Wenn eine Legende 75 wird, werden naturgemäß Erinnerungen wach. Kaum ein Spieler hat den Fußball in Deutschland so geprägt wie ​Günter Netzer. Ob als Spieler bei ​Borussia Mönchengladbach oder Real Madrid - oder als Manager beim Hamburger SV. Wo er war, war Erfolg. 


Netzer hatte nie einen klaren Plan


Dabei verfolgte der gebürtige Münchengladbacher (ja, bis 1960 wurde die niederrheinische Stadt noch "Münchengladbach" geschrieben) nie einen Masterplan oder ähnliches, wie es die heutige Fußball-Jugend bisweilen tut. 

"Es ging einfach immer weiter die Erfolgsleiter hinauf: Amateuerverein, Auswahlteams, Jugend-Nationalmannschaft mit Dettmar Cramer als Trainer. Dann der professionelle Weg", sagt Netzer im Interview mit dem kicker

Dass er nach seiner aktiven Karriere als Spieler als Manager tätig sein würde, war auch so nicht geplant. Tatsächlich hatte er den Hamburgern erst noch einen Korb gegeben. 

"Ich kann das nicht. Wie können Sie denn meinen, dass ich das kann? Ich war Spieler und habe in Madrid ab und zu mitgekriegt, wie der Verein geführt wird. In Gladbach war Helmut Grashoff, aber mehr weiß ich darüber nicht." 

Das war seine Antwort auf die Hamburger Avancen. Doch Wolfgang Klein, der damalige Präsident des HSV, ließ nicht locker. Und lockte Netzer am Ende doch noch an die Elbe. Beinahe sinnbildlich für sein ganzes Leben: Netzer hat mal gesagt, dass er in seinem Leben immer das Glück hatte, von den Leuten in seinem Umfeld besser beurteilt zu werden, als er es selber getan hätte. Die Leute hätten in ihm immer mehr gesehen, als er selbst. 

Daraus könnte man den Umkehrschluss ziehen, dass er zu seinem Glück immer auch wenig gezwungen werden musste. Wenn am Ende so eine Karriere dabei rausspringt, ist das eigentlich auch egal. 


Jahre in Madrid als Kulturschock


Auch die Erfahrung Real Madrid stand so nicht auf seinem Zettel. 

"Ich bekam nur die Chance, weil Spanien plötzlich die Grenzen für ausländische Spieler öffnete. Sonst wäre ich nach dem 7:1-Sieg über Inter Mailand 1971 im Büchsenwurf-Spiel sicher in Italien gelandet." 

Madrid sollte für Netzer eine prägende Erfahrung werden. "Bei Real zu landen war wie ein Kulturschock für mich. Das Leben, der Fußball: aus der Provinz in die große Stadt, und Fußball vor 120.000 Zuschauern! Ich habe anderthalb Jahre mit und anderthalb Jahre ohne Franco erlebt", blickt Netzer heute mit etwas Nostalgie auf jene Jahre in der spanischen Hauptstadt zurück.

Doch trotz dieser Erfahrung im Ausland, und trotz seiner Manager-Zeit beim HSV ("einer extrem erfolgreichen Zeit", wie er nicht vergisst, anzumerken) blieb Netzer in seinem Herzen immer ein Borusse. Oder Fohle. 


Gladbach seine schönste und wichtigste Station


"Wahrscheinlich war Gladbach meine schönste und wichtigste Station. Dort fing alles an. Das erlebe ich auch bei Künstlern und in anderen Genres, dass sie sagen, sie hätten die Phasen, als sie noch ein Niemand waren und plötzlich jemand sein konnten, am meisten fasziniert. Bei allen Streitereien mit Weisweiler: Er hat mich gemacht und Borussia Mönchengladbach. Diese Entwicklung hautnah zu erleben und ein wesentlicher Teil dessen zu sein, war das Schönste." 
​Am kommenden Samstag wird Netzer nun also 75 Jahre alt. Oder jung. Unvergessen bleibt dem deutschen Fan, unabhängig von Vereinsfarben, auch seine jahrelange Moderatorentätigkeit als Fußball-Experte der ARD zusammen mit seinem kongenialen Partner (und Freund)Gerhard Delling. Ohne seine (und auch Dellings) Kommentare zur Leistung der deutschen Nationalmannschaft beim EM-Qualifikationsspiel in Island im September 2003 hätte es Rudi Völlers legendäre Wutrede nie gegeben. 

Netzer - ein Spieler, den ich zu Lebzeiten nicht bewundern durfte. Der (Un-)Gnade der späten Geburt sei Dank. 

Doch gelesen habe ich über ihn schon als kleiner Junge. In unzähligen Büchern und Artikeln, in denen immer wieder von der Tiefe des Raums die Sprache war. 

Der Raum, den Netzer, wallenden Haares und  - trotz seiner Schuhgröße von 46 zwei Drittel  - relativ kleinen Schrittes wie kaum ein anderer besetzen und durchschreiten konnte. Später habe ich die Szenen dann doch noch sehen können. Dem öffentlich-rechtlichen Sinn fürs Archivieren sei Dank. 

Sein Tor im Pokalfinale von 1973 (seinem letzten Spiel für die Borussia!), nachdem er über neunzig Minuten auf der Bank geschmort hatte, weil Weisweiler einen "Verräter" brauchte. Als er dann plötzlich in der Verlängerung von der Bank aufstand, sich umzog und dem Trainer nur kurz steckte: "Ich geh dann mal rein!", um dann wenige Minuten später mit dem Tor des Monats den Krimi gegen den 1.FC Köln zu entscheiden. Das sind Momente, die sich im kollektiven Fußball-Gedächtnis der Deutschen eingegraben haben. 

Für die kommenden Jahre wünscht sich Netzer - nichts. Die Gesundheit hatte der kicker in dieser Frage extra außen vor gelassen. 

"Ich habe keinen Wunsch, selbst wenn ich einen frei hätte. Mir würde nichts einfallen, was mein Leben derart verbessern würde, dass ich es unbedingt erleben möchte." 

Kein Wunder, wenn man praktisch alles im Leben schon erlebt hat.