Gestern kam überraschend die Meldung heraus, Sebastian Rudy würde kurz vor einem Abgang bei ​​Schalke 04 stehen. Eine Leihe zurück zur TSG Hoffenheim stehe kurz bevor -  wie so häufig: rege Diskussionen unter den Schalke-Anhängern. Ich meine: Eine überraschende und mutige Entscheidung, die aber verständlich ist.


Während der Pause zwischen Bundesliga-Ende und Start der neuen Vorbereitung hatte S04-Sportvorstand Jochen Schneider noch betont, er habe Sebastian Rudy ​"in den vergangenen Wochen wieder deutlich positiver wahrgenommen". Auch Rudy selbst hatte mit seiner kämpferischen Aussage, in der kommenden Saison definitiv auf Schalke zu spielen, Hoffnungen auf eine bessere Saison für ihn geweckt. 


Das ist nun Vergangenheit, der 29-Jährige soll noch heute den Medizincheck absolvieren und seine Unterschrift unter den (Leih-)Vertrag setzen, berichtet die Bild.


Diese Meldung sorgte gestern für viel Gesprächsstoff. Wie zuletzt häufiger gab es in den Schalker Kommentarspalten viele verschiedene Ansichten, es wurde viel diskutiert - positiv, wie negativ. 


Wagner sieht andere Spieler vorne - genug Kandidaten auf der Doppelsechs


Dass Rudy nun plötzlich geht, und damit mindestens eine Saison lang nicht für S04 auflaufen wird, zeigt gleich mehrere Dinge. Vor allem ist es meines Erachtens aber im Grunde eine vernünftige und nachvollziehbare Entscheidung seitens Trainer David Wagner und Schneider, aus Sicht von Schalke. 


Dass man ihn gehen lässt, wenn auch "nur" per Leihgeschäft, macht ganz objektiv gesehen zunächst mal eins deutlich: Man plant nicht wirklich mit ihm, Wagner sieht andere Kandidaten im Vorteil. Auch Schneider scheint der Ansicht zu sein, denn man wolle derartige Entscheidungen nur noch im Kollektiv entscheiden, hieß es in den letzten Wochen. Das wird vor allem am Plan Wagners liegen, wie er Fußball spielen lassen will, und an den Konkurrenten, die Rudy auf der (Doppel-)Sechs hat - beides natürlich im Bezug zueinander. 

Sebastian Rudy,Weston McKennie

Rudy wirkte über die letzte Saison sehr unglücklich, auch auf dem Feld



Das geplante schnelle Umschalten wird einer der Hauptaspekte sein, in denen Wagner den möglichen Schlüssel zum Erfolg sieht. Doch da gibt es bereits Probleme: Rudy ist (auf der Position) nicht unbedingt der Schnellste, dazu hat er seine unbestrittenen Stärken als Ballverteiler, wenn er in einem Ballbesitz-Team seine Mitspieler aus der Position heraus bespielen und mit Bällen versorgen kann. Dieses für ihn vermutlich notwendige, "ruhigere" Spiel wird nicht im Fokus von S04 liegen. Vielmehr gilt es, möglichst schnell und früh den Ball zu erobern und das mit dem direktem Zug zum Tor zu verbinden - da fällt der gebürtige Baden-Württemberger wahrscheinlich hinten rüber.


Demnach wird man auf seiner eigentlichen Position anders planen. Mit Benjamin Stambouli, Omar Mascarell, Weston McKennie, Suat Serdar und Levent Mercan hat man dazu genügend Spieler, die dort spielen könnten. Auf der Doppelsechs des anvisierten 4-2-3-1-Systems plant man häufig mit zwei verschiedenen Spielertypen: Einem schnellen Spieler, der auch offensive Aktionen begleiten kann (beispielsweise McKennie oder Serdar), und einem eher defensiveren Counterpart, der für die defensive Stabilität und das Ballverteilen zuständig ist (hier: Stambouli/Mascarell). 


Auch wenn Rudy das Ballverteilen theoretisch besser beherrscht als die beiden zuletzt genannten, hat er doch klare Nachteile ihnen gegenüber, wenn es um die Arbeit in der Defensive geht. Demnach ergibt es von den Positionen, Rollen und Aufgaben her Sinn, ihn vorerst abzugeben.  


Kein automatischer Schritt zurück zum Anti-Fußball - dazu kommt Geld in die klammen Kassen


Das gestern häufig aufgekommene Argument, ein Rudy-Abgang würde (erneut) den Schritt weg vom offensiv und attraktiv geplanten Fußball bedeuten, sehe ich demnach nicht. Natürlich ist es ebenso wenig aussagekräftig, einen (neuen) Spieler nach seiner ersten Saison beim neuen Klub zu beurteilen - den Fehler machten viele bei Fan-Liebling Stambouli. Doch auch die bisherigen Auftritte in den letzten Testspielen machten eher wenig Hoffnung auf eine Wende bei Rudy, es waren deutlich zu wenig positive Akzente zu sehen, aus denen man Hoffnung schöpfen könnte. 

Jochen Schneider

Schneider braucht für potenzielle weitere Neuzugänge dringend weiteres Geld



Ein anderer Aspekt ist die finanzielle Sicht. Durch eine Leihe wird S04 vermutlich noch eine Gebühr von vielleicht einer Million Euro bekommen, dazu (geschätzt) rund vier bis fünf Millionen Euro an Gehalt einsparen können. Geld, das im einen oder anderen Transferpoker noch nützlich sein kann. Dieses Geld könnte zum Beispiel Schneider helfen, ein leicht verbessertes Angebot an Atalanta Bergamo zu schicken, um den Linksverteidiger und S04-Sympathisanten Robin Gosens zu verpflichten. Bevor es still um ihn wurde, hieß es, Spieler und Schalke seien sich bereits einig, doch Bergamo empfinde das Angebot als zu niedrig. Damit könnte man nun einen wichtigen Schritt gehen. 


Unter Betrachtung dieser Faktoren ergibt es meiner Meinung nach Sinn, diesen Schritt zu gehen. Was jedoch fraglich bleibt, ist, wie man mit dieser (angeblichen) Leihe umgeht. Vor allem: Gibt es eine Kaufoption oder gar -pflicht? Sollte Rudy auch in Hoffenheim weiterhin nicht wieder zu alter Stärke zurückfinden, hat Schalke ihn in der nächsten Saison mit einem noch niedrigeren Marktwert zurück. Immerhin hat man die sehr stolze Summe von 16 Millionen Euro für ihn bezahlt. Sollte er jedoch wieder Durchstarten können, und der Marktwert dementsprechend steigen, könnte man aufseiten Schalkes mit einer etwaigen Kaufoption unter den Erwartungen gelegen haben.


Da dies aber bislang nur Spekulationen sind und man abwarten muss, wie sich der Vertrag gestaltet, stehen die Vorteile für S04 deutlich über den eventuell nachfolgenden, ärgerlichen Nachteilen. Und selbst wenn, ist eine möglicherweise (!) zu niedrig verhandelte Kaufoption dann immer noch kein Grund, diese ganze Aktion in schlechtem Licht zu sehen. Auf Schalke braucht man das Geld auch jetzt - man möchte mit Wagner etwas aufbauen und ihm dafür die bestmöglichen Mittel zur Verfügung stellen. Wenn Rudy nicht dazugehört, und dafür noch etwas Geld freiwerden kann, dann ist das so. Dafür wird man zeigen müssen, dass es die anderen Kandidaten mindestens genauso gut können wie Rudy.