Nach dem zweiten Abstieg binnen drei Jahren und einem neugewählten Aufsichtsrat steht Hannover 96 vor einem schwierigen Neuanfang. Intern hat sich der Verein neu strukturiert, der sportliche Erfolg benötigt jedoch Zeit. In einem auf der vereinseigenen Website veröffentlichten Interview appelliert Geschäftsführer Martin Kind an die nötige Geduld und gewährt einen Einblick in die Neuausrichtung des Klubs.


Martin Kinds Werk hat einige Kratzer hinterlassen. Der 75-Jährige sieht sich durch den neuen Aufsichtsrat starkem Gegenwind ausgesetzt, nach der schwachen Saison 2018/19 musste Hannover 96 herbe wirtschaftliche Verluste hinnehmen. So schlecht, betont Kind auf der vereinseigenen Website, geht es dem Klub im Vergleich zur Konkurrenz aber nicht: "Zur Einschätzung gehört, dass wir in dieser Saison immer noch den dritt- oder viertgrößten Etat der 2. Liga haben", sagt er im Wissen, dass 96 "auch in der laufenden Spielzeit Verluste erwirtschaften" wird.

Durch die wirtschaftlichen Schäden seien "neue Strukturen" nötig, die bis Saisonende "im Wesentlichen" abgeschlossen werden sollen. Ins Detail geht Kind nicht, allerdings erklärt er am Beispiel eines Transfers, wie viel Geld am Ende des Tages wirklich in die Vereinskassen fließt: "
Es gibt drei wirtschaftliche Aspekte, die zusammenfließen: die Liquiditätsbetrachtung, die Bilanzbetrachtung und die Gewinn- und Verlustrechnung. Wenn ich die Medienberichterstattung betrachte, dann wird dort immer geglaubt, dass uns, wenn wir einen Spieler verkauft haben, die Summe X zufließt - und dann können wir sie ausgeben." Heutzutage würden Ablösesummen aber immer häufiger in Raten gezahlt, und bei einem Spielerkauf festgeschriebene Klauseln, nach denen der vorherige Verein zu einem bestimmten Prozentsatz an einem Weiterverkauf finanziell beteiligt wird, würden die tatsächlichen Einnahmen ebenfalls schmälern.


Datenanalyse und Scouting: Wie Hannover potentielle Neuzugänge entdeckt


Auf dem Papier haben die Niedersachsen 3,75 Millionen Euro in der abgelaufenen Transferperiode für neun Neuzugänge ausgegeben, gleichzeitig 24 Millionen Euro für einen Teil der 20 Abgänge eingenommen. Die Ausgaben hängen aber nicht nur mit den finanziellen Möglichkeiten zusammen, sondern auch mit der neuen Transferstrategie. "
Wir nutzen Softwareprogramme, um alle Daten von Spielern aufzubereiten, damit wir diejenigen identifizieren können, die für uns interessant sind", erklärt Kind den ersten Schritt des neuen Verfahrens. Im Anschluss würden potentielle Kandidaten von der Scouting-Abteilung, den Verantwortlichen im Sportlichen Bereich - wie Sportdirektor Jan Schlaudraff - sowie dem Trainer "mehrfach" beobachtet. 


Hannover 96: Die 5 teuersten Abgänge des Transfersommers 2019

​SpielerGewechselt zu​Ablösesumme​
​Ihlas Bebou1899 Hoffenheim​8,5 Mio. Euro​
​Niclas FüllkrugWerder Bremen​6,5 Mio. Euro​
​WalaceUdinese Calcio​6 Mio. Euro​
​Noah Sarenren BazeeFC Augsburg​1,7 Mio. Euro​
​Iver FossumAalborg BK​500.000 Euro​

Sobald der Spieler dem gestellten Anforderungsprofil entspricht und auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten nicht übersteigt, kommt ein Transfer in Frage. Entscheidend sei dann aber auch der Charakter des Spielers. Dieser "spielt eine wichtige Rolle", so Kind. "Wir wollen vor einem Transfer die Spieler kennenlernen, mit ihnen sprechen, ein Gefühl für ihre charakterlichen Eigenschaften bekommen und auch für ihr familiäres Umfeld. Die Sportliche Leitung und der Trainer bringen sich an dieser Stelle sehr ein."


Schwacher Saisonstart? Kind zögert mit erstem Fazit


So weit, so gut. Nur: Sollte ein Spieler in der Theorie zum Verein und der Mannschaft passen, bedeutet dies nicht automatisch, dass sich das Erfolgsversprechen auch bewahrheitet. Nach fünf Spieltagen steht die Elf von Mirko Slomka, der zum zweiten Mal auf der Trainerbank der HDI-Arena Platz nimmt, mit fünf Zählern auf Rang zwölf. Im engen Mittelfeld der 2. Bundesliga belegt der SV Darmstadt punktgleich den Relegationsplatz, wohingegen die Aufstiegsränge bereits fünf Punkte entfernt sind.


Ein Fehlstart? "Die ersten Spiele lassen eine endgültige Beurteilung der Leistungsstärke noch nicht zu", sagt Kind, der auf die schweren Auswärtsspiele beim VfB Stuttgart (1:2) und dem Hamburger SV (0:3) verweist. Die Unentschieden gegen Jahn Regensburg und Greuther Fürth (beide 1:1) schlagen ihm dafür umso mehr ins Gemüt. "Die Schwächen der Mannschaft", so der Geschäftsführer, "waren erkennbar" - auch deshalb verpflichtete Hannover die vertragslosen Dennis Aogo und Marc Stendera.

Mirko Slomka

Rückkehrer Mirko Slomka (Foto) erhält Zeit, um die Mannschaft zu entwickeln.


Dennoch übt sich Kind in Zurückhaltung: "Wir haben uns für einen Neuaufbau entschieden und wissen, dass dafür Geduld notwendig ist. Wir haben deshalb den sofortigen Wiederaufstieg nicht als Ziel ausgegeben." Nach fünf Spieltagen gebe es "keinen Grund, die Saison schon zu bewerten oder einen Haken dahinter zu machen", bei noch 29 verbleibenden Spielen bestehe noch immer die Möglichkeit, einen der Aufstiegsränge zu erreichen. "Das", so Kind, "war, ist und bleibt unser Ziel."