Wenn eine Mannschaft mit 3:0 verliert, war sie offenbar um einiges schlechter als der Rivale. Wenn Real Madrid mit 3:0 verliert, geht in Teilen der spanischen Hauptstadt förmlich die Welt unter. Denn in der Welt vieler Real-Anhänger (nicht aller, das muss man dazu sagen) ist ihr Klub der schlechthin größte, schillerndste, teuerste und - beste der Welt. Ein 3:0, ganz gleich gegen wen, passt da nur schwer ins Bild. 


Ersatzgeschwächtes PSG dominiert die Königlichen


Gestern verlor Real Madrid mal wieder mit genau diesem Ergebnis. Bei ​Paris St.Germain. Gut, könnte man jetzt sagen, gegen die Mbappés, Neymars und Co. dieser Welt kann man auch schon mal verlieren. Gerade zu Beginn einer Saison. Stimmt. Nur dumm, dass Mbappé und Neymar gestern gar nicht mit von der Partie waren. Und trotzdem waren Tuchels Mannen eigentlich über neunzig Minuten nie in Gefahr. Besonders schmerzhaft für die Real-Fans muss es gewesen sein, dass es einer ihrer ehemaligen Lieblinge (di Maria) war, der ihre Mannschaft gestern fast im Alleingang aus dem Prinzenpark fegte. Die Real-nahe as schrieb hinterher vom "totalen Kollaps".  


Natürlich ist es noch sehr früh in der Saison. Doch Real sollte sich nicht zu sicher fühlen. Womit ich gar nicht auf den weiteren Verlauf in der diesjährigen Champions-League-Gruppe A abziele. Diese Gruppe mit den weiteren Gegnern FC Brügge und Galatasaray Istanbul sollte Real sogar mit seiner B-Elf bewältigt kriegen. Doch ein Blick in die Vergangenheit lässt die Perspektive nach der Gruppenphase als zumindest nicht rosarot erscheinen. 


Zuletzt 2005 mit 3:0 in der Gruppenphase verloren


Das letzte Mal, dass Real ein Champions-League-Gruppenspiel mit 3:0 verlor, war im September 2005 gegen Olympique Lyon. Damit wiederholten die Spanier damals die Pleite vom Vorjahr, als ebenfalls am ersten Gruppenspieltag das Spiel in Leverkusen mit 3:0 in den Sand gesetzt wurde. Nur wenige Jahre zuvor (2002) war den Königlichen noch ihr letzter Gesamttriumph in der Königsklasse gelungen. Dem folgte immerhin noch ein Halbfinale im Jahr 2003 und ein Viertelfinale 2004. 


Auch damals, im September 2005,  beeilten sich alle Verantwortlichen rund ums Bernabéu-Stadion, die Schmach von Lyon zu relativieren und - vor allem - keine Rückschlüsse über den weiteren Saisonverlauf zu ziehen. Hätten sie es mal gemacht. Denn am Ende jener Spielzeit 2005/06 fand sich Real Madrid aus "seinem" Wettbewerb eliminiert - und zwar schon im Achtelfinale. Wie ebenfalls ein Jahr zuvor. Die alljährliche Champions League-Party, also die Phase ab dem Viertelfinale, fand ohne den sonstigen Partylöwen statt. Und nicht nur das: in den folgenden sieben Jahren (!) schafften es die Königlichen nicht mehr, über das Halbfinale hinauszukommen. 


Viel schlimmer: das mit dem Achtelfinal-Aus sollte sich nicht als einmaliger Ausrutscher entpuppen, sondern als regelrechte Horror-Serie: sechsmal in Folge war in der ersten K.O.-Runde Schluss für Real. Eine Demütigung. Zu jenen Zeiten kursierte in Madrid der Witz: "Na, Wikinger, schafft ihr dieses Jahr die Achte?" Gemeint war natürlich nicht die achte (und längst unter Dach und Fach gebrachte) Henkelpott-Trophäe, sondern die achte Eliminierung vor dem Halbfinale in Reals Lieblingswettbewerb. Insgesamt zwölf Jahre vergingen zwischen Champions-League-Titel Nummer 9 im Jahr 2002 und der viel gefeierten Décima im Jahr 2014. 


Eine lange Zeit. Für Real-Fans unakzeptabel lang. 


Real-Umbruch wurde nur halbherzig durchgezogen


Doch die aktuellen Zeiten lassen wenig Euphorie aufkommen. Der großangekündigte Umbruch blieb zwischen Hazard und Milito irgendwo stecken. Altlasten, wie Bale und James, werden jetzt notgedrungen mitgeschleppt, weil sich keine Abnehmer fanden. Stattdessen ließ man hoffnungsvolle Talente wie Ceballos einfach gehen. Die Transferpolitik der letzten Jahre muss man nicht unbedingt verstehen. Und viele verstanden sie auch nicht. Doch die Erfolge gaben Pérez und Zidane recht. 


Doch im Mai dieses Jahres ist nicht Real Champions-League-Sieger geworden, sondern der FC Liverpool. Und Real hat in diesem Sommer auch keine Zidanes, oder zumindest Pogbas oder Mbappés geholt, ja nicht mal einen Neymar, der aus Paris zu Fuß gekommen gewäre. Nur Hazard versprühte ein wenig galaktisches Aroma. Zumindest bis zu Beginn der Saison. Schon bei seiner Präsentation im Juli waren die Schreie der 50.000 im Bernabéu-Stadion versammelten Fans nach Mbappé nicht zu überhören. Und nach Hazard - kam nichts mehr. Zumindest nichts Galaktisches. Und nun diese 3:0-Niederlage in Paris. 


Klar, Fußball ist schnelllebig. Gewinnt Real jetzt zehnmal am Stück, am Besten auch in der Liga gegen den Erzrivalen aus Barcelona (am 27. Oktober ist es wieder soweit), ist wieder alles in Butter an der Avenida de Concha Espina. Doch irgendwie mag man daran nach den gestern gewonnenen Eindrücken nicht so recht glauben.