Das Thema kennt man überall - sei es Bremen, Dortmund oder auch Leverkusen: Die Zielsetzungen von ​Verein und Fans gehen teilweise weit auseinander. Während die Vereine oft auf Understatement aus sind, um am Ende nicht wie die Trottel auszusehen, wollen die Fans am liebsten so hoch und weit fliegen wie nur möglich. Und wie sieht das diese Saison bei ​Bayer 04 Leverkusen aus?


Offen gesagt, mit dem aktuellen Kader der Leverkusener steht man schon ziemlich gut da. Mir fällt als gleichwertiger Bayer-Kader nur der aus der Saison 2001/02 ein, als die beste Leverkusener Saison zur schmerzhaftesten wurde. Die aktuelle Mannschaft ist zwar wie die Jahre davor mit Jungspunden und Talenten gespickt, doch herrscht dieses Jahr eine angenehme Balance zwischen Erfahrung und Talent. Kurzum: Leverkusen ist vom Kader her unter den Top Vier Deutschlands.

Lucio Celebrates first goal

Erinnerungen an die goldenen Zeiten Leverkusens kommen hoch



Mit Trainer Peter Bosz hat man zudem einen Trainer, der Offensivfußball liebt und spielen will - was perfekt zum Leverkusener Anspruch passt. Doch Bosz ist kein einfacher Typ Trainer, er ist extrem systemtreu, fordert von den Spielern das Maximum und benötigt vom ganzen Klub 110 Prozent Konzentration. Dennoch ist er für mich der beste Trainer seit Jupp Heynkes oder auch Interimslösung Sascha Lewandowski.


Die Kombination von Kader und Trainer könnte also besser nicht sein, doch wer hoch steigt, kann tief fallen. Gut, wenn man also einen ruhigen Vorstand hat, der auch mal den Deckel auf den Topf knallt, um nichts nach außen dringen zu lassen. Zugegeben, ob "Tante Käthe" alias Rudi Völler diesen Job übernehmen kann, sei dahingestellt. Allerdings schiele ich hier eher auf das Duo Simon Rolfes und Stefan Kießling. Die beiden Ex-Profis machen einen unfassbar guten  und ruhigen Job in der Führungsetage, auch wenn Kießling bislang noch als Assistent unterwegs ist und er in kommender Zeit mehr Verantwortung bekommen soll. Ihnen beiden traue ich zu, in hitzigen Phasen Ruhe in den Verein zu bringen.


Um es zusammenzufassen: Der Kader ist so gut wie seit fast 20 Jahren nicht mehr, der Trainer versteht sein Fachgebiet und der Vorstand rennt nicht wie ein kopfloses Huhn durch die Gegend. Grund zum Optimismus? Jein!


Bayer 04 Leverkusen: Die Saison-Checkliste


Die Vorbereitung und die ersten Pflichtspiele waren eher ernüchternd, was die Stimmung etwas drückte. Die Leistungen, vor allem defensiv, waren teilweise unterirdisch. Dennoch steht man im Pokal in Runde zwei und in der Bundesliga mit drei Punkten da. Auch wenn man am "Wie" noch arbeiten muss, kann man auf der Saison-Checkliste den Stichpunkt "Arbeitssieg" gleich doppelt abhaken.


Aber was steht da noch auf der Liste? Auf Vereinsseite wurde lange Zeit immer das Motto "Hauptsache Europa" und "Berlin (in Kombination mit einem dicken Fragezeichen)" propagiert. Diese Saison allerdings scheint es, als sei es auch nach oben durchgedrungen, dass Leverkusen ernstgenommen werden muss. Völler und Co. geben sich angriffslustiger, ehrgeiziger und setzen ihre Ziele weiter oben an. Nach dem 34. Spieltag soll man unter den besten Vier stehen, die Champions-League-Vorrunde überstanden haben und im DFB-Pokal am besten aus Berlin grüßen.


Und diese Umbruchsstimmung schlägt auch auf die Fans über. Man merkt, auch wenn noch nicht alles rund läuft, dass die Mannschaft etwas erreichen will, heiß ist und gut zueinander passt. Dadurch ergibt sich die folgende, subjektive Fan-Zielsetzung:


In der Bundesliga wäre alles andere als die erneute Qualifikation für die Champions League eine herbe Enttäuschung. Der Kader ist zu stark, um am Ende "nur" wieder in der Europa League zu kicken. Um realistisch zu bleiben, müssen die ersten beiden Plätze abgehakt werden, da dort der BVB und FCB sich gegeneinander bekriegen. Ich sehe Leverkusen eher im Zweikampf mit RB Leipzig um Platz drei.


Im DFB-Pokal muss die Teilnahme am Finale und der letztendliche Titelgewinn Pflicht sein. Einfacher kommt man in Deutschland an keinen Titel mehr, da die Bundesliga für 16 der 18 Teams abgeschrieben ist. Die Titelliste des Pokals gestaltete sich in den vergangenen Jahren auch wesentlich bunter als die Deutsche Meisterschaft. Möglich ist es also! Mit diesem Ehrgeiz und einer hohen Konzentration muss Leverkusen nun in jedes Pokalspiel hineingehen, um am Ende zufrieden aus der Pokal-Saison zu gehen.


In der Champions League spalten sich die Meinungen. Manche sagen, dass am Ende einer ruhigen Gruppenphase Platz drei am besten ist. Frei nach dem Motto "das Geld nehmen wir gerne mit, verabschieden uns aber lieber zu unsersgleichen in die Euro League". Doch diese Saison ist das anders, der Kader ist absolut Champions League-tauglich. Ajax Amsterdam zeigte der ganzen Welt in der vergangenen Saison, dass auch mit wenig, viel erreicht werden kann. Das sollte auch der Anspruch von Bayer 04 sein. Also nix Gruppenphase oder Achtelfinale, wir wollen ins Viertelfinale!


Es braucht eine Einheit


Insgesamt muss im ganzen Verein die Stimmung gewechselt werden. Statt einer Wohlfühloase muss mal etwas Druck aufgebaut, die Ziele höher gesteckt, der Ton verändert und die Luft zum kochen gebracht werden. Leverkusen hat rein faktisch die Mittel, um oben anzugreifen. Der Rest ist Kopfsache, auch bei uns Fans. Auch wir müssen diese Ziele vertreten, die Mannschaft unterstützen und die Stadt zum explodieren bringen. Vereine wie Ajax, Eintracht Frankfurt oder - im kleineren Format - Freiburg und Düsseldorf zeigen, wohin es als Einheit gehen kann: steil nach oben!