​Wenn im chaotischen HSV-Frühsommer dieses Jahres, während der Tage, als täglich ein neuer Trainerkandidat von den Medien in den Ring geschmissen wurde, der eine oder andere mit Unverständnis auf den Vorschlag Daniel Thioune reagiert hat, so dürfte sich der (oder diejenige) mittlerweile eines besseren belehrt sehen. Mit seinem ​VfL Osnabrück rockt der 45-Jährige, wenn auch in "Kooperation" mit dem HSV, gerade die ​Zweite Liga

Fünf Spiele sind bislang absolviert. Von fünfzehn möglichen Punkten haben die Niedersachsen starke neun geholt. Und das als Aufsteiger. Oder vielleicht gerade deshalb? 


Nach dem Motto: du hast keine Chance - also nutze sie! Wobei: das mit dem "chancenlos" kann man eigentlich auch nicht so stehen lassen. Schon in der vergangenen Drittligasaison konnte man sehen, wohin es mit den Violetten noch gehen könnte. Und auch schon damals wurde als Hauptverantwortlicher immer nur einer genannt: ​Daniel Thioune


Als Spieler nie über die Zweite Liga hinausgekommen, übernahm Thioune ab der Spielzeit 2013/14 die U17-Mannschaft des VfL. Später sollte er auch noch für das U19-Team verantwortlich sein. 


Das Ende von VfL-Legende Enochs leitete Thiounes Aufstieg ein


Doch seine märchenhafte Geschichte beginnt so richtig im Oktober 2017: Da wurde nämlich Joe Enochs als Trainer des VfL gefeuert. Dazu muss man wissen: Joe Enochs ist in Osnabrück in etwa das, was Franz Beckenbauer in München ist. Ein absolutes Idol, ein Liebling der lokalen Fan-Szene. 


Als Spieler hielt der 48-jährige Kalifornier über zwölf Jahre seine Knochen für diesen Verein hin. Als er dann im August 2015 gefragt wurde, ob er für den geschassten Maik Walpurgis einspringen könnte, zögerte Enochs deshalb natürlich keine Sekunde. Doch ausgerechnet das Traineramt bei seinem Leib- und Seelenverein sollte sein Ende im Klub einläuten. 


Denn auch für Legenden gilt der Spruch: "Am Ende zählen nur die Punkte!" Und als die fehlten, konnte Enochs auch sein Legendstatus nicht mehr schützen. Im Oktober 2017 wurde er von der Vereinsführung freigestellt. Und das Undenkbare geschah: Gute acht Monate später verließ Joe Enochs den VfL Osnabrück. Nach insgesamt 21 (!) Jahren. Er wollte unbedingt als Trainer weiterarbeiten - und weil man ihn in Osnabrück nicht mehr ließ, ging Enochs nach Zwickau. 

Doch wo sich eine Tür schließt, öffnet sich irgendwo anders eine andere. 


Enochs Weggang war der Startschuss für Daniel Thioune. Die Saison 2017/18 beendete er auf dem 17. Rang, mit sechs Punkten Vorsprung auf den ersten Absteiger Werder Bremen II. Und 2018/19, in seiner ersten Spielzeit als alleinverantwortlicher Trainer, gelang ihm der überraschende Durchmarsch. Als Meister der Dritten Liga stieg der VfL Osnabrück in die Zweite Liga auf. 


Sogar beim HSV im Gespräch


Klar, dass da auch die Konkurrenz aus den höheren Ligen aufmerksam wurde. Beim HSV fiel sein Name in einem Atemzug mit Leuten wie André Breitenreiter, Markus Anfang und Dimitrios Grammozis. 


Der HSV entschied sich am Ende für Erfahrung und jahrzehntelange Bundesliga-Expertise, Thioune wirkt weiterhin in Osnabrück. Und das mit durchschlagendem Erfolg. Siehe momentaneTabellenkonstellation. Thioune dazu gegenüber dem kicker: "Die aktuelle Platzierung ist schon ganz geil." Doch der VfL-Coach weiß auch über den noch langen Weg in dieser Liga - und tritt entsprechend auf die Euphoriebremse: "Träumen ist erlaubt, aber realistisch träumen macht wahrscheinlich mehr Sinn." 


Träumen tun sie in der Chefetage nun erstmal von einer weiteren Zusammenarbeit zwischen Klub und Trainer. Thiounes Vertrag läuft im nächsten Sommer aus. Entsprechend haben beide Parteien auch schon erste Gespräche miteinander geführt. Gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung bestätigte dies der Sportdirektor Benjamin Schmedes: "Unsere Gespräche laufen gut. Wann und wie sie enden, kann ich noch nicht sagen. Ich sage nur: Das Ergebnis ist entscheidend, nicht das Tempo." 


Doch allzu sehr Zeit sollten sie sich dann auch nicht lassen.