Es war eine dieser grandiosen Europapokalnächte, die man nicht als Zuschauer so schnell nicht vergisst. Dabei waren die Rahmenbedingungen alles andere als glamourös. Ein in die Jahre gekommenes Stadion, dessen Tonanlage an die Qualität meiner ersten PC-Lautsprecher aus dem Jahr 1996 erinnert, eine überschaubare Kulisse von nur rund 2.900 Zuschauern und zwei die Teams, welche gerade so als Profimannschaften durchgehen. Wir befinden uns hier wahrlich fernab der großen europäischen Fussballbühnen und dennoch bot dieser Abend alles, was man sich als Fussballfan wünscht. 


Es ist ein Aufeinandertreffen der Fussballzwerge. Der luxemburgische Meister F91 Düdelingen gegen den armenischen Meister FC Ararat-Armenia. Was früher ein Duell für den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der heutigen UEFA Champions League, gewesen wäre, ist heute der Kampf um den Einzug in die Gruppenphase der UEFA Europa League. Der Sieger sichert sich hier nicht nur das Prestige der Europokalteilnahme, sondern auch eine garantierte Startprämie von 2,9 Millionen Euro. Für zwei Teams deren Gesamtkaderwerte laut transfermarkt.de bei 5,7 bzw. im Fall von Düdelingen sogar nur vier Millionen Euro liegen, eine mehr als stattliche Summe.


Wir befinden uns bereits im Elfmeterschießen dieser höchst unterhaltsamen Partie. Ararats Georgi Pashov macht sich auf dem Weg zum Elfmeterpunkt. Sein Marktwert liegt aktuell nur bei einem Zehntel dessen, was der FC Ararat durch einen Sieg heute einnehmen könnte. Der Druck ist dem Bulgaren merklich anzusehen. Der Weg zu diesem Moment führte uns durch ein Spiel, in dem die Heimmannschaft aus der 20.000-Einwohnerstadt Dideling (franz. Dudelange, deutsch Düdelingen) in 90 Minuten mit Kampf, Spielwitz und absoluten Willen die 1:2-Niederlage aus dem Hinspiel egalisierte. Auch von einem zwischenzeitlichen Rückstand ließen sich die F91-Spieler nicht aus der Ruhe bringen. In der Verlängerung zollten dann beide Teams dem hohen Tempo dieser Partie ihren Tribut, somit brachten auch die zusätzlichen 30 Minuten keinen Sieger. 


Im Elfmeterschießen leisteten sich beide Teams bisher einen Fehlschuss. Düdelingens Innenverteidiger Tom Schnell verwandelte als sechster Schütze denkbar knapp nur mit Hilfe des rechten Innenpfostens. Ein erleichterter Jubel ging durch die Reihen. Wenige Augenblicke später sollten die meisten der 2.900 Zuschauer erneut Grund zum Jubeln haben. Pashov setzte seinen Elfmeter links am Tor vorbei. Düdelingen schaffte zum zweiten Mal das Unmögliche und löste das Ticket für die Gruppenphase der UEFA Europa League. Die Spieler Düdelingens begruben ihren Keeper anschließend in einer großen Menschentraube, die Spieler Ararats fielen enttäuscht und kraftlos zu Boden. Düdelingen geht somit erneut auf große Europapokalreise.


Das Team aus dem Süden Luxemburgs sorgte bereits im Vorjahr für Furore. In der Vorsaison schaltete man in der Qualifikation mit Legia Warschau und CFR Cluj zwei deutlich größere Teams aus. In der Gruppenphase bekamen die Luxemburger dann mit dem AC Mailand, Betis Sevilla und Olympiakos Piräus ein absolutes Traumlos. Eine 2:1-Führung in San Siro und ein 0:0 zu Hause gegen Betis dürften dabei wohl die absoluten Höhepunkte der Europareise gewesen sein. 


Großer Umbruch bei F91 Düdelingen


Dass die Luxemburger erneut die Qualifikation schafften, ist nicht weniger als ein Wunder. Vor der aktuellen Saison verließen über 20 Spieler den Verein, und fast genauso viele kamen neu hinzu. Auch Trainer Dino Toppmöller verließ den Luxemburger Serienmeister Richtung Belgien. Wer in dieser Saison die Spiele von F91 in der Qualifikation zur UEFA Champions League und anschließend in der Europa-League-Qualifikation verfolgte, der konnte sehen, dass das Team seine Zeit brauchte, um sich aneinander zu gewöhnen. So scheiterte man in der 1. Runde der Champions-League-Qualifikation unglücklich am FC Valetta (Malta). Auch wenn immer noch nicht alle Abläufe passen, so hat das Team inzwischen enorme Fortschritte gemacht und sich mit seinen couragierten Auftritten die erneute Qualifikation für die EL-Gruppenphase verdient. Die kräftezehrenden Auftritte in den Qualifikationsrunden gingen an F91 allerdings nicht spurlos vorbei. In der 14 Mannschaften umfassenden BGL-Ligue liegt man nach fünf Spieltagen nur auf Platz 11. 


Die Auslosung in diesem Jahr meinte es weniger gut mit F91. Mit dem FC Sevilla hat man zwar den Rekordmeister dieses Wettbewerbs gezogen, aber mit Qarabag und APOEL Nikosia auch zwei weniger attraktive Gruppengegner. Nichtsdestotrotz werden die Spieler und die Fans die erneute Reise nach Europa genießen. 


Aktuell belegt F91 Düdelingen im UEFA Ranking Platz 192 und dennoch spielt man in einem Wettbewerb in dem, wenn man die UEFA Champions League berücksichtigt, die 33 bis 80 besten Teams Europas spielen. Vielleicht gelingt es F91 auch hier zu überraschen. Mit APOEL Nikosia ist schließlich noch eine Rechnung offen. Gegen das Team aus Zypern scheiterte man 2017 in der 2. Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League