Bundestrainer Joachim Löw steht beinahe traditionsgemäß in der Kritik. Für seine Kaderzusammenstellung, für seine Aufstellungen, für seine Treue zu altgedienten Spielern. An den Beispielen Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen und Kai Havertz macht sich ein Dilemma bemerkbar, das nicht zu lösen ist.


Joachim Löw hat ein Problem; zumindest wird es ihm zugeschrieben. Dieses Problem ist: Er kann nur eine gewisse Anzahl Spieler für den DFB-Kader nominieren und davon nur elf aufstellen. Nun befindet sich der Verband in der angenehmen Situation, nicht nur auf elf, zwölf oder 20 Spieler mit Weltklasse-Niveau zurückgreifen zu können. Der Bundestrainer und sein Team haben daher die Qual der Wahl - und die wird mehr und mehr zu Löws Achillesferse.


Um nur mal ein paar Namen zu nennen: Mats Hummels, Thomas Müller, Max Kruse, Mario Götze und einige Weitere aus dieser Größenordnung haben derzeit frei, wenn die deutsche Nationalmannschaft tagt. Joachim Löw wird teilweise unterstellt, solche Spieler zu verschmähen. Ein Blick auf die Ersatzbank verrät uns aber: Es ist schlichtweg nicht genug Platz für all die Stars im deutschen Kader. Und genauso wenig in seiner Startaufstellung.


Löws Weg: Weltmeister aber jetzt doch falsch?


Dass Löw in seiner Kaderzusammenstellung auf ein homogenes Gebilde achtet, wurde ihm stets als Plus zugeschrieben. Immerhin führte er seine Mannschaft, in der Spieler wie Kevin Großkreutz, Lukas Podolski oder Erik Durm Platz fanden, 2014 zum Weltmeistertitel. Da es derzeit nicht gerade weltmeisterlich läuft, macht man es sich in Deutschland leicht: Der Bundestrainer ist Schuld, natürlich! Weil er auf die falschen Spieler setzt.


Zum Beispiel auf Manuel Neuer. Ja, richtig. Der DFB-Kapitän und einer der weltweit besten Torhüter seiner Generation. Dass Neuer überhaupt infrage gestellt werden kann, zeigt, wie gut Deutschland zwischen den Pfosten aufgestellt ist. Marc-Andre ter Stegen reicht mittlerweile an Neuers Klasse heran; hat aber trotzdem das Nachsehen. Und Löw hat die Qual der Wahl: Immerhin können nicht zwei Tormänner im Kasten stehen. Und was man bei Löws "Versteifung" auf Neuer nicht vergessen darf: Es gibt auch einfach wenig, das gegen den DFB-Kapitän spricht. 


Trotzdem muss sich der Bundestrainer öffentlich dafür entschuldigen, dass Marc-Andre ter Stegen die deutsche Bank hütet. Hätte er sich anders entschieden, würde er wahrscheinlich an den gleichen Mikrofonen stehen und die Frage beantworten, wie man denn einen Manuel Neuer draußen lassen kann. Aber der steht nunmal zwischen den Pfosten; und traditionsgemäß macht Löw ja eh alles falsch, also wird ein Torwartwechsel gefordert. 


Das gleiche Bild zeichnet sich in der Offensive: Dort würden Löws Kritiker gerne Kai Havertz sehen. Es wird Löw als Ignoranz ausgelegt, dass er diesen 20-Jährigen nicht spielen lässt. Stattdessen auf Marco Reus zu setzen, sei ein Fehler. Obwohl, Reus sollte ja auch spielen. Vielleicht könnte man ja einfach einen defensiven Mittelfeldspieler auf die Bank verfrachten und dafür Havertz aufbieten. Dann würde die Mannschaft nur noch aus vier Verteidigern und der Offensive bestehen - cool!


Deutschland im Umbruch: Ende der goldenen Generation


Zugegeben: Derzeit macht die deutsche Nationalmannschaft ​eine schwere Phase durch. Welche Nation hat das nicht getan, als die goldenen Generationen ihren Zenit überschritten hatten? Spanien, England, Italien oder die Niederlande machten da deutlich ungemütlichere Talfahrten durch. Dass Deutschland weiterhin auf Löw (und seine Entscheidungen) setzt, ist zumindest konsequent - ob ihm der schwierige Umbruch gelingt, steht auf einem anderen Blatt Papier. 


Bis dahin - und wahrscheinlich dann ganz besonders, nämlich bei der Europameisterschaft im kommenden Sommer - muss sich Joachim Löw weiterhin mit seinem Dilemma auseinandersetzen. Marc-Andre ter Stegen oder Manuel Neuer? Superman oder Batman? Rolling Stones oder John Lennon? Das kritikfreudige Deutschland wird Löws Entscheidungen begleiten - man kann nur hoffen, dass der Bundestrainer seiner Linie konsequent treu bleibt; und sich von seinem ganz persönlichen Dilemma nicht die Spaß an der Arbeit verderben lässt.