​Schon wenige Stunden danach war Big Rick schon wieder im Kampfmodus. In der kämpferischen Stimmung, für die ihn die HSV-Fans lieben. Von der er gestern allerdings, auf dem Rasen des Millerntor-Stadions, so weit entfernt war, wie es Hamburg von der Nordsee ist. ​Rick van Drongelen (20) ist zweifellos die tragische Figur des Hamburger Derbys. 


Van Drongelen mit Trostbotschaft an die Fans


"Eine sehr bittere Niederlage heute Abend. Wir hatten uns alle mehr vorgestellt. Beim zweiten Tor sah ich selber auch nicht gut aus, aber das ist Fußball. Trotz allem müssen wieder nach vorne schauen. Es wird heute Nacht sicherlich nicht mein beste Nacht sein, aber eins ist sicher: Morgen stehen wir wieder auf und werden uns vorbereiten auf das nächste Spiel. Es ist noch ein langer Weg, aber wir gehen zusammen darauf ein. NUR DER HSV!" 


So verabschiedete sich der Niederländer auf Twitter in die Nacht. 


Natürlich muss man wegen einer Niederlage nicht alles verdammen und in Zweifel ziehen. 

Doch darüber, warum die ganze HSV-Truppe gestern nie so richtig im Derby-Modus ankam, muss gesprochen werden. 


Über diese seltsam pomadige Anfangsphase, die sich bis zur 30. Minute erstreckte und in der ​der HSV mehr Fehlpässe spielte, als in den fünf vorhergegangenen Spielen. Auch van Drongelen war das ganze Spiel über fahrig und unkonzentriert. Und dann bewahrheitet sich am Ende auch noch der Spruch von dem fehlenden Glück und dem Pech, das noch dazukommt. 

Tatsächlich sah der Holländer auch beim Eigentor mehr als unglücklich aus. Bezeichnend, dass es ihm unterlief, dem bisherigen Abwehrchef. 


Nicht alles zerreden, was bisher war​


Sarkastisch und mit einem gewissen Augenzwinkern könnte man jetzt natürlich sagen: Ein Glück, Stadtderby verloren - dann kann es ja jetzt nur noch aufwärts gehen. Doch es sind eben auch drei Punkte, die futsch sind. Ein Sieg gegen Erzgebirge Aue am kommenden Sonntag (13.30 Uhr) ist jetzt schon fast wieder Pflicht. 


Und wie solche Spiele, zumal mit dem HSV als Protagonisten, in der jüngeren Vergangenheit ausgingen, erinnert die schwarz-weiß-blaue Community nur allzu schmerzhaft. 


Dennoch verdient die Mannschaft einen gewissen Vertrauensvorschuss. Bislang hat sie einen guten Start in die Saison hingelegt. Mit einem Sieg gestern wäre es ein sehr guter geworden. 

Zwar war auch nicht alles fantastisch, aber vieles schon ziemlich überzeugend. Dazu sprechen wir immer noch über eine relativ junge Mannschaft, in der der Abwehrchef (van Drongelen) gerade mal 20 ist, der Mittelfeldregisseur (Fein) genauso alt und keiner aus der gestrigen Startformation die 30 überschritten hat. 


Schwankungen sind da schon per Definition vorprogammiert - und auch einkalkuliert. Die Macher haben es immer wieder und gebetsmühlenartig wiederholt: es werden Rückschläge kommen. 


Ein solcher ist gestern passiert. Mehr aber auch nicht. Nach sechs Spieltagen steht der HSV mit einem Punkt Rückstand auf den VfB auf dem zweiten Platz. Auch nach hinten ist alles eng beieinander. 


Aber auch gewisse Dinge nicht ignorieren


Will heißen: Es ist nichts Dramatisches passiert. Ein schlechtes Spiel ist jeder Mannschaft zuzugestehen. Und wenn sie, im Verbund mit ihrem Trainer, die richtigen Schlüsse aus der gestrigen Pleite zieht, könnte sich der Ausrutscher womöglich am Ende noch als hilfreicher Schuss vor den Bug zur rechten Zeit erweisen. 


Doch gleichzeitig sollte man sich gewisser Dinge einfach bewusst sein und sie nicht ignorieren. Denn ein unvoreingenommener Blick auf die Realitäten schärft gemeinhin das Urteilsvermögen. Völlig ausblenden sollte man deshalb nicht, dass von den bisherigen vier Siegen drei gegen Mannschaften eingefahren wurden, die Stand heute in der unteren Hälfte der Tabelle zu finden sind (VfL Bochum, 1. FC Nürnberg und Hannover 96). Das liegt natürlich auch am frühen Stand der Saison und nicht zuletzt am Spielplan. (So war das Spiel beim KSC, heute Tabellenachter, vor drei Wochen noch ein Spitzenspiel zwischen viertem und erstem des Tableaus.)


In jedem Fall tut der HSV gut daran, das Spiel von gestern einerseits schnell abzuhaken, andererseits gewisse Dinge auch im Hinterkopf zu haben. Und idealerweise den gestern entstandenen Frust zu konservieren und in das anstehende Heimspiel gegen Aue nehmen. Damit aus Ricks Entschuldigungsworten keine leeren Floskeln werden.