Wenn etwas in ausreichender Menge vorhanden ist, ist das eigentlich eher eine gute Nachricht. Ausreichend Nahrung, ausreichend Sicherheit, ausreichend Gesundheit usw. Das "ausreichend" als Schulnote ist numerisch ausgedrückt die 4. Dies vorweg, um meine Benotungen der HSV-Spieler nach dem heutigen Stadtderby beim FC St. Pauli zu erklären. 


Ausgehend davon, dass auch im Paralleluniversum Fußball alles mit wissenschaftlicher Energie und Akribie gemessen und bewertet wird, und dass sich - orientiert an unserem Schulsystem -eingebürgert hat, dass mit der Note 4 (=ausreichend) eine Leistung benotet wird, die am Ende halt ausreicht, um drei Punkte einzufahren (oder als Außenseiter irgendwo einen wichtigen Auswärtspunkt zu ergattern) , sprich: irgendein, wie minimal auch immer geartetes Erfolgserlebnis einzufahren, dann kann bei einer letztlich verdienten 0:2-Niederlage bei einem gar nicht sooo guten Nachbarn aus St. Pauli natürlich nicht davon ausgegangen werden, dass es viele in der ​HSV-Elf gibt, die eine solche Benotung verdienen. 


Abwehr bis auf Heuer Fernandes unsicher


Fangen wir an: Heuer Fernandes ist am Ende sogar noch einer der besten HSV-Spieler. Das sagt bei einer 0:2-Niederlage (ich wiederhol mich da gerne!) schon einiges aus. Bei beiden Toren machtlos (beim ersten fehlten vielleicht zehn Zentimeter Körperlänge, aber - ischjanunmanich! - wie wir hier sagen). Note ausreichend, obwohl seine Künste nicht ausgereicht haben. Aber wie gesagt: Bei den Treffern konnte er nicht viel machen. Hielt noch einen strammen Schuss von Knoll und war ein paar Mal mal mit dem Pfosten im Bunde. Note 4.


Vor ihm das Grauen, am Montagabend zumindest. Irgendwie alle hypernervös oder hyperarrogant. Das habe ich noch nicht ganz rausbekommen. Aber fehlerhaft - allerorten. 

Van Drongelen schon in der ersten Halbzeit mit einem kapitalen Abspielfehler, später in Halbzeit zwo nochmal. Dass er am Ende das Eigentor fabriziert, passt ins Bild. Gebrauchter Abend für den Holländer. Note 6. 


Sein Nebenmann Gideon Jung blieb zwar ohne kapitale Böcke, aber gleichzeitig auch weiterhin unverständlicherweise gehemmt im Aufbauspiel. Bei soviel Platz, den man ihm lässt, muss da mehr Produktives bei rum kommen. Dazu ein paar Mal satt überlaufen. Das brachte ihm dann auch die Gelbe Karte ein. Und Note 5


Vagnoman auf der rechten Seite quasi Jungs Pendant. Auch mit viel zu wenig Mumm, um mal in ein Eins-gegen-Eins zu gehen. Dienst nach Vorschrift, bis die ersten Fehler kamen. Baute dann auch immer mehr ab. Was gehen kann, zeigte er bei einer tollen Flanke auf Hinterseer, die dieser (wir kommen noch auf ihn) knapp verpasste. Trotzdem nur Note 5


Leibold versuchte viel, indes gelang ihm wenig. Auch ohne große Fehler, aber halt auch ohne große Szenen nach vorn: Note 4,5


Mittelfeld uninspiriert


Im Mittelfeld ragte nur einer heraus, und das war Adrian Fein. Wenngleich auch er, zusammen mit der Mannschaft, im Laufe der Partie immer mehr abbaute. Dennoch: Aus seinen Füßen entstanden die gefährlichen Szenen, leider ohne Konsequenz. Note 3


Kinsombi neben ihm: wie unsichtbar! Und wenn er mal den Ball hatte, war er ihn auch gleich wieder los: Note 6


Kittel: So ist halt Fußball. Lange Zeit genauso unsichtbar, wie sein Kollege mit der Sechs (ich mein jetzt die Rückennummer) hatte Kittel alles - nur nicht seinen besten Tag. Dennoch: Wenn er mit dem Tor des Monats in der 43. Minute das 1:1 macht, läuft das ganze Spiel vielleicht in eine andere Richtung und wir präsentieren hier Sonny den Superstar. Doch war nicht. Am Ende sind zwei gute Szenen über 90 Minuten zu wenig. Note 6


Und Jatta? Ja, der war auch da. Und ja, für den lief es irgendwie auch schei*e. Stockfehler schon zu Beginn schüchterten ihn zusätzlich ein. Dennoch, und analog zu Kittel, hätte sein Wirken für die Wende des Spiels sorgen können. Den Nachweis, dass der Ball bei seiner Torvorlage zum vermeintlichen Ausgleich durch Hinterseer tatsächlich vollumfänglich hinter der Linie war, konnte keine der von Sky gebotenen Kameraperspektiven erbringen. Doch genauso wie bei Kittel - zwei, drei gute Aktionen sind zu wenig.  Note 6. Und einen hab ich irgendwie noch vergessen...


Ach ja, Narey. Leider genauso unsichtbar wie die Kollegen. Wurde zu Halbzeit zwei durch Hunt ersetzt und für den Rest des Abends erlöst. Note 6


Sturm inexistent


Vorne dann noch Hinterseer. An der Flanke von Vagnoman  kann man noch vorbeisegeln. Auch den Wahnsinns-Assist von Fein (Lob über die Abwehr in den Strafraum) muss man erstmal verarbeiten. Aber die Vorlage von Kinsombi muss rein. Keine Frage. Weiß er auch. Von daher: Als Torjäger nicht geliefert, als es gebraucht wurde. Und als er mal traf, zählte es nicht. Jetzt könnte man sagen: mangelhaft. Aber auch mit Mängeln kannst du irgendwie knipsen. Und das Kinsombi-Teil muss rein. Da gibt es kein Vertun. Aber egal. Weiter geht's. Ach so, Note für Hinterseer: auch 6Nützt ja nix, wie wir hier auch sagen. 


Hunt brachte noch ein paar filigrane Pässe ins Spiel, ansonsten war da leider nicht allzu viel. Sein Freistoß im März war auch besser als der heutige. Note 4,5


Blödes Debüt auch für den Heimkehrer Harnik. Sah ganz knackig aus, wie er den Abseitsassist von Hinterseer per Dropkick reingeschmackt hat, aber zählte leider (zurecht) nicht. Am Ende bleibt ihm nicht mehr als die Rolle des Zeugen des vergeblichen Aufbäumens, das ein "ich will, aber kann nicht" blieb. Note 4,5


Dudziak: zu wenig Spielminuten, um seriös bewertet werden zu können. Entscheidendes gelang ihm auf jeden Fall nicht mehr. 


Schon diese einzelnen Benotungen veranschaulichen recht gut, wie das Spiel gelaufen ist. Kurz zusammengefasst: In den ersten 15 Minuten schien es, als wollten beide Mannschaften den Ball gar nicht haben, so bereitwillig überließen sie das Leder dem Gegner. Der HSV brauchte fast eine halbe (!) Stunde, um überhaupt ins Spiel zu kommen. Als er es dann war - die zehn Minuten vor der Pause und die 15 danach - hatte er ein wenig Pech oder scheiterte an seinem eigenen Unvermögen. 


Insgesamt eine viel zu fehlerbehaftete Leistung, um bei einem motivierten und kämpferisch überzeugenden FC St. Pauli was holen zu können. Was der Sieg den Braun-Weißen nun bringt, wird der kommende Spieltag schon zeigen: Dann fahren die Kiez-Kicker nach Osnabrück. Der HSV empfängt zeitgleich Erzgebirge Aue.