Kaum ein Thema der deutschen Nationalmannschaft wird derzeit so heiß diskutiert wie die Torwartfrage. Mit Marc-Andre ter Stegen und Manuel Neuer hat Deutschland zum einen, ein absolutes Luxusproblem im Tor, zum anderen aber auch einen ständigen Unruheherd. Inzwischen nahmen beide Torhüter öffentlich Stellung zu dem Thema - und auch von außerhalb gibt es laute Stimmen.

Die Torwartfrage im DFB-Team wurde spätestens zur WM 2018 gestellt. Damals war ter Stegen unumstritten mit der beste Torhüter der Welt und hatte einen guten Rhythmus in seinem Spiel. Dennoch stand während der Weltmeisterschaft Neuer zwischen den Pfosten, obwohl dieser zuvor lange verletzt und ohne Spielpraxis war. Seitdem wird die Torwartfrage zu jedem Länderspiel wieder neu gestellt.


Motivierende Worte für ter Stegen, Spielzeit für Neuer


Unter Bundestrainer Jogi Löw blieb Neuer bislang gesetzt. Auch in den letzten beiden Partien gegen Nordirland und den Niederlanden hütete der 33-Jährige das Tor. Nach der Länderspielpause kochten die Emotionen bei ter Stegen über. ​Öffentlich machte der Keeper vom FC Barcelona seinem Unmut Luft. "Diese Reise mit der Nationalmannschaft war ein harter Schlag für mich", hieß es aus dem Mund ter Stegens.


Vor der vergangenen Länderspielreise stellte Löw dem 27-Jährigen noch Einsätze zur Aussicht: "Marc haben wir zugesagt, dass er auch seine Spiele kriegt. Das wird auch so sein." Auch ter Stegen schien zuversichtlich. "Ich erhoffe mir einen Einsatz und werde mich auf beide Spiele gut vorbereiten", so der Ex-Gladbacher. Am Ende nur heiße Luft. Laut der Bild wollte Löw nach der Pleite gegen die Oranje kein Risiko im Tor eingehen. Für ter Stegen ein harter Rückschlag.


Dabei galt bis zuletzt das Verhältnis der beiden als kühl, aber entspannt. Nun aber reagierte Neuer im Anschluss an die Bundesligapartie des ​FC Bayern München gegen ​Leipzig auf die Aussagen seines Kollegen. "Ich weiß nicht, ob [eine Aussage wie die ter Stegens] immer förderlich ist, gerade auf der Torwart-Position", so der Routinier in der Bild. Neuer weiter: "Ich bin Mannschaftsspieler und denke immer an das Wohl der Mannschaft. Jeder, der nicht spielt, ist unzufrieden, dafür habe ich volles Verständnis. Aber das Wichtigste ist immer der Erfolg und das Wohl der Mannschaft."


Neuer "total zufrieden" mit seinem Spiel


Deutliche Worte des zweimaligen Welttorhüters, der auch von einem Bruch des Verhältnisses zwischen den beiden redet: "Ich habe auch vor der WM 2018 mit ihm geredet und gesagt, dass ich hier keine Garantie habe. Und aus einer Verletzung komme und weiß, dass er gute Leistungen gezeigt hat. Und habe mich nach dem Turnier bei ihm für die Fairness bedankt. Damit war für mich alles gesagt." Dass ter Stegen nun austeilt, hält er auch im Sinne der weiteren Torhüterkollegen als unfair. "Es gibt ja sehr viele gute Torleute, das ist auch nicht gerecht Bernd Leno oder Kevin Trapp gegenüber", so Neuer.


Der Kapitän der Nationalmannschaft fühle sich zudem unberechtig kritisiert: "Ich denke, dass ich einfach sehr gute Leistungen zeige. Dass ich total zufrieden bin mit meinem Spiel. Alle Verantwortlichen, egal in welchem Team, sind zufrieden. Mehr kann ich auch nicht tun."


Präferenzen gehen auseinander


Innerhalb des DFB gibt es laut Bild-Informationen mit Torwartrainer Andreas Köpke einen starken ter Stegen-Unterstützer, während Löw offensichtlich eher Neuer favorisiert. Auf Reaktionen im Rahmen der Äußerungen beider Torhüter seitens des DFB wartet man allerdings bislang noch.


Nun melden sich die ersten Stimmen außerhalb des DFB-Zirkus zu Wort. Bodo Ilgner, Weltmeister von 1990, fordert in der Welt von Trainer Löw ein deutliches Machtwort: "Beide Torhüter haben mit Sicherheit ihren Anspruch auf die Nationalmannschaft, bringen hervorragende Leistungen. Nun sind die Trainer gefordert, ein Gleichgewicht zu finden." Im Sinne einer guten Team-Atmosphäre sei es im Sinne der Mannschaft "besser, wenn man auf einen der beiden verzichtet", so Ilgner. Statt einer der beiden würde man den etatmäßigen vierten Torhüter nominieren.


Fazit


Die Risse in der Torwartfrage sind tief, auch innerhalb des DFB spaltet die Torwartfrage die Gemüter. Die Forderungs Ilgners, dass ein Machtwort des Nationaltrainers gut für das Team wäre, ist richtig. Allerdings erscheint eine Streichung einer der beiden Keeper der falsche Ansatz, da man sich unter Löw wieder einmal gegen den Konkurrenzkampf beugen müsste.


Eine gute Stimmung innerhalb des Teams sollte selbstverständlich sein. Allerdings gehören Reibereien und öffentliche Aussagen zum Fußballgeschäft dazu. Spieler, Trainer oder Vereine werden es nie allen Recht mache können. Von daher sollte Löw nun die Torwartfrage öffentlich beenden, einem der beiden Keeper das Vertrauen fest aussprechen und die Reaktionen abwarten. Manchmal erscheint es eben doch schlauer, stringent, anstatt vorbeugend zu handeln.