In diesen verrückten Zeiten mutet der Planet Fußball mitunter wie aus der Umlaufbahn gestoßen an. Verrückte Transfers mit aberwitzigen Ablösezahlungen scheinen ganz Europa erfasst zu haben. Ganz Europa? Nein: in einem zwar nicht gallischen Dorf  im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz wird immer noch Fußball gewirtschaftet wie man es von vor der postfaktischen Zeit her kennt. Und das auch noch mit Erfolg. 


Das erwähnte "Dorf" ist korrekterweise auch nicht das, sondern eine Großstadt, wenn auch eine der kleineren, die unter dieser statistischen Bezeichnung firmieren. Es geht, man ahnt es schon, um den ​SC Freiburg. Jener Enklave des anti-turbokapitalistischen Fußballs, in der - man höre und staune - auch das Menschliche noch seinen Platz hat. Sinnbildlich dafür steht der Trainer dieses Klubs: ​Christian Streich

Christian Streich

Das Gesicht des SC Freiburg: Trainer Christian Streich 



Wenn man mit dem 54-jährigen Streich über Fußball im Allgemeinen und seinen SC Freiburg im Besonderen redet, fällt immer wieder der Begriff "Sozialkompetenz". Mehr als die Belastungsresistenz bei Dauerläufen, mehr als die Tatsache ob einer beidfüßig ist oder nicht,  schaut man beim SC auf die charakterlichen Eigenschaften eines Spielers. Alles wird in Freiburg dem großen Ziel untergeordnet: Fußballer besser zu machen, sie aber auch als Menschen zu formen. Der hektische Blick auf die Tabelle ist deshalb in Freiburg wohl seltener als bei allen anderen Bundesligisten. 


Als solcher versteht sich der SC Freiburg auch gar nicht. Vielmehr fühlt man sich der Gruppe der ersten 24 deutschen Vereine zugehörig. Heißt: ein Abstieg in Liga 2 wäre in Freiburg nie die Katastrophe, die sie in Stuttgart, Hamburg oder sonstwo bedeuten würde. Man kalkuliert den Absturz in Freiburg permanent ein. So kommt gar nicht erst lähmende Angst ob der tabellarischen Realitäten auf. Das alles in einem quasi-familiären Rahmen, wo sich die Mitarbeiter noch per Namen und Handschlag begrüßen. Und das Geld wird hier auch nicht mit vollen Händen ausgegeben, sondern lieber mal in infrastrukturelle Projekte wie dem Stadion-Neubau gesteckt. Vielleicht schon in diesem Winter, spätestens aber zur nächsten Saison wollen die Breisgauer in die neue sportliche Heimat umziehen. Das Schmuckkästchen, mit 76 Millionen Euro Baukosten ein eher bescheidener Neubau, steht bereits. 


Überhaupt Geld: vielleicht einer der Schlüssel des Erfolges der Schwarzwälder. Nicht dass sie davon übermäßig viel hätten - nein, sie geben es nur anscheinend geschickter aus als viele der Konkurrenten. Entsprechend lobte DFL-Chef Christian Seifert das Freiburger Geschäftsmodell kürzlich über den Klee: "Ich habe in vielen Dingen den Eindruck, dass man beim Sport-Club weiß, was man tut. Der SC Freiburg ist der zweitbeste Klub der Liga, wenn man das Abschneiden in den letzten fünf Jahren in Relation zum Geldmitteleinsatz betrachtet." 

Ein Blick auf die Einnahmen und Ausgaben der vergangenen Jahre und die entsprechenden Platzierungen in der Schlusstabelle (Quelle: transfermarkt.de) verdeutlicht dieses Lob:


Saison                Einnahmen                     Ausgaben                  Überschuss          Platzierung

14/15                    18,60 Mio.                      14,35 Mio.                    + 4,25                        17.

15/16 (2.Liga)      25,75                                 4,93                           + 20,82                        1.

16/17                      5,15                               11,50                            - 6,35                          7.

17/18                    27,80                               20,25                           + 7,55                         15.

18/19                    22,68                               17,20                           + 5,48                         13.

19/20                      4,95                               14,00                            - 9,05                          ?


In zwei Wochen beginnt die neue Bundesliga-Saison. Der SC Freiburg wird von Beginn an, wie in jedem Jahr, gegen den Abstieg spielen. Doch was woanders Drama wäre, ist hier selbstverständlich gelebte Realität. Und vielleicht werden sie es am Ende auch wieder schaffen, "drin" zu bleiben. Eben alles wie gehabt, in diesem Klub, der nicht ist wie die anderen.