Turbulente Tage liegen hinter dem ​Hamburger SV. Anfang vergangener Woche wurde ein Bericht der SportBild veröffentlicht, nach dem Bakery Jatta bei seiner Einreise nach Deutschland falsche Angaben bezüglich seines Alters und seines Namens gemacht haben soll. In der Konsequenz wurde ein medialer Sturm losgetreten, in denen sich Vorverurteilungen des Spielers mit halbgaren Gerüchten mischten. Der HSV stand dabei von der ersten Sekunde an hinter seinem Spieler - und wird das, komme was komme, auch in Zukunft tun. Ein starkes Zeichen in diesen hysterischen Zeiten.

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Boldt: "Gesellschaftlicher Spießrutenlauf!"


Es bedarf gar nicht mehr der Nennung der einzelnen Ausfälle verbaler Art, deren sich das eine oder andere Massenmedium in der letzten Woche schuldig gemacht hat. Da wurde auf Basis einer bis heute nicht weiter erhärteten Anschuldigung ein "gesellschaftlicher Spießrutenlauf" (Jonas Boldt) gegen einen einzelnen Spieler veranstaltet, dass man sich schon bisweilen fremdschämen musste. 


Täglich wurden neue juristische Konsequenzen im Boulevard breitgetreten - in einer Angelegenheit, die bislang noch nicht mal ansatzweise über das Stadium des Gerüchts gekommen ist. Es wurde von Asyl-Betrug gefaselt (obwohl der Spieler gar kein Asyl beantragt hat), und unscharfe Fotos als Beweismittel veröffentlicht. Und wofür das Ganze? Welche Interessen, außer denen um der billigen Sensationsheischerei willen noch ein paar Zeitungen mehr zu verkaufen, haben die Verantwortlichen dieser Recherche geleitet?


Solidarität auch vom Stadt-Rivalen


Ewald Lienen, Technischer Direktor des Stadtrivalen FC St.Pauli,  brachte es gestern in der NDR-Sendung Sportclub auf den Punkt: was um Himmels Willen bringt eigentlich eine Zeitung dazu, in Zeiten wie diesen, in denen es doch eigentlich gravierendere und dringlichere Probleme gibt, ihren ganzen Eifer darauf zu verwenden, eine solche Geschichte rauszuhauen? 

Die Sport-Bild, so beschloss Lienen sein Statement gestern Abend, solle sich was schämen. Recht hat er! (​Lienens Aussagen im Wortlaut)


Der HSV jedenfalls hat in dieser Causa bisher mit bemerkenswerter Geradlinigkeit Loyalität zu seinem Spieler bewiesen. Und das nicht nur, weil die rechtlich geprüfte Faktenlage bisher recht dünn ist. Schließlich geht es, im Kern, bislang um nicht mehr als eine Anschuldigung eines Dritten. Doch Trainer Dieter Hecking ging jetzt sogar so weit, dem Spieler auch dann bedingungslosen Rückhalt zu garantieren, selbst wenn sich die ungeheuerlichen Anschuldigungen als wahr rausstellen sollten. 


Der ganze HSV steht hinter Jatta


"Wir wissen beim HSV, was wir an diesem Spieler haben. Sollte etwas Negatives rauskommen, werden wir als Verein alles dafür tun, dass er aufgefangen wird und alles für ihn gemacht wird. Dass er alles erfährt, was er braucht, nämlich Vertrauen", betonte der Coach gestern nochmals. Der Tenor im Klub ist: Alle für einen! 


Nachdem in den letzten Tagen schon einzelne Spieler (Hunt, van Drongelen) und auch Sportdirektor Jonas Boldt mit Instagram-Posts oder Interviews ihre Solidarität zu Jatta bekundet hatten, ist dieses vereinsumspannende Unterstützung nicht nur für den Spieler selbst ein großartiges Zeichen. 


Auch die Fans stehen hinter dem Gambier. Vor Tagen machte eine südkoreanische Anhängerin der Rothosen auf sich aufmerksam, als sie vor dem Stadion im Volkspark ein selbstgebasteltes Plakat in die Höhe hielt: "Egal ob Jatta oder Daffeh - Bakery gehört zum HSV!" Und auch die zum Pokalspiel in Chemnitz mitgereisten Hamburger Fans nutzten die Bühne, um ihre Unterstützung dem Spieler gegenüber zu bekunden. Im Stadion an der Gellertstraße breiteten sie ein riesiges Banner in ihrer Kurve aus, auf dem derselbe Spruch stand, den auch schon Rick van Drongelen vor wenigen Tagen auf seinem Instagram-Account gepostet hatte: "Bakery, no matter what - we got your back!" ("Was immer kommen mag, wir stehen hinter dir!"). 

Diese Wagenburgmentalität ist wichtig. Sie ist ein Zeichen sowohl nach innen als auch nach außen.


In Zeiten, in denen chauvinistische (oder direkt rassistische) Auswüchse um sich greifen, sich Sport-Kommentatoren dazu bemüßigt fühlen, während eines Fußballspiels unangebrachte Hitler-Parodien zum Besten zu geben - kurz: in solch Zeiten, in denen die Werte schneller zu erodieren schein, wie der Tee in der Halbzeitpause getrunken ist, ist eine klare Stellungnahme mehr als begrüßenswert. Sie ist absolut notwendig, um weiteren gestrig denkenden, die nur noch nicht vorgeprescht sind, zu zeigen: bis hierher und nicht weiter!