​Alljährlich schauen Millionen von Augenpaaren an den Bildschirmen und die Vertreter der Vereine vor Ort gebannt auf Glaskugeln und deren runden Inhalt. Auslosung zur Champions League! Und wie immer gibt es hinterher strahlende Augen oder ernüchterte Mienen. 


Nachdem der Ex-Bayer und ehemalige Real-Spieler Hamit Altintop (als Repräsentant von Istanbul, dem Austragungsort des im Mai 2020 stattfindenden Finales der diesjährigen Champions-League-Saison) den silbernen Henkelpott auf dem dafür vorgesehenen Podium platziert hatte, konnten die diesjährigen Losfeen Wesley Sneijder und Petr Cech endlich ihres Amtes walten. Und was sie da aus den Töpfen zogen, war zumindest aus deutscher Sicht überwiegend spektakulär: Messi, Dembéle, Cristiano Ronaldo, Romelu Lukaku, Joao Félix - das sind nur einige der illustren Namen, mit denen sich unsere heimische Elite ab September messen darf. 


Todesgruppe 1


Doch der Reihe nach. Die wohl sportlich anspruchvollste Gruppe hat der amtierende Vize-Meister erwischt. Mit dem​ FC Barcelona und Inter Mailand muss sich der BVB schon in der Gruppenphase mit zwei Kandidaten auf den Gesamtsieg auseinandersetzen. Die Katalanen gehören sowieso jedes Jahr zum Favoritenkreis. Die Mailänder scheinen die Talsohle der letzten Jahre endlich durchschritten zu haben, und sind schon für diese Spielzeit ein ernstzunehmender Anwärter auf den Titel. Chinesischem Kapital und dem neuen Trainer Antonio Conte sei Dank. 


Die chinesische Sunin Holding Group hat in diesem Transfer-Sommer satte 200 Millionen Euro in den Kader des Traditionsklubs gepumpt - und nahezu alle Wünsche des neuen Coaches erfüllt. Diese Woche kamen noch Cristiano Biraghi von der Fiorentina - und Alexis Sánchez von den Gunners. Conte verfügt nunmehr über einen Kader, der die Hegemonie der Alten Dame aus Turin (zuletzt sieben Mal in Folge italienischer Meister!) brechen kann. Das sehen wohl auch die Interisti so: zum Saisonauftakt gegen den Aufsteiger US Lecce kamen über 64.000 ins San Siro - mehr waren es zuletzt 2010. Damals waren die tifosi noch in Feierstimmung ob des errungenen Triples aus Meisterschaft, Pokal und Champions League.


Kein Zweifel: die Internazionale Milano ist endlich wieder wachgeküsst. Vorsicht Borussia! Das gilt auch für den dritten Gruppengegner Slavia Prag. Die haben immerhin dem späteren Sieger Chelsea das Leben in der letztjährigen Europa-League-Edition mehr als schwer gemacht. 


Todesgruppe 2


Die zweite "Todesgruppe", um mal einen etwas dramatisch überhöhten Begriff zu verwenden, ist zweifellos die von Bayer 04 Leverkusen. 


Mit Atlético Madrid und ​Juventus Turin haben die Rheinländer zwei Rivalen zugelost bekommen, die in den letzten fünf Jahren zusammen in vier Finals gestanden haben (Atlético verlor seine beiden Endspiele 2014 und 2016 jeweils gegen Real Madrid, Juventus unterlag 2015 dem FC Barcelona und 2017 ebenfalls den Königlichen). Atlético scheint sich zu einer Art Dauerrivalen der Leverkusener zu entwickeln: nach 2010/11 (Europa League), 2014/15 (Champions League) und 2016/17 (ebenfalls in der Königsklasse) treffen beide Vereine nunmehr zum vierten Mal binnen eines knappen Jahrzehnts aufeinander. Insgesamt eine mehr als schwierige Gruppe für Bayer. Denn auch der russische Vize-Meister (und Meister von 2018) Lokomotive Moskau als dritter Gegner in dieser Gruppe D wird nicht mal eben im Vorbeigehen zu schlagen sein. 


Surprise-Box für Leipzig


Nicht ganz so heftig wie die beiden Westklubs hat es RB Leipzig erwischt. Die Messestädter hatten als sportlich schlechtester der vier deutschen Klubs am meisten zu befürchten, doch Sneijder und Cech erwiesen sich als echte Glücksbringer: mit Olympique Lyon, Benfica Lissabon und Zenit St.Petersburg hat man es zwar mit europäischer Klasse zu tun, aber eben nicht mit der absoluten Spitzenkategorie. 


Benfica, das weiterhin dem Guttmann-Fluch entkommen und endlich mal wieder, nach über 57 Jahren, einen internationalen Titel nach Lissabon holen will, hat durch Joao Félix´ Abgang erheblich an Substanz verloren. Ein solches Mega-Talent kann nicht einfach so eins zu eins ersetzt werden. Am Samstag setzte es gegen den Erzrivalen aus Porto eine 0:2-Heimniederlage. 


Kurios: bereits letztes Jahr trafen Leipzig und St.Petersburg, damals in der Europa League, aufeinander. Im Achtelfinale warfen die Bullen den russischen Klub mit 2:1 und 1:1 aus dem Wettbewerb. 


Selbstgänger für die Bayern!


Bleiben die Bayern. Und was soll man noch sagen? Das Los-Glück (der kicker nennt es wörtlich "Bayern-Dusel") hat die Münchener auch dieses Jahr nicht verlassen. Statt Atlético oder Real ging als großer Fisch nur Tottenham Hotspur ins Netz. Und ob die nochmal an die großartige Leistung der vergangenen Spielzeit heranreichen können, erscheint mehr als fraglich. Der Ligastart (mit einem Sieg, einem Remis und einer Niederlage) war stotternd. Hinzu kommt die Ungeklärtheit über die weitere Zukunft von Christian Eriksen. Vor Angst in die Hosen machen werden sich die Bayern sicherlich nicht. 


Schon gar nicht angesichts der weiteren Gruppengegner: mit Roter Stern Belgrad verbinden ältere Bayern-Fans vielleicht immer noch sehr unangenehme Erinnerungen (damals, 1991...), aber heute, im Hier und im Jetzt, ist damit nur noch die Erinnerung an glorreiche Zeiten der Vergangenheit verbunden. Und auch Olympiakos Piräus sollte für die Münchener, unter normalen Umständen, keine allzu große Hürde darstellen. 


Prognose: die Bayern werden ungeschlagen ins Achtelfinale einziehen. Für Leipzig wird es schwer, aber nicht unmöglich, die Gruppe als einer der ersten beiden zu überstehen. Borussia Dortmund und Bayer 04 Leverkusen jedoch werden absolut am Limit spielen müssen, um die K.o.-Runde zu erreichen. Für beide könnte es aber am Ende auch nur zum dritten Rang, und der damit verbundenen Teilnahme an der restlichen Europa League, reichen.