​Wer erstmal einen bestimmten Ruf weg hat, wird ihn so schnell nicht mehr los. Lucien Favre, Trainer von ​Borussia Dortmund, kann davon wohl ein Lied singen. Für viele Medien innerhalb des Fußball-Universums gilt er zwar als absoluter Fachmann - aber eben auch als Zauderer. Ein wenig hat er da selbst dran Schuld. 


Favre, der Zauderer


Denn es war Lucien Favre, der in der vergangenen Saison nach der Derby-Niederlage gegen Schalke 04 am 31. Spieltag die Flinte ins Korn warf und den Münchenern zur Meisterschaft gratulierte. 


Obwohl die Münchener über die komplette Spielzeit hinweg nie wirklich souverän und stabil wirkten. Bei noch neun zu vergebenen Punkten und lediglich drei Zählern Differenz auf den Münchener Tabellenführer erschien diese vorzeitige Aufgabe vielen als unnötig - und falsch. Zumal die Münchener ihr Spiel noch zu absolvieren hatten. 


Und tatsächlich - einen Tag nach der 2:4-Niederlage des BVB im Revierderby ließen auch die Bayern überraschend Punkte (0:0 beim späteren Absteiger Nürnberg) - und Favre ruderte plötzlich zurück und sah wieder Chancen im Meisterrennen. Überzeugung sieht anders aus.

So kann es eigentlich auch nicht verwundern, wenn jetzt beim BVB jedes Mal helle Aufregung herrscht ob dieses oder jenes Kommentars von Seiten ihres Übungsleiters. 


Nach der Pleite bei Union Berlin am letzten Spieltag (1:3) sagte Favre den Medien: "Wir müssen aufpassen, was wir sagen." 


Sprechen Zorc und Favre noch dieselbe Sprache?


Das wurde von ebendiesen Medien als Abwendung von dem vom Klub offensiv ausgegebenen Ziel, um die Meisterschaft mitspielen zu wollen, verstanden. Doch da macht Michael Zorc nicht mit. "Wir haben uns schon gewundert über die Berichterstattung", sagte der Sportdirektor am Donnerstag (kicker.de). "Wir haben da keinen Dissens. Glauben Sie denn, wir geben ein Ziel aus, ohne mit dem Trainer vorher gesprochen zu haben? Das ist doch irrsinnig! Wie oft sollen wir das denn noch wiederholen? Ich weiß, dass euch das nicht gefällt." 


Klar, hat er erstmal die Logik auf seiner Seite. Wie soll das auch gehen: Verein und Trainer mit verschiedenen Zielen - klingt erstmal absurd. 


Doch ganz so einfach ist es nicht. Ein Klub, respektive dessen verantwortlich Handelnde, kann eine Strategie ausgeben, eine Zielvorgabe setzen - ohne dass der Trainer zu hundert Prozent derselben Meinung ist. Passiert hundertfach, tausendfach, jedes Jahr, in jeder Liga und in jedem Land der Welt. Wenn es nicht so wäre, hätte es eine Vielzahl von Trennungen (unilateral oder in beiderseitigem Einvernehmen, das ist in diesem Sinne unerheblich) zwischen Trainer und Klub nicht gegeben. 


Es ist also alles andere irrsinnig, diese Konstellation (offensiv vorpreschender Verein - defensiv vorsichtiger Trainer) zumindest im Ansatz auch beim BVB zu vermuten. Zwar sagt Favre jetzt artig, dass er keineswegs vom gemeinsamen Weg abgerückt sei, dass auch er immer das Maximum wolle und dass sie ja im vergangenen Jahr auch bis zum Schluss um die Meisterschaft gespielt haben. 


Favre nicht von Meisterschaft überzeugt?


Aber das widerspricht der von den Medien aufgestellten These nicht. Zwischen "wir wollen Meister werden" und "wir wollen immer das Maximum" liegt ein kleiner rhetorischer Unterschied. Denn "Meister" zu sein oder zu werden, bedeutet eine absolute (oder maximale) Größe. Meister ist der, der am Ende die meisten Punkten von allen Mannschaften hat. 


Der Begriff Maximum jedoch birgt eine relative Note. Das Maximum -  aus Dortmunder Sicht? Oder das allgemeingültige Maximum (sprich: Meisterschaft)?


Wenn Favre nämlich insgeheim glaubt, dass seine Mannschaft qualitativ hinter den Bayern einzuordnen ist, wäre das Maximum für ihn schon erreicht, wenn sie Vize-Meister wird. Also kann er sich hinstellen und sagen: 'Ich wollte immer das Maximum - und das habe ich ja auch erreicht.' 


Die Zweifel an Favre jedenfalls werden solange nicht abnehmen, wie der BVB Spiele wie bei Union Berlin verliert. Oder solange der Klub Zielvorgaben ausgibt, die von ihrem leitenden Angestellten nicht mit Leben gefüllt werden.