Fast schon traditionsgemäß hat der ​FC Schalke 04 in diesem Sommer einen personellen wie infrastrukturellen Umbruch vollzogen. Doch es ist und bleibt die alte Leier in Gelsenkirchen: Wenig Tore und dafür umso mehr störende Nebenschauplätze. Wohin also führt der königsblaue Weg in dieser Saison? Wir haben mit Hassan Talib Haji eine Standortbestimmung vorgenommen.


Aufbruchstimmung ist auf Schalke zu einem falschen Versprechen verkommen. Zu viele Umbrüche, zu viele Heilsbringer musste der Verein in den vergangenen Jahren verdauen. In diesem Sommer soll es das Trio aus Cheftrainer David Wagner, Sportvorstand Jochen Schneider und dem Technischen Direktor Michael Reschke richten. "Ich halte Jochen Schneider für einen guten Zugewinn. Michael Reschke übrigens auch. Bei ihm war ich anfangs skeptisch. Als er aber ankündigte, dass er im Hintergrund arbeiten wird, war ich erleichtert", erzählt uns S04-Experte Hassan Talib Haji. "Allerdings sind beide, wie auch David Wagner, erst seit kurzem am Berger Feld tätig. Eine wirkliche Bewertung lässt sich also noch nicht machen."


"Die Mannschaft ist in der Bringschuld und muss anfangen, Wiedergutmachung für die letzte Saison zu betreiben."


Eine Signalwirkung und frischen Wind hat man sich bei Königsblau unter der neuen Ägide definitiv erhofft. Die bisherige Ausbeute ist jedoch: mangelhaft. Zu viele Störfeuer ebneten der Mannschaft den Weg zu lediglich einem Punkt aus zwei Bundesliga-Spielen; ein eigenes Tor erzielten die Blau-Weißen noch nicht. Zugegeben: Mit Borussia Mönchengladbach und Bayern München hatten die Knappen nicht gerade einen leichten Aufgalopp in die Saison. Zufrieden kann man mit den Ergebnissen trotzdem nicht sein.


"Das Heimspiel am Samstagnachmittag gegen Hertha BSC wird wichtig für die Stimmung sein. Vor allem aber tabellarisch. Die Mannschaft ist in der Bringschuld und muss anfangen, Wiedergutmachung für die letzte Saison zu betreiben", erläutert uns Hassan. "Inwieweit das gelingt, zeigen die nächsten Wochen. Ein Sieg gegen Hertha BSC ist Pflicht. Dafür muss man aber mindestens ein Tor schießen, das klappt bei uns leider aktuell nicht so gut. Druck hat Schalke immer. Grob ausgedrückt: Selbst nach solch einer Vorsaison dürften viele Anhänger mit einem Mittelfeldplatz nicht zufrieden sein. Dafür ist Schalke 04 zu emotional." 


Schalke 04: Gemischte Erwartungshaltungen und die Hoffnung auf schönen Fußball

Stichwort Erwartungshaltung: Nachdem zuletzt Domenico Tedesco hoch angepriesen zu Schalke wechselte und dann ganz schnell, ganz tief fiel, hält man sich in dieser Saison in Gelsenkirchen bedeckt; zumindest versucht man es. Tatsächlich pendeln die Erwartungshaltungen bei Königsblau irgendwo zwischen ruhiger Saison und emotionalem Feuerwerk, mit dem krönenden Einzug in die Europa League. Heruntergebrochen erwartet man sich beim Kumpelverein einfach mal eine Spielzeit ohne negative Schlagzeilen, die Lust auf mehr macht.


"Solange die Mannschaft vollen Einsatz zeigt und eine Einheit bildet, bin ich ein kleines bisschen zufrieden fürs Erste, denn das hat sie letzte Saison sehr oft vermissen lassen – obwohl es eigentlich die Basics sind", legt uns Hassan seine Erwartungshaltung dar. "Wichtig ist Stabilisation. Vielleicht schafft sie es sogar lange um die Europapokalplätze zu kämpfen, das wäre gut. Ganz wichtig ist allerdings auch, dass der grottenschlechte Fußball endlich ein Ende hat. Die Spiele in der letzten Saison waren überwiegend überhaupt nicht schön anzuschauen."  


David Wagner bei Schalke: "An der Umsetzung hapert es noch"

Für attraktiveren Fußball soll David Wagner sorgen. Der 47-Jährige ist seiner Rolle als Nachwuchstrainer beim BVB und Trauzeuge von Jürgen Klopp längst entwachsen und sorgte mit Huddersfield Town mit dem Aufstieg in die Premier League und dem anschließenden Klassenerhalt für ein erstes Highlight und Ausrufezeichen in seiner noch jungen Trainerkarriere. Auf der Insel schärfte Wagner sein Profil und ließ mit Underdog Huddersfield mutigen und rotzfrechen Fußball spielen - ein Erfolgsrezept, das auch Schalke 04 gut zu Gesicht stehen kann.


"Bei Trainern auf Schalke sollte man mit Vorschusslorbeeren gehörig aufpassen. Das ging schon bei Domenico Tedesco mächtig in die Hose."


"Man kann schon in Ansätzen sehen, was David Wagner im Sinn hat, und das ist gut. An der Umsetzung hapert es aber noch. Zudem muss er die richtigen Entscheidungen in der Startelf treffen. Für mein Empfinden ist Guido Burgstaller nicht in Form. Für ihn sollte Ahmed Kutucu spielen – aber das ist nur meine Meinung", gibt Hassan ein erstes persönliches Zwischenfazit zum neuen Mann an der königsblauen Seitenlinie ab - appelliert aber zugleich daran, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und geduldig zu bleiben: "Rein aufs Sportliche betrachtet, macht David Wagner auf mich erstmal einen guten Eindruck. Wir müssen aber die nächsten Monate und seine Entscheidungen abwarten – und natürlich, wie sich der Klub in dieser Hinrunde macht. Bei Trainern auf Schalke sollte man mit Vorschusslorbeeren gehörig aufpassen. Das ging schon bei Domenico Tedesco mächtig in die Hose."


Geduld, Erwartungshaltung, Aufbruchstimmung - die immergleiche Schallplatte bei S04 dreht und dreht sich. Dem müssen David Wagner, Jochen Schneider und Michael Reschke entgegenarbeiten und ein Fundament schaffen, von dem aus Schalke in den nächsten Jahren wachsen und sich (wieder) finden kann. Doch - und das sollte auch den neuen königsblauen Wortführern klar sein - dieses Vorhaben ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Denn: "Druck hat Schalke immer!"


"Das hat meiner Meinung nach keinen wirklichen Wert mehr" - Am Donnerstag analysieren wir im zweiten Teil unserer Standortbestimmung mit Hassan Talib Haji den infrastrukturellen Wandel auf Schalke, die Transferaktivitäten im Sommer und werfen einen Blick auf die Stimmungslage im königsblauen Fanlager in der Causa Clemens Tönnies.