Torwart-Talent Alexander Nübel steht vor einer schwierigen, langfristigen Entscheidung: Bei ​Schalke 04 verlängern oder im nächsten Sommer ohne Ablöse wechseln? Für einen 22-Jährigen alles andere als einfach, und doch gibt es gerade im Netz viel Unmut ihm gegenüber - doch was hat er eigentlich falsch gemacht? Ein Kommentar.


Fußball-Fans die sich mit (deutschen) jungen Talenten befassen, werden Alex Nübel schon gekannt haben, bevor er zur letzten Rückrunde die Nummer Eins im S04-Tor wurde. Das Nervenflattern von Ralf Fährmann wurde für ihn zum Glücksgriff, auch wenn die beiden (die auch den gleichen Berater haben) als gute Kollegen gelten. 


Nübel hat sich stets korrekt verhalten


In der Rückrunde machte er in vielen Spielen auf sich aufmerksam. Gute Reaktionen, normalerweise stark am Ball, dazu trotz des noch jungen Alters sehr reflektiert und ruhig im Kopf. Das "Problem": Sein Vertrag auf Schalke läuft nächsten Sommer aus, man hat ihn vor der Rückrunde nicht verlängert - und dann wurde halb Europa neugierig. Für so manche Fans klar: Eindeutig Nübels Schuld. Ich sage: Quatsch!


Nübel kam im Sommer 2015, "mitgebracht" vom damaligen Trainer André Breitenreiter, war seitdem immer geduldig die Nummer Zwei, hinter S04-Ikone und Fan-Liebling Ralf Fährmann, der immer unbestritten im Tor stand. Trotzdem gab es schon damals keinerlei Neid, keine komischen Kommentare in irgendwelchen Interviews, keine Missgunst untereinander. Auch bis zur Rückrunde nicht - dann der Wechsel, den Nübel gelassen, sportlich und auch hier reflektiert zur Kenntnis nahm und versuchte, Schalke in der Liga zu halten.

Alexander Nuebel

Während der Vorbereitung war Nübel ein begehrter Kandidat für Autogramme und Selfies



Nun gibt es seit einigen Wochen das Thema der möglichen Vertragsverlängerung um ihn, dabei schlägt viel Häme von den eigenen Fans einem der eigenen Spieler gegenüber. Allein das finde ich schon ziemlich fragwürdig: Solange ein Spieler des eigenen Klubs das Trikot trägt, verdient er jeden Support. Dass sich ein 22-Jähriger Gedanken um seine sportliche Zukunft macht, die im Leben eines Profifußballers schlichtweg alles bedeuten kann, ist doch nur verständlich, menschlich und eigentlich verständlich. Eigentlich.


"Warum verlängert er nicht einfach?!" oder "Eine halbe Saison gespielt und schon Ziel XYZ im Kopf, undankbar!" sind häufige Kommentare der Kritiker. Fakt ist: Er hat(te) einen Vertrag, den er voll erfüllt hat. Wenn der Verein sehr spät auf ihn zukommt - wobei Jochen Schneider die Suppe auslöffeln muss - ist es doch legitim, wenn man sich weitere Angebote, die ihm zahlreich vorliegen werden, anguckt und sich überlegt, was das Beste für einen ist.


Auch vom Verein ist es kein Einknicken - es geht um Respekt und Verständnis


Dass er nun mehr Zeit braucht, gerade im Anblick des Alters und der noch vor ihm stehenden Karriere, sollte Verständnis bringen. Außerdem: Wäre der Abschied schon so sicher wie viele meinen, und deshalb die Tribüne fordern und ihm am liebsten die Kapitänsbinde vom Arm reißen würden, dann bräuchte er wohl kaum mehr Bedenkzeit. Apropos Kapitän: Wer denkt denn bitte wirklich, dass David Wagner ihn zum Kapitän macht, lediglich und alleine aus dem Grund, dass er hoffentlich verlängert? Wer das tatsächlich denkt, der kann gleich den Rauswurf des neuen Coaches fordern. 


Wenn man sich selbst in diese Situation hineindenkt, versteht man es vielleicht besser. Man steht vor einer wegweisenden Entscheidung im noch jungen Arbeitsleben. Eine falsche Entscheidung kann eine große Delle bringen. Wofür entscheidet man sich? Der frühe, vielleicht schon passende Sprung zum europäischen Topklub, oder doch die sichere Einsatzzeit, dazu viel Verantwortung als Führungsfigur - dafür bei S04 in einem Klub, der gerne mal die Wellen wechselt, auf der man reitet. Unbeständigkeit war über die letzten Jahre ein ständiger Begleiter. Solche Aspekte können Entscheidungen beeinflussen.

Deshalb ist es dem Jungen im Grunde doch nicht zu verübeln, dass er sich (noch etwas länger) Gedanken macht. Diese Angebote hätte er zum einen auch gar nicht bekommen, wäre sein Vertrag längst verlängert worden im Winter - wurde er aber nicht, nun ist man im Heute angekommen, in dem sich Alex Nübel noch entscheiden muss. Und natürlich ist es auch möglich, dass er verlängert und ein wichtiges Zeichen setzt. Aber ihn unter Druck setzen und hämische, missgünstige Kommentare ablassen, die ihm die Bank bei anderen Clubs wünschen, sind schlicht unnötig. 


Er ist die kommende Saison ein Schalker, Verlängerung hin oder her. Solange er das königsblaue Wappen trägt, sollte er auch wie ein Schalker behandelt und unterstützt werden. 


Wenn's gut läuft, auch noch über den Sommer 2020 hinaus. Wenn nicht, ist das kein Grund, ihn zu verspotten.