. Florian Kohfeldt und Frank Baumann sprachen den übrigen Spielern auf der Pressekonferenz am Donnerstag vollstes Vertrauen aus, auch die Zielsetzung wird nicht abgeändert. Ein bemerkenswertes Zeichen, das dennoch mit einer gewissen Portion Mut und Risiko versehen ist.


Immerhin werden mit Milot Rashica und Philipp Bargfrede zwei Spieler laut Kohfeldt definitiv ​in den Kader zurückkehren, bei Maximilian Eggestein sollen Tests am Donnerstag und Freitag entscheiden. Doch die Verletztenliste ist enorm lang: Mit ​Yuya Osako, der nach Angaben des Trainers "vier bis sechs Wochen" fehlen wird, werden insgesamt zehn Spieler im Heimspiel gegen RB Leipzig fehlen - darunter auch der gesperrte Nuri Sahin.

​Niemand kann so recht erklären, wieso der Kader auf einmal mit herben Verletzungsproblemen zu kämpfen hat. "Nichts deutet bei den Verletzten darauf hin, dass wir etwas verschlampt hätten oder falsch behandelt oder falsch diagnostiziert wurde", sagte Sportchef Frank Baumann vor wenigen Wochen laut Weser Kurier. Verdächtigt wird unter anderem der im Sommer neu verlegte Hybridrasen, in einem weiteren Bericht des Blatts bestritt Baumann jedoch die Vorwürfe: "Der Härtegrad des Bodens oder der Untergrund haben sich also nicht verändert. Im Stadion selbst hatten wir seitdem zudem nur vier Spiele und haben kaum dort trainiert. Auf dem Trainingsplatz wurde auch nur der natürliche Anteil des Rasens im Sommer erneuert, vom Härtegrad hat sich auch hier im Vergleich zum Vorjahr nichts verändert."


Transfermarkt: Geringe Investitionen im Sommer


So schwierig die Personalsituation ist, so bemerkenswert gehen die Verantwortlichen damit um. Werder, das schon im Vorjahr den Europapokal als Ziel ausmachte, will auch in diesem Jahr das obere Tabellendrittel angreifen, obwohl nur geringfügig in den Kader investiert werden konnte. Niclas Füllkrug kehrte nach fünf Jahren an die Weser zurück, war mit 6,5 Millionen Euro der mit Abstand teuerste Transfer des Sommers. Zusätzlich wurde Bayern-Leihgabe Marco Friedl mit einem langfristigen Vertrag bis 2022 ausgestattet, Ömer Toprak, Michael Lang und Leonardo Bittencourt jeweils ausgeliehen und mit Benjamin Goller ein Offensivtalent vom FC Schalke verpflichtet.


Werder: Baustellen in der Abwehr und dem Mittelfeld


Nach dem Abgang von Max Kruse wurde mit Yuya Osako ein interner Ersatz gefunden, der nun bekanntlich ausfällt. Neben der Abwehr, die nur noch aus vier Verteidigern - darunter Christian Groß aus der zweiten Mannschaft - besteht, ist auch das zentrale Mittelfeld aufgrund der Verletzungen von Eggestein und Kevin Möhwald sowie der Sperre von Nuri Sahin vorerst dezimiert. Sollte Eggestein für einen Einsatz am Samstag nicht bereit sein, steht Kohfeldt vor der schwierigen Aufgabe, ein Mittelfeld zu finden, das den Leipzigern Paroli bieten kann. 


Die Mentalität der Mannschaft imponiert


Dennoch sagte Baumann deutlich: "Für uns gibt es keinen Grund, jetzt die Zielsetzung zu verändern." Die Mannschaft nehme "die Situation überragend an", genieße zudem "besonders in schlechten Phasen" die lautstarke Unterstützung der Fans. Auch Kohfeldt ist vom Umgang der Spieler begeistert: "Die Jungs entwickeln von sich aus eine enorme Mentalität. Das finde ich sehr gut und ich freue mich darüber. Niemand sucht ausreden, sondern sie nehmen die Situation komplett an."

Dementsprechend wird auch aufgrund der Haltung der Spieler die Zielvorgabe nicht verändert. Nach vielen Jahren im Abstiegskampf hat sich Werder binnen kürzester Zeit prächtig entwickelt, ist nun wieder ein Verein, für den ein einstelliger Tabellenplatz in Anbetracht der Qualität Pflicht ist. Ein Europapokalplatz erschien im vergangenen Jahr noch etwas zu früh, in diesem Jahr aber ist eine Platzierung in den Top sechs durchaus realistisch. Sich von diesem Ziel abzusprechen, wäre ein Rückschritt, den es unter Kohfeldt nicht geben soll.


Verpasster Europapokal als Vorteil


Der Glaube an die eigene Stärke ist groß. So groß, dass man davon überzeugt ist, selbst das größte Hindernis überwinden zu können. 
Werders Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Die Mannschaft kann sich abgesehen vom DFB-Pokal voll und ganz auf die Bundesliga konzentrieren. Der Drei-Tages-Rhythmus macht besonders denjenigen, die länger nicht mehr international gespielt haben, zu schaffen, die Bremer hingegen können unter der Woche den vollen Fokus auf das nächste Ligaspiel legen.

Müsste Werder schon in dieser Saison in der Europa League antreten, stünden die Verantwortlichen vor einer nahezu unmöglichen Aufgabe. Dann müssten die Ziele runtergeschraubt werden, da die Beine um ein Vielfaches schwerer wären. Die aktuelle Konstellation ermöglicht es aber, weiter am Ziel Europa festzuhalten.


Doch Risiko zahlt sich nicht immer aus. Nach dem Heimspiel gegen Leipzig stehen Begegnungen mit Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, Hertha BSC und Bayer Leverkusen auf dem Programm. Auch mit voller Kapelle werden die nächsten Wochen kein Selbstläufer, mit dem derzeitigen Personal erscheint die Aussicht auf Punkte noch geringer. Ob man darüber hinaus an Europa festhalten will, hängt von den Resultaten ab.