​Der kicker hat Jürgen Klopp in Liverpool besucht. Im Interview mit dem Fachblatt bezieht der Cheftrainer vom FC Liverpool, deutlich und meinungsstark wie gewohnt, Stellung zu den drängenden Fragen des heutigen Profifußballs. 


Klopp: "Kaum Zeit, mal was auszusitzen!"


Gefragt, ob der Umgang mit den heutigen Trainern in Deutschland noch als respektvoll eingestuft werden könne, antwortet Klopp: "Man hat das Gefühl, dass ein Trainer vom ersten Tag an auf dem Prüfstand steht. Alles ist toll, bis es nicht mehr toll ist. Dann wird gleich gefragt: Kann der's überhaupt noch? Das Problem ist sehr oft, dass einem die Medien kaum Zeit geben, sowas mal auszusitzen." 


Dabei hatte er selbst diesbezüglich Glück bei seinen deutschen Stationen (Mainz, Dortmund). "Ich stand in Mainz ganz sicher nie zur Disposition, in Dortmund hatte ich ebenfalls nullkommanull das Gefühl, dass meine Position gefährdet war. (..) Ich weiß nicht, ob jemals eine Krise so stoisch und positiv durchschritten wurde, wie die, die wir mit dem BVB hatten. Wir  waren 18., nicht mal Journalisten haben gefragt: Wie lange machst du den Job eigentlich noch?" 


"Es wird zu schnell schwarz-weiß bewertet!"


Doch in der heutigen Zeit sei das anders. Die neue Generation habe, so Klopp, "zwei Probleme. Erstens: die gesellschaftliche Entwicklung: Es wird zu schnell nur schwarz-weiß bewertet. Zweitens kommen viel mehr Trainer nach. Wir schieben extrem viele nach, weil es auch viel mehr Stellen gibt, etwa in den Akademien." 


Auch zum Thema Übersättigung durch immer neue Turnierformate hat der gebürtige Stuttgarter eine dezidierte Meinung. 


"Angst vor einem Tag ohne Fußball"


"FIFA und UEFA bauen ja noch die Turniere für mehr Teilnehmer aus. Offenbar besteht die Angst vor einem Tag ohne Fußball. Ich glaube aber, es ist genau umkehrt. Irgendwann sagt das Publikum: Das schau ich mir nicht an, das nicht, und das auch nicht. Wir hatten früher im Winter zwei, drei Wochen ohne Fußball. Da hatten wir Skispringen, Abfahrtslauf, Biathlon. In England mit seiner Vielfalt an populären Sportarten wäre es auch kein Problem. Viele Menschen versuchen gerade so viel wie möglich vom Kuchen abzubekommen. Das ist im Leben ganz oft so. Nur wird es im Fußball auf dem Rücken der Spieler ausgetragen." 


Entsprechend ist Klopps Haltung zu der im Raum stehenden Idee der Gründung einer europäischen Super League: "Ich hoffe, diese Super League wird es nie geben. Mit der Art, wie die Champions League jetzt abläuft, hat der Fußball ein ganz tolles Produkt. Auch mit der Europa League, in der allerdings die eine zusätzliche Runde auch nicht vergnügungssteuerpflichtig ist. Für mich ist die Champions League die Super League, in der nicht immer dieselben Mannschaften spielen müssen. Ich habe auch nicht das Gefühl, mein Verein müsste gesetzt sein. Natürlich ist es wirtschaftlich wichtig, aber warum sollten wir ein Setz-System schaffen, bei dem zehn Jahre in Folge Liverpool gegen Real Madrid zu sehen ist? Wer will das jedes Jahr sehen?" 


Liverpool für Klopp kein Top-Favorit auf den Champions-League-Titel


Von einer vermeintlichen Favoritenrolle seines FC Liverpools, der als Titelverteidiger in die diesjährige Ausgabe der Königsklasse geht, will Klopp nichts wissen: "Als Topfavorit sehe ich uns nicht. Letztes Jahr galt Barça gegen Manchester City als das logische Finale. Zumindest, was Manchester City angeht, würde ich das genauso wieder unterstreichen. Ich will Pep Guardiola und seiner Truppe nichts rüberschieben. Ich finde sie einfach so gut. In der Premier League steht City über allem, mit seiner Qualität, dem Trainer, der Erfahrung. Die Kombination ist wirklich gut." 


Von seinen eigenen Spielern hebt Klopp vor allem Rekordeinkauf Virgil van Dijk und Joel Matip hervor, wobei er dem Holländer noch ein gewisses Steigerungspotential zutraut: "Virgil hat da noch einen Riesenspielraum. Er ist ein absoluter Weltklassespieler, muss noch mehr in diese Funktion hinein. Er löst es sportlich so überzeugend, dass es absolut top ist. Aber Nackenschläge im Spiel haben bei ihm noch zu viel Einfluss. (...) Joel Matip war in den letzten sieben, acht Partien wahrscheinlich der beste Spieler auf dem Platz. Super stabil." 


Zum Ende des Interviews wird Klopp vom kicker auch hinsichtlich seiner eigenen Zukunft befragt. 


Abschied vom FC Liverpool: "Dann höre ich auf für ein Jahr"


Auf die Frage, ob er nach Vertragsende in Liverpool erstmal eine Pause machen werde, antwortet er überraschend deutlich: "Davon muss man ausgehen." Gleichzeitig lässt er sich aber auch noch ein Schlupfloch, wenn er ausführt: "Wer kann schon heute von sich sagen, ob er in drei Jahren "ganz oder gar nicht" kann? Wenn ich für mich entscheide, dass ich nicht mehr kann, dann höre ich auf für ein Jahr. Und nach diesem Jahr muss die Entscheidung definitiv fallen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch sehr hoch, dass mein Energielevel dann absolut wieder da ist, wo es hingehört, und ich den Job so machen kann, wie ich ihn machen will."