​​Timo Werner entwickelt sich immer mehr zu einem Rätsel. In Leipzig schießt er gerade die Liga zusammen (fünf Tore nach drei Spielen), im DFB-Dress taucht er regelmäßig unter. Wie jetzt gegen Holland und in Nordirland. Woran liegt das?


Werner braucht Harmonie und Zusprache


Im Zuge des Transfer-Hickhacks (Geht er zu den Bayern? Bleibt er in Leipzig?) um seine Person während des (gefühlt) kompletten vergangenen Jahres wurden einige Aspekte der Persönlichkeit von Timo Werner angesprochen. Aus Leipzig hieß es wiederholt, dass er ein sehr sensibler, feinfühliger Spieler sei, der Harmonie um sich herum braucht, um optimale Leistungen abzuliefern. 


Nun gilt die deutsche Nationalmannschaft nicht als Hort todernsten Konkurrenzkampfes. Aussagen der Debütanten in den letzten Jahren lassen eher darauf schließen, dass die Atmosphäre innerhalb der Gruppe sehr harmonisch und respektvoll sein soll (vielleicht sogar bisweilen zu harmonisch und respektvoll). 


DFB-Auswahl ist etwas anderes als im Verein


Doch es ist halt immer noch die Auswahl der Besten des Landes. Ein intrinsischer Leistungsdruck ist damit natürlich immer vermacht. Und das mit den elf Freunden war in den fünfziger Jahren vielleicht noch Stoff für ein erfolgreiches Kinderbuch - mit der heutigen Realität hat es nichts zu tun. Die Stars von heute sind Ich-AGs (die einen mehr, die anderen weniger), und ein jeder kämpft gegen die anderen um seine Stellung. 


Und Werners Stellung innerhalb dieser Hierarchie ist nunmal immer noch die des gerade Angekommenen, des Herausforderers. Platzhirsche sind andere. Bei RB Leipzig jedoch kriegt er das uneingeschränkte Vertrauen geschenkt. Vom Verein, vom Trainer und letzten Endes von der Mannschaft. In solch einem Habitat blüht Werner auf. Wobei die Frage erlaubt sein darf: wem von uns würde es nicht genauso gehen? 


Timo Werner: Immer noch jung genug, um zu lernen und die Kurve zu kriegen


Vielleicht ist Timo Werner für die knallharten Seiten des Profi-Geschäfts einfach nicht gemacht. Damit will ich ihm nicht die Eignung für den Kader von Deutschlands besten Spielern absprechen. Keineswegs. Und das ist auch kein Widerspruch: Denn Werner ist bei allem auch immer noch ziemlich jung. Gerade mal 23. Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Gefühl, ihm schon seit fünf oder sechs Jahren beim Fußball auf höchstem Niveau zuzugucken. Heißt im Umkehrschluss: Er kann durchaus auch noch lernen. Und das wird er auch müssen. 

Also, geben wir ihm einfach noch die ein, zwei vielleicht auch drei Jahre. 


Bis dahin muss Werner sich auch (und gerade) in der Nationalmannschaft durchbeißen. Wir vergessen nicht: Um ein Haar wäre er ja schon in diesem Sommer im Luxus-Kader des ​FC Bayern München gelandet. Und alles was ich zuvor über die Nationalmannschaft geschrieben habe, gilt beim FCB erst recht. Ein Haifisch-Becken ist dieser Klub. Wer zu schwach ist, wird gnadenlos aussortiert. Empathie oder gar Freundschaft darf man in solch einem Umfeld nicht erwarten. Respekt ja, aber keine Sympathien. 


Von daher scheint es eine gewisse Fügung des Schicksals zu sein, dass der Wechsel Werners von ​RB Leipzig zum FC Bayern sich am Ende zerschlagen hat. Für seine weitere Entwicklung ist Leipzig wohl tatsächlich die bessere Option. Und sollte seine Formkurve bei den Sachsen konstant auf dem aktuellen Level bleiben, müsste es mit dem Teufel zu gehen, wenn er nicht endlich auch im DFB-Dress diese im Verein gezeigten Leistungen abrufen kann.