​Endlich wieder Fußball! Ich glaube, mehr muss ich nicht mehr schreiben, um auszudrücken, was wirklich jeder Fußballfan in Deutschland momentan denkt. Mit dem DFB-Pokal steigen eine Vielzahl von Teams in die neue Saison und die Gefahr ist groß, direkt auf dem Boden der Tatsachen aufzuschlagen. Auch mein Verein, ​Bayer 04 Leverkusen, bettelt häufig darum, sich im Pokal zu blamieren. Deshalb hatte ich gestern vor dem Erstrundenspiel gegen Aachen gemischte Gefühle. Mein Stadionbericht aus dem Aachener Tivoli:


Kennt ihr diese Vorfreude, wenn es bald wieder ins Stadion geht? Dieses Gefühl zwischen Aufregung, Spaß und ein wenig Nervosität? Kennt ihr diese Sucht, ja fast schon dieses Selbstverständnis, immer wieder in den Block gehen zu müssen? Egal wie scheiße es läuft, egal wie viele Rückschläge man erlebte, irgendwie zieht es einen doch immer wieder hinein...


Dieses Gefühl hatte ich Freitagabend. Endlich, endlich kann ich wieder ins Stadion. Durch meinen Wohnungsort in Münster und diversen Terminen, die natürlich immer auf den Wochenenden lagen, war es mir seit Mitte März verwehrt, meinen Bayer live im Stadion zu sehen - trotz Dauerkarte für die BayArena. Anders formuliert: Die Sucht hatte mich gepackt und ich konnte es kaum noch erwarten!


Also, Blick nach vorn und ab gehts. Doch erstmal nahm ich ein wenig Nachhilfe in Kartenkunde, denn Münster und Aachen liegen weiter auseinander als man erwarten würde. Eine mehrstündige Bahnfahrt lag vor mir, auch weil ich erst nach Leverkusen musste, um den Entlastungszug nach Aachen zu erwischen, denn eine Auswärtstour mit gleichgesinnten Fans und Freunden lässt man sich nicht entgehen!


Was tut man nicht alles für seinen Verein...?


Also morgens um 6 Uhr aufgestanden, um 8:34 Uhr geht die Bahn Richtung Leverkusen Opladen, von wo der Entlaster startete. Nach fast zwei Stunden Bahnfahrt endlich wieder in der alten Heimat. Sammelpunkt der Auswärtsfahrer war direkt neben dem Bahnhof. Die Stimmung war ausgezeichnet, das Bier floss reichlich (bei dem ein oder anderen etwas zu reichlich...) und schon konnte die nochmal fast 90-minütige Bahnfahrt gen Aachen starten. Zeit zum anstoßen, quatschen, einstimmen und genießen!


In Aachen wurden wir dann direkt in die Busse Richtung Tivoli eingeschleust. Ärger mit der Polizei oder gegnerischen Fans gab es Gott sei Dank keinen, wodurch die Hinfahrt bis auf die überraschend lange Busfahrt erstaunlich ruhig verlief. Genauso lax verlief auch die Sicherheitskontrolle am Stadion. Wir alle waren uns einig, dass wir schon deutlich peniblere Kontrollen erlebt hatten, aber egal, uns Fans stört das ja am Wenigsten.


Der Tivoli hat schon irgendwie was...


Auf dem Tivoli selbst bekam ich gemischte Gefühle. Einerseits war ich glücklich, endlich mal das berühmte Aachener Stadion zu besuchen, andererseits sind es nicht weniger als das Stadion und die daraus resultierenden Geldprobleme gewesen, die die Alemannia in die Regionalliga bugsierten. Schön ist das Stadion allerdings allemal und im Grunde ist es auch zu groß für Liga Vier, aber das war heute nicht wichtig. Das Stadion war ausverkauft und Aachen war froh, endlich mal wieder mit den "Großen" mitschnuppern zu dürfen.


An die großen Zeiten in Aachen erinnerte auch die Choreografie des Stehblocks der Alemannia, die jedoch völlig in die Hose ging. Das kennt man in Leverkusen nur zu gut, weshalb man den Schmerz der Aachener Fans förmlich spüren konnte. Die kleine Choreo aus unserem Block war unspektakulär, ließ den Auswärtsblock aber im satten rot leuchten - ein schöner Kontrast zu den schwarzen Mottoshirts, die vorab verkauft wurden.


Mehrere tausend Leverkusener schafften es Samstag nach Aachen


Alle hatten Bock auf diesen Pokalkick. Besonders Aachen brannte auf die Sensation, weshalb Mannschaft und Fans der Schwarz-Gelben auch ordentlich loslegten, während die Elf aus meiner Farbenstadt etwas behäbig und uninspiriert wirkte. Diesen Eindruck wurde man trotz der 2:0 Halbzeitführung auch nicht los. (Fun-Fact: In der Zusammenfassung der Sportschau sieht man mich nach dem 2:0 meine Stehnachbarin umarmen)


Prompt kassierte Leverkusen nach der Pause den Anschlusstreffer und der Tivoli explodierte. Schön zu sehen, dass der schlafende Riese auch noch erwachen kann. Anschließend spielte Alemannia, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Ein großer Klassenunterschied wurde zwischen den Teams nicht deutlich. Und auch im Leverkusener Block schien sich eine leichte Nervosität breit zu machen, berauschend war die Stimmung zu diesem Zeitpunkt nicht.


Doch irgendwann merkte man Aachen die Müdigkeit an und Leverkusen spielte die Partie routiniert herunter. In der Schlussviertelstunde machte der Bayer schließlich Nägel mit Köpfen - das Spiel war durch. Dennoch war das Spiel für Aachen ein Fest, die Mannschaft wurde nach dem Spiel mit viel Applaus und Jubel für ihren engagierten Auftritt belohnt. Der Aachener Steher blieb noch lange gefüllt!


Die Alemannia ließ sich zu Recht feiern!


Und auch auf der Seite der Auswärtsfans wurde ordentlich gefeiert. Relativ sicher hat man Runde Zwei im Pokal erreicht - Teil Eins von der Road to Berlin 2020 ist abgehakt. Unschön waren jedoch einige Pöbeleien zwischen Aachenern und Leverkusenern. Leute, uns trennen drei Ligen und eine regionale Konkurrenz ist auch nicht vorhanden...


Da muss noch mehr kommen!


Und sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen war aus Leverkusener Sicht noch Luft nach oben. Die Leistungen waren zwar ordentlich, zum Teil ließen wir Fans das Stadion auch ordentlich knallen, aber so richtig entwickelte sich keine Euphorie. Und ich sag mal so: Gegen München, Dortmund, Leipzig oder Gladbach kannste mit der Leistung von gestern nichts reißen, da muss mehr kommen!


Nächste Woche im Bundesligaauftakt gegen den SC Paderborn wird sich zeigen, ob es eine Entwicklung gibt. Auch da werd ich mir wieder live ein Bild machen dürfen und seien wir mal ehrlich, im heimischen Stadion fühlt man sich doch immer am wohlsten! Also heißt es nächsten Samstag wieder Bahnfahren und Vollgas für den Verein geben! Denn Liebe kennt keine Kilometer...


Gestern ging es erstmal wieder zurück ins Münsterland und als ich nach fast vier weiteren Stunden Bahnfahrt endlich in mein Bett fiel, hundemüde, mit schweren Beinen und Kopfschmerzen, aber mit einem Lächeln, dachte ich mir nur eins: 


Ich liebe diesen Sport!