​Beim gestrigen ​EM-Qualifikationsspiel in Nordirland kam die deutsche Mannschaft phasenweise stark unter Druck. Nur noch mal zur Einordung: für Nordirland standen gestern elf Spieler auf dem Platz, von denen nicht einer in der diesjährigen Champions League vertreten ist. Bei Deutschland war es fast diametral entgegengesetzt: mit Matthias Ginter ist nur ein Spieler aus der gestrigen Elf nicht in der Königsklasse vertreten (aber dafür in der Europa League). 


Was ich damit sagen will: der Qualitätsunterschied zwischen beiden Teams lässt sich schon aus dieser Statistik ablesen. Nun ist der Fußball (zum Glück) eine Sportart, in der nicht immer - einem starren Muster folgend - der nominell Bessere gewinnt. Im Gegenteil: Merksätze wie "Wille schlägt Qualität" weisen auf das Phänomen hin, dass auch vermeintlich hoffnungslose unterlegene Mannschaften gegen (vermeintlich) stärkere Rivalen durchaus die Chance haben, zu gewinnen. Fußball entscheidet sich letzten Endes oft genug auch über die kleinen Details. Und da will ich noch nicht mal auf Dinge wie seltsame Schiedsrichterentscheidungen abzielen. 


Dennoch erwarte ich von einer deutschen Mannschaft, dass sie sich gegen einen international gerade mal im unteren Mittelfeld anzusiedelnden Gegner souveräner durchsetzt und nicht bis zur letzten Minute um den Sieg bangen muss. Man hat ja in der Viertelstunde nach dem erlösenden Führungstor (allein dass ich schon diesen Begriff bemühen muss...) gesehen, dass es geht. Als die deutsche Mannschaft schnell und schnörkellos gespielt hat, sah Nordirland nur noch die Hacken der deutschen Spieler. Leider hielt dieses Fußball-Gewitter nur knappe fünfzehn Minuten. Danach folgte wieder das, was den gestrigen Auftritt der DFB-Elf über weite Strecken zu einer Tortur für den Zuschauer machte: behäbiges Aufbauspiel von hinten raus, permanentes Sicherheitsdenken (also Rück-und Querpässe statt vertikalem Spiel), keine Traute von den Außenspielern, mal ins Eins gegen eins zu gehen. 


Kroos, Kimmich und Reus tragen die Mannschaft nicht


Tja, und zwei Mittelfeldakteure, die so ganz allmählich dem Zenit ihrer Laufbahn entgegenstreben. Während ​Toni Kroos sich wenigstens gröbere Patzer verkniff, setzte ​Marco Reus seiner schwachen Leistung gegen Holland noch einen drauf. kicker-Note: 5. Absolut nachvollziehbar. Schon gegen Holland haben mir beide nicht sonderlich gefallen. Gegen Nordirland kam strafverschärfend hinzu, dass auch ein ​Joshua Kimmich gestern nicht gerade seinen Sahnetag erwischt hat. 


Entsprechend dünn war der defensive Widerstand im deutschen Mittelfeld. Dies war an der Vielzahl von Torchancen der Nordiren, vor allem in der ersten Halbzeit, zu erkennen. Und da auch die offensive Abteilung der Schaltzentrale, sprich: Marco Reus, nicht stattfand, musste sich ein Serge Gnabry praktisch vierteilen, um überall den enstandenen Bedarf zu decken. 

Was auch auffiel, ebenfalls schon im Spiel gegen Holland: beide Routiniers im Mittelfeld, sowohl Kroos als auch Reus, hatten anscheinend sehr viel Frust in sich. Es wurde munter mit dem Unparteiischen parliert oder sich in unproduktiven Scharmützeln mit dem Gegner verloren. Beim Holland-Spiel stand Kroos kurz vor einer Entgleisung und dem entsprechenden Platzverweis. Auch Reus verlor sich einige Male in sinnbefreiten Diskussionen. Frust über die eigene, aktuelle Situation bei Real respektive Borussia Dortmund? 


Damit wir uns nicht missverstehen: aus dem gestrigen Spiel kann man mehr als diese drei Spieler nennen, die hinter ihrem Leistungsvermögen geblieben sind. Aber auf immer noch recht junge Spieler wie Timo Werner oder Julian Brandt einzudreschen, würde die Statik einer Mannschaft verkennen. In einer Gruppe von jungen, talentierten Spielern (oder schon knapp darüber hinaus) und erfahrenen Routiniers muss von letzteren der Antrieb kommen, die anderen mitzureißen. Sie einzuweisen, sie zu ordnen: kurzum - sie an die Hand zu nehmen und zu führen. Doch von Führung sind in diesem Moment sowohl Kroos als auch Reus meilenweit entfernt. Und einer, der diese Rolle gerne ausfüllen würde (wie Kimmich) hat immer noch genug mit sich selbst zu tun. 


Löws Aufgaben: Führungsspieler in Leistungskultur einbinden - Umbruch abschließen


Alle drei, Kimmich, Reus und Kroos, können es besser. Da brauchen wir nicht zu diskutieren. Die Frage ist, ob Jogi Löw dieses Potential auch aus ihnen herauskitzelt. Irgendwie überkamen mich gestern so einige Déja-vus beim Anblick des deutschen Spiels. Und auch die Dialektik passt zu 2018: gebetsmühlenartig wird runtergepredigt, dass man in einem Umbruch sei, dass Rückschläge einkalkuliert seien und so weiter. Vor einem Jahr hieß es ständig: wenn der Wettkampf-Modus erstmal da ist, werden wir da sein etc. etc. Am Ende war nach drei erbärmlichen Spielen Schluss. Die Gefahr, dass sich solch eine Darbietung im kommenden Jahr wiederholt, schien nach dem (vielleicht auch überbewerteten 3:2 in Holland) gebannt. Zwei Spiele haben jetzt genügt, um die alten Geister wieder zu beleben. 


Löw muss es schaffen, auch die Routiniers in eine Leistungskultur einzubinden. Keiner darf sich seines Platzes sicher sein. Denn Sicherheit artet ganz schnell in Selbstsicherheit aus. Und von der ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Selbstüberschätzung. Die Gefahr, dass wir im nächsten Jahr wieder mit einer Mannschaft zum Turnier fahren, in denen die Spieler, die eigentlich anführen müssten, gar nicht in der Lage sind, diese Führungsrolle zu übernehmen, und alle anderen, wie die Lämmer, einfach nur hinterhertrotten  und sich am Ende dem (fatalen) sportlichen Schicksal ergeben, ist nicht von der Hand zu weisen. 


In diesem Sinne schließe ich mit dem Titel eines alten Hits einer meiner ersten musikalischen Entdeckungen: "Remember Russia" von Fischer-Z.