​In der Causa Clemens Tönnies ist die nächste Runde eingeleitet. Die Ethik-Kommission des DFB tagt bereits an diesem Donnerstag. Nachdem der Ehrenrat des FC Schalke 04 als etwas zahnloser Tiger daherkam, erhoffen sich viele von dem DFB-Gremium eine deutlichere Ansage. Doch geht das überhaupt?


Selbst, wenn es kein Rassismus war: Tönnies gehört sanktioniert!


Der Ehrenrat des FC Schalke hat es sich nicht gerade schwer gemacht. Vom Vorwurf des Rassismus sprach das Vereinsorgan Tönnies frei. Dies deckt sich durchaus mit meiner Einschätzung, dass die Worte des Schalke-Bosses eventuell gar nicht als rassistisch, sondern "lediglich" chauvinistisch anzusehen sind. 


Chauvinismus an sich wäre jedoch auch schon ein Grund, Herrn Tönnies zu sanktionieren. Nicht unbedingt in einem strafrechtlichen Sinne (Gesinnungsstrafrecht hatten wir in dunklen Zeiten in diesem Land), aber in einem moralischen. Und in Zeiten, wo Verbände und auch einzelne Vereine viel Geld für blütenweißgewaschene Image-Kampagnen ausgeben und sich Werte wie Toleranz und Respekt auf die Fahnen schreiben, wäre es nur folgerichtig und kohärent, Herrn Tönnies als maximalem Repräsentant eines der bekanntesten Vereine der Republik vor die Tür zu setzen. Dies ginge eben auch im Falle chauvinistischer Verfehlungen. 


Wem also die Rassismus-Keule zu unproportional erscheint, der hätte trotzdem genug Mittel zur Hand, das Verhalten des Herrn Tönnies zu missbilligen und entsprechend zu ahnden.

Doch dies geschah vereinsintern schon mal nicht. Statt dessen nahm der Ehrenrat den von Tönnies selbst stammenden Vorschlag auf, sein Amt erstmal für drei Monate ruhen zu lassen. Bis dahin wird dann ja wohl genug Gras über die Sache gewachsen sein. Statt also von Vereinsseite aus ein Zeichen zu setzen, reicht man die heiße Kartoffel an die Ethik-Kommission des DFB weiter. 


Ethik-Kommission will erstmal prüfen, ob sie überhaupt zuständig ist


Dieses vierköpfige Gremium ist unabhängig und wacht über die Einhaltung des Ethik-Kodex des DFB. In diesem bekennt sich der DFB zu Qualität, Objektivität, Ehrlichkeit, Fairness und Integrität. Die Ethik-Kommission soll immer dann aktiv werden und Ermittlungen einleiten, wenn die Integrität und das Ansehen des Verbandes beschädigt wurde. Tönnies sprach die Worte, die die ganze Affäre losgetreten haben, als ein Repräsentant eines dem Verband zugehörigen Fußballvereins. Von daher ist natürlich auch das Ansehen des Verbandes beschädigt worden. 


Der Vorsitzende der Ethik-Kommission, Nikolas Schneider, betonte jedoch im Vorfeld, dass zunächst "rein formal auch die Zuständigkeit der Kommission" geklärt werden müsse. 

Das klingt schon irgendwie ungut. Wenn es angesichts der Äußerungen von Tönnies noch Zweifel in der Kommission gibt, ob sie überhaupt tätig werden müsse, kann man schon davon ausgehen, dass das Ganze wie das Hornburger Schießen ausgeht. Denn: die betreffenden Aussagen hat Tönnies in einem Rahmen getätigt, der außerhalb des DFB liegt. 


Causa Tönnies: Sitzen wir es doch einfach aus


Natürlich ist er ein Präsident eines dem Verband angeschlossenen Vereines, aber es wird jetzt wahrscheinlich der Versuch gemacht, die Kompetenzen abzustreiten und den Fall als private Sache des Herrn Tönnies (oder des FC Schalke 04) darzustellen. Die Frage bliebe dann aber: wozu braucht der DFB dann überhaupt eine solche Ethik-Kommission? 


Man hat in der ganzen Affäre mittlerweile das Gefühl, dass das Ganze ausgesessen werden soll. Zwar ist formal ein Prozess in Gang gesetzt worden, aber substantiell wird - so steht es zu befürchten - nicht viel dabei rumkommen. 


Die Ankündigungen des Herrn Nikolaus lassen auf jeden Fall diesen Schluss zu. Aber wieso sollte der Fußball eine andere Realität abbilden, als die Gesellschaft, in der er verankert ist?

In Zeiten, in denen nicht wenige Skandale in irgendwelchen monatelang tagenden Untersuchungsausschüssen solange untersucht werden, bis viele gar nicht mehr wissen, was überhaupt der Anlass der Untersuchungen war, braucht man sich über die Entwicklung im Fall Tönnies nicht wundern.