Im gestrigen Topspiel gegen ​Borussia Dortmund gab es für ​Bayer 04 wenig zu jubeln. ​Mit 0:4 kam die Werkself im Signal Iduna Park unter die Räder. Neben den sportlichen Wert hatte die Partie auch durch Julian Brandt einiges an Brisanz erhalten. Der ehemalige Profi von Bayer 04 traf im Trikot der Borussia auf seine alten Kollegen. Von den Leverkusener Fans wurde der 23-Jährige wenig freundlich empfangen.


Der Nationalspieler durfte gegen seinen Ex-Klub von Anfang an ran, konnte allerdings keine großen Akzente setzen. In der 24. Minute jedoch stand Brandt kurz vor einem Treffer, doch Bayer-Torhüter Lukas Hradecky parierte den Schuss des Offensivmannes. Eine Hauptrolle nahm der Dortmunder Neuzugang dann aber in der 61. Minute ein – bei seiner Auswechslung.


BVB-Coach Lucien Favre wollte durch Thorgan Hazard neue Akzente setzen. Brandt verließ – dank der neuen Wechselregelung – an der Seitenlinie gegenüber der Trainerbänke den Platz, musste also einmal um das halbe Feld herumlaufen. Er entschied sich, am Auswärtsblock vorbeizulaufen, wo die Leverkusener Fans schon warteten.


Unwürdige Verabschiedung für Brandt


Schon das ganze Spiel über wurden die Ballaktionen des Spielers von Pfiffen und Rufen kommentiert. Dass Brandt nun am Leverkusener Block vorbeikommen sollte, schien einigen Fans ein gefundenes Fressen für die ansonsten mäßigen Leistungen Bayer 04s zu sein. Als Brandt schließlich vor den Leverkusenern stand, hagelte es wüste Beschimpfungen, Beleidigungen und Bierbecher auf den Spieler.


Während es aus Block 60 und 61 Hass und Wut regnete, handelten die nebenan sitzenden BVB-Fans vorbildlich. Mit Standing Ovations und lautem Applaus wurde Brandt unterstützt, der seinerseits mit Klatschen und dankbaren Blicken antwortete.


Ich selber stand im Bayer-Block und war von der Härte einiger Rufe negativ überrascht. Das hatte ich nicht erwartet. Einige Bayer-Fans machten sich gegenüber tausenden Dortmundern im Stadion und Millionen Zuschauern zuhause teilweise lächerlich. Man hätte sich gegenüber Brandt erwachsen verhalten, über seine Entscheidung stehen und mit Leistung antworten können. Stattdessen entschieden sich manche für die primitive Art und Weise.


BVB gewinnt auch neben dem Spielfeld


Zuerst einmal, ja, die Transfergeschichte um Julian Brandt war für Leverkusen extrem schmerzhaft. Auch ich war enttäuscht, sauer und war auf den Spieler nach dem Wechsel sehr schlecht zu sprechen. Zu sehr wurmte mich die Art und Weise des Transfers, zu sehr schmerzte der Abgang, zu sehr lagen die treuen Aussagen des Spielers während der Saison in den Erinnerungen. Ein Spieler in diesem Format an einen Konkurrenten zu verlieren, war und ist weiterhin hart.


Dass Brandt nun aber so von vielen (nicht allen!) Leverkusenern empfangen wurde, zeigt, dass der Wechsel überall tiefe Spuren hinterlassen hat. Allerdings lässt sich solch ein respektloses Verhalten in keinster Weise entschuldigen. Hass hat in Stadien sowieso nichts zu suchen – in diesem Format erst recht nicht.


Der gesamte Verein Bayer 04 hätte aus dieser Geschichte als Sieger hervorgehen können. Durch ein respektvolles Verhalten gegenüber Brandt, der immerhin in 165 Bundesligaspiele 34 Tore und 41 Vorlagen beisteuerte, war eine positive Darstellung nach außen möglich . Die Chance war da, Fußballdeutschland offen darzustellen, dass das Leben in Leverkusen auch ohne Brandt weitergehen wird und dass man innerlich stark genug dazu ist.


Im Gegensatz zu Leverkusen sammelte Dortmund an diesem Tag viele Pluspunkte. Durch die Unterstützung des ausgebuhten Spielers zeigte man Solidarität, Hilfe und Halt. Werte, die im Fußball eigentlich selbstverständlich sein sollte.


Respekt für Spiel und Spieler


Ich glaube kaum, dass Brandt nach der Aktion gestern jemals den Wechsel nach Dortmund und weg von Leverkusen bereuen wird. Vor einem halben Jahr noch gefeiert, jetzt verjagt – ein Danke für die Leistung? Nicht existent.


Von Bayer-Trainer Peter Bosz wurde Brandt im Vorbeigehen übrigens abgeklatscht. In der Mannschaft scheint man den Abgang des ehemaligen Leistungsträgers akzeptiert zu haben. Höchste Zeit, dass sich auch einige Fans in Leverkusen so erwachsen verhalten sollten. Denn nur als Einheit können wir Leverkusener unsere Zukunft erfolgreich gestalten. Und dazu gehört auch, das Vergangene abzuschließen.


Die Kritik an den eigenen Fans tut weh, schließlich stehe ich selber häufig in der Nordkurve und gebe 100 Prozent, um mein Team anzufeuern. Doch in diesem Fall muss das Wort ergriffen werden, denn Aktionen wie die gegen Brandt haben im Stadion nichts zu suchen.


In diesem Sinne: Danke Brandt für deine Leistung in Leverkusen. Und ein Appel an uns Leverkusener, sich im nächsten Spiel wieder dem Spiel zu widmen. Nur der SVB!