Man könnte meinen, ​Bayer 04 Leverkusen spiele mit einem anderen Team als noch in der vergangenen Saison. Auch wenn die neue Bundesligasaison erst kommendes Wochenende startet und dementsprechend der Rhythmus fehlt, ist der momentane Stand der Werkself katastrophal. So richtig ans Laufen kommt der Motor nicht. Die ersten Erinnerungen an Peter Boszs Zeit beim BVB kommen hoch...


Das vergangene halbe Jahr war wie eine Neugeburt des Leverkusener Offensivfußballs. Bayer 04 schoss Tore am Fließband, überzeugte durch attraktiven Fußball und ließ ein Kollektiv vieler guter Einzelspieler zu einer brutalen Einheit zusammenwachsen. Der Lohn war ein verdienter vierter Platz und die Qualifikation zur UEFA Champions League.


Bayer und Bosz: Boden der Tatsachen


Die sommerliche Vorbereitung sollte die guten Leistungen bestätigen, stabilisieren und ein Fundament für eine erfolgreiche Saison legen. Fünf Tage vor Start des Ligabetriebs kratzt man sich in Leverkusen nun den Kopf und fragt sich, was da bitte schief gelaufen ist. Die Mannschaft zeigt sich in einem untypischen Gesicht, es wirkt, als sei der Riese am schlafen. Gegen Aachen im Pokal zeigte sich die Mannschaft zwar optisch überlegen, nach vorne jedoch ohne Biss und Inspiration.


Die Probleme sind überall. Das Spielsystem von Bosz baut auf Ballbesitz auf, der offensiv entladen werden soll. Dementsprechend steht die Mannschaft von Bayer 04 extrem hoch - Konter sollten demnach schnell unterbunden werden. Dies klappt wenig bis gar nicht, der zwischenzeitliche Aachener Anschlusstreffer etwa war ein Konter aus dem Bilderbuch.

Aleksandar Dragovic,Stipe Batarilo Cerdic

Die Leverkusener Abwehr, hier Aleksandar Dragovic (links), wackelte gegen Alemannia Aachen bedenklich



Auch die Fitnesslevel der Stammspieler bereiten Sorgen. Durch Verletzungen und Einsätze für diverse Nationalmannschaften sind viele Stammspieler noch nicht bei 100 Prozent, darunter etwa die Stützen Jonathan Tah, Nadiem Amiri und Charles Aranguiz. 


Bosz gibt gegenüber des kicker so etwa am Beispiel Aranguiz offen zu, dass Spieler zum Teil früher eingesetzt werden als normal üblich. "Das Risiko von Verletzungen besteht. Bei Charly (Charles Aranguiz, Anm. d. Red.) machen wir das ein bisschen schneller, als wir es bei anderen Spielern gemacht haben. Er wird nach drei Wochen schon 90 Minuten spielen. Das ist kalkuliertes Risiko." Aranguiz wird folglich im Bundesligaauftakt gegen Paderborn anders als im Pokal gegen Aachen durchspielen - mit hoffentlich gutem Ausgang.


Schaut man sich die aktuelle Lage in Leverkusen an, kommen schnell Erinnerungen an den BVB unter Peter Bosz hoch. In der Saison 2017/18 startete auch die Borussia unter dem Niederländer famos, sackte jedoch bald ab. Bosz wurde schließlich nach 15 Spieltagen gefeuert. Man möchte es nicht hoffen, doch auch in Leverkusen erscheint dieser Verlauf wieder möglich.


Die Frage nach der Fitness


Doch warum funktionierte das System die vergangene Saison? Möglicherweise war Bosz der große Profiteur von der Fitnessarbeit seines Vorgängers Heiko Herrlich. Unter dessen Leitung überzeugte das Team zwar weniger spielerisch, jedoch war es topfit und laufbereit. Bosz übernahm also ein absolut ausdauerfähiges Team und konnte damit arbeiten. In diesem Sommer verzichtete der Niederländer jedoch auf große Fitnesseinheiten. Das Trainingslager war für die Spieler entspannter als erwartet, es gab keine Radtouren, keine großen Laufeinheiten. Das Training erfolgte gezielter.


Der Saisonstart wird zeigen, ob sich dies nicht rächt. Doch bei aller Kritik muss man Bosz zugute halten, dass schlechte Vorbereitungen Alltag im Fußball sind. Abgerechnet wird am ersten Spieltag auf dem Platz, das sieht der Niederländer selbst auch so. "Aber ich will [eine schlechte Vorbereitung] nicht als Ausrede sehen. Das Problem haben alle Trainer. Das ist halt der moderne Fußball", so Bosz im kicker.


Leverkusen: Prognostizierter Stolperstart


Ja, Leverkusen hat große Probleme. Ja, da ist noch deutlich Luft nach oben und ja, mit den Leistungen wird es eine ganz ganz schwierige Saison. Allerdings erlebt Leverkusen in jeder Saison einen chronischen Einbruch, meist nach der Winterpause. Lieber eine schlechte Phase zu Beginn, auf der man aufbauen und lernen kann, anstatt einen Einbruch in der Mitte, wenn man wieder die Ziele verspielt.


Zudem ist immer noch zu berücksichtigen, dass der Ligabetrieb erst noch startet. Die Mannschaft muss erstmal in den Rhythmus kommen, den nötigen Fitnesszustand erreichen und die Spätankömmlinge eingliedern.


Jedoch ist die Defensivleistung inzwischen so katastrophal, dass man sich hier definitiv noch nach Verstärkungen umschauen sollte. Die defensive Anfälligkeit ist nicht erst seit gestern in Leverkusen ein Problem. Es erscheint unfassbar, dass man diese Anfälligkeit seit Jahren nicht gelöst bekommt. Ohne eine sichere Abwehr kann auch die beste Offensive nichts reißen, von daher sollte Leverkusen aufpassen, bei aller Angriffseuphorie um Havertz, Volland und Co nicht die Abwehr zu sehr zu vernachlässigen.