​"Alarmstufe rot" vermeldet jetzt die Marca. Die Vorbereitung auf die Saison 2019/20 gerät für ​Real Madrid immer mehr zum Desaster. Doch der hauptamtlich für die Mannschaft Verantwortliche rezitiert nur immer wieder die gleichen Beschwörungsformeln.


Katastrophale Testspielergebnisse


Man musste sich bisweilen die Augen reiben, um in der in weiß gekleideten Mannschaft das Team zu erkennen, das in den vergangenen fünf Jahren viermal (!) die Champions League nach Madrid holen konnte. Von der einstigen Leichtigkeit und Eleganz ist nichts mehr da. 


Das 1:3 gegen die Bayern in Houston konnte noch unter der Rubrik "Aller Anfang ist schwer" verbucht werden. Nach dem 2:2 gegen Arsenal London (also eine Mannschaft, die in der vergangenen Spielzeit nicht mal unter die ersten vier in England gekommen war) wurden die Sorgenfalten rund um die Königlichen schon tiefer. Negativer Höhepunkt bislang war dann sicherlich die ​3:7-Abfuhr gegen den Stadtrivalen Atlético.


Nach der sollte beim Audi-Cup eigentlich die Wende kommen - doch wieder verlor das mit bislang mehr als 330 Millionen Euro aufgepimpte Star-Ensemble. Die Fragen in der spanischen Hauptstadt (und nicht nur da) mehren sich: hat Zidane das alles noch im Griff? Es gibt zumindest Anzeichen, dass dem nicht so sein könnte. 


Natürlich gebührt einem ehemaligen Weltklassespieler wie Zinédine Zidane ein gewisses Grundvertrauen. Zumal er ja auch als Trainer in der jüngsten Vergangenheit schon unter Beweis gestellt hat, "Real zu können". Von den erwähnten vier Triumphen in der Königsklasse seit 2014 kann er drei für sich verbuchen. So einen Trainer stellt man erstmal nicht in Zweifel.  Aber der Fußball ist komplizierter als die Summe seiner vermeintlichen Einzelteile. Ein guter Trainer kann trotzdem scheitern. Auch bei einem Klub wie Real Madrid. Oder müsste man sagen: gerade bei solch einem Verein. Wenn nach einer glorreichen Etappe voller Erfolge (zumindest auf internationaler Ebene) eine Mannschaft zu satt zu werden droht, muss ein radikaler Umbruch her. 


Umbruch wurde verpasst


Über Jahre verdiente Spieler, die allerdings entsprechend auch in die Jahre gekommen sind, sind mittlerweile über ihren Zenit gekommen. Luka Modric (33), Toni Kroos (29), Marcelo (31), Sergio Ramos (33), Karim Benzema (31) - sie alle stehen zweifellos für eine der erfolgreichsten Epochen der Vereinsgeschichte eines der größten Vereine überhaupt - aber (und in Abwandlung eines bekannten Sinnspruches): fürs Gewesene gibt der Real-Fan nichts. 


Die Titel von gestern: eigentlich nur der Spiegel, in dem der geneigte madridista auch die Gegenwart und die Zukunft dargestellt sehen will. Doch der Zug einer rechtzeitigen Blutauffrischung scheint für diesen Sommer abgefahren zu sein. Dabei hat man durchaus einige vielversprechende (und teure) Talente geholt. Vinicius Junior kam schon im vergangenen Jahr (für 42 Millionen Euro) und war einer der wenigen Lichtblicke. Nach seiner Verletzung im Frühjahr jedoch, und der dadurch verpassten Copa America, scheint er noch nicht wieder auf diesem Level angekommen zu sein. Rodrygo, immerhin 45 MIllionen Euro teuer, ist bislang nicht mehr als eine Ergänzung. Das Heft des offensiven Handelns kann er noch nicht in die Hand nehmen. Der einzige Neuzugang von nahezu galaktischem Rang ist Eden Hazard, von dem bisher nicht nur die madrid-nahe as bislang "keine Spur" gesehen hat. Andeutungsweise und in homöopathischen Dosen hat der Belgier sein Talent bisher gezeigt. Zu wenig, um das Projekt Umbruch anzuführen. Sinnbildlich passt dazu, dass bei seiner Präsentation im Bernabéu-Stadion viele der 30.000 Anwesenden lauthals nach Pogba riefen. 


Doch der würde teuer werden. Für weniger als 150 Millionen, so schätzt man in Concha Espina, wird Manchester United den Weltmeister nicht ziehen lassen. Die Verkaufsbasis der Engländer soll bei 200 Millionen Euro liegen. 


Zidanes Vabanquespiel in der Torwartfrage


Doch unabhängig von Spielern, die noch gar nicht da sind, hat Zidane noch ganz andere Probleme zu lösen: so hat er sich recht frühzeitig auf Thibaut Courtois als Nummer Eins zwischen den Pfosten festgelegt. Dumm nur, dass ebendieser Courtois seit seinem Wechsel von Chelsea London zu den Königlichen nicht an das bei Atlético oder Chelsea gezeigte Niveau heranreichen konnte. Keylor Navas hingegen zählt für Zidane offensichtlich nicht. Ebenfalls nur dumm, dass ebendieser beim gestrigen Auftritt im Audi-Cup gegen Tottenham Hotspur (0:1) eine ganz famose Leistung ablieferte. Ohne ihn wäre Real wohl wieder ähnlich unter die Räder gekommen wie in den vergangenen Wochen. Auch bei den Fans ist der Costa Ricaner Navas sehr beliebt. 


Zidane geht mit seiner Entscheidung pro Courtois hohes Risiko. Stimmen die Ergebnisse in den ersten offiziellen Spielen der Saison nicht, könnte ihm diese Personalie schnell um die Ohren fliegen. 


James für Zidane offensichtlich nicht wichtig


Genauso wie die vom Ex-Bayer James. Der Kolumbianer sollte eigentlich verkauft werden. Ein Angebot des SSC Neapel stand im Raum, finalisierte sich aber am Ende nicht. Dann war er bei Atlético Madrid im Gespräch. Doch mit der Verletzung von Marco Asensio schien sich das Blatt zu wenden. Doch anstatt den Kolumbianer zumindest verbal ein paar Streicheleinheiten zu geben, beschränkte sich Zizou kürzlich lediglich auf die trockene Bemerkung: "Keine Ahnung was (mit ihm) passiert. Wir sind hier am trainieren und am spielen, und ich denke nur daran." Ein Vertrauensvorschuss hört sich anders an. 


Dauer-Baustelle Gareth Bale


Und dann wäre da ja noch die weiterhin ungeklärte Situation von Großverdiener Gareth Bale. Dessen Wechsel nach China platzte unlängst. Nach München nahm Zidane den Waliser ebenfalls nicht mit. 


Alles in einem eine ganze Reihe an ungelösten Problemen und nicht aufgelösten Baustellen beim königlichen Klub gute zwei Wochen vor Saisonstart. Und Zidane beschwört weiterhin einfach die Zukunft und dass sich "nach dem ersten Sieg" alles von alleine regeln wird. Getreu dem Motto: Augen zu und durch. 


Ein mit weniger Vorschusslorbeeren bedachter Trainer müsste spätestens jetzt arg um seinen Job bangen. Aber auch dem Weltmeister von 1998 helfen in den kommenden Wochen nur noch Siege. Wie auch immer sie zustande kommen mögen.